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Ärger bei Umsetzung der TRBS 2121-1 Gerüstbauer: Streit um Geländer

In einem Punkt sind sich Gerüstbauer und Berufsgenossenschaft einig: Jeder Unfall ist einer zu viel. Doch wem und warum Unfälle passieren und wie sich das am besten vermeiden ließe, da scheiden sich die Geister. Warum sich die beiden Seiten beharken und was Gerüstbauer jetzt wissen müssen.

Im ersten Halbjahr 2018 verunglückten auf deutschen Baustellen vier Menschen tödlich beim Sturz von einem Gerüst. 2017 waren es acht, 2016 sechs (DGUV Statistik Arbeitsunfallgeschehen).

Waren Gerüstbauer oder Gerüstnutzer betroffen? Bernhard Arenz, Leiter des Fachbereichs Bauwesen bei der Berufsgenossenschaft Bau (BG Bau), will diese Unterscheidung nicht machen: "Aber es ist erwiesen, dass bei der Gerüstmontage auf der obersten Lage Unfälle passieren.“

Wer verunglückt: Gerüstbauer oder Gerüstnutzer?

Für die Gerüstbauer macht die Frage nach dem "Wer“ einen großen Unterschied. "Leider wird in offiziellen Veröffentlichungen der Unfallzahlen oft der Eindruck vermittelt, dass der Großteil der tödlichen Unfallzahlen Gerüstbaubetrieben zuzuordnen sei“, beklagt Sabrina Luther, Geschäftsführerin der Bundesinnung für das Gerüstbauer-Handwerk. Tatsächlich liege das größte Unfallrisiko aber nicht im Auf- und Abbau der Gerüste, sondern in der Nutzung. Gerüste würden oft nachträglich verändert, beispielsweise weil ein Geländer beim Transport von Material im Wege ist. Dadurch entstünden Unfallgefahren. Hier die Reaktion der Bundesinnung für das Gerüstbauer-Handwerk.

Die im Februar in Kraft getretene technische Regel für Betriebssicherheit TRBS 2121-1 verlangt jetzt von beiden, Gerüstbauern wie Gerüstnutzern, strengere Vorkehrungen für die Arbeitssicherheit.

Kernpunkt ist die Regel aus der Betriebssicherheitsverordnung, dass technische Schutzmaßnahmen Vorrang haben vor organisatorischen und dass personenbezogene Schutzmaßnahmen die letzte Lösung sein müssen (TOP-Prinzip).

Strengere Sicherheitsregeln für Gerüstbauer

Die TRBS 2121-1 beschäftigt sich mit der Gefährdung von Beschäftigten durch Absturz bei der Verwendung von Gerüsten. Vor allem der Punkt 4.2 zum Auf-, Um- und Abbau von Gerüsten bereitet Gerüstbauern Kopfzerbrechen. Die Regel verlangt nun das strenge Vorgehen nach dem TOP-Prinzip (technische vor organisatorischen vor persönlichen Schutzmaßnahmen):
  • Beim Auf-, Um- und Abbau müssen Beschäftigte gegen Absturz geschützt sein.
  • Die Absturzsicherung ist eine technische Schutzmaßnahme und ist als Seitenschutz auszuführen.
  • Vor dem vertikalen Handtransport von Gerüstbauteilen muss in dem jeweiligen Gerüstabschnitt in den Gerüstfeldern mindestens ein zweiteiliger Seitenschutz (bestehend aus Geländer und Zwischenholm) vorhanden sein.
  • Auf der obersten Gerüstlage ist für den Horizontaltransport von Gerüstbauteilen bei durchgehender Gerüstflucht mindestens ein einteiliger Seitenschutz oder ein Montagesicherungsgeländer zu verwenden, sofern nicht bauliche Gegebenheiten, wie z. B. Balkone, Erker oder besondere Gerüstbauarten, wie z. B. Hänge- oder Raumgerüst, diese Maßnahme der Absturzsicherung nicht ermöglichen.
  • Für den Auf-, Um- und Abbau von Arbeits- und Schutzgerüsten eignet sich als Absturzsicherung auf der jeweils obersten Gerüstlage, die für den Horizontaltransport und die Montage genutzt wird, z. B. ein Geländerholm nach DIN EN 12811-1:2004-03.
  • Sind Absturzsicherungen nicht möglich, müssen Auffangeinrichtungen verwendet werden. Die Auffangeinrichtung ist als Schutzgerüst oder Schutznetz auszuführen.
  • Ist eine technische Schutzmaßnahme aufgrund des einzurüstenden Objekts, der Gerüstbauart oder der zusätzlichen Konstruktion nach statischen Erfordernissen nicht möglich, ist als personenbezogene Schutzmaßnahme eine geeignete persönliche Schutzausrüstung gegen Absturz (PSAgA) zu verwenden.
  • Die Verwendung der PSAgA ist insbesondere bei allen Gerüstausführungen erforderlich, wenn andere Maßnahmen nicht möglich sind, z. B. wenn nach Länge und Höhe keine durchgehende Gerüstflucht ohne Vor- und Rücksprünge vorhanden ist, sowie bei Raumgerüsten, Gerüsttreppen und Treppentürmen, Überbrückungskonstruktionen, auskragenden Gerüstbauteilen und Hängegerüsten.
  • Der Arbeitgeber hat für die bestimmungsgemäße Verwendung der PSAgA zu sorgen. Dies setzt das Vorhandensein von geeigneten Anschlagpunkten und eine besondere Gefährdungsbeurteilung voraus.
  • Das bedingt eine gesonderte Unterweisung der Beschäftigten in der ordnungsgemäßen Verwendung der PSAgA, welche auch die Durchführung der erforderlichen Rettungsmaßnahmen nach dem Auffangvorgang beinhaltet. Am Einsatzort ist die erforderliche Ausrüstung zur Rettung in Abhängigkeit des Rettungskonzepts bereit zu halten.
Achtung! Dies ist nicht das Regelwerk im Wortlaut! Link zum Original-Text der TRBS 2121-1 siehe unten.

Ohne Schutz auf dem Gerüst

Bisher wurde in der Praxis toleriert, wenn Gerüstbauer viele ihrer Arbeiten über einen Anseilschutz absicherten. In Ausnahmefällen durften besonders Qualifizierte ganz ohne Sicherung arbeiten. Doch genau da setzt die Kritik der BG an: "Im Gerüstbau ist eine Akzeptanz der persönlichen Schutzausrüstung nicht vorhanden! Wir haben hier eine Vielzahl an Ordnungswidrigkeiten“, so Arenz.

Die TRBS setzt folglich das TOP-Prinzip strenger um. Weil bei der Gerüstmontage auf der obersten Lage eine seitliche Sicherung fehlt, sollen die Gerüstbauer künftig von der unteren, bereits gesicherten Lage aus vorlaufende Geländer montieren.

Hohe Investitionskosten, unproduktive Arbeit und praxisfern

Das verlangt von den Betrieben, entsprechendes Material nachzurüsten, es zur Baustelle und auf das Gerüst zu transportieren und es bei jeder einzelnen Lage erst zu montieren und dann wieder zu demontieren. "Für die Branche wird das ein echtes Problem“, sieht Sabrina Luther. Investitionskosten, unproduktive Arbeit, vor allem aber die Praxisferne kritisiert sie: "Der Regelsetzer hatte hier nur die glatte Hausfassade vor Augen. Insofern ist die Ausnahmesituation zur Regel gemacht worden.“ Die Unternehmer würden in Fällen allein gelassen, in denen aufgrund der örtlichen Gegebenheiten keine Sicherung möglich ist.

Dem widerspricht Arenz. Diese Fälle seien sehr wohl Bestandteil der TRBS. Sind Montagegeländer oder Auffangeinrichtungen nicht möglich, müssen die Gerüstbauer laut TRBS auf einen geeigneten Sicherungsgurt zurückgreifen.

Gerüsthersteller sind am Zug

Jetzt seien aber erst einmal die Gerüsthersteller am Zuge, sagt Marco Einhaus, Leiter des Sachgebiets Hochbau bei der BG Bau: "Die neue TRBS zwingt sie, endlich Systeme anzubieten, mit denen die Gerüstbauer gleichzeitig wirtschaftlich und sicher arbeiten können.“ In Frankreich, Schweden, Norwegen und den Niederlanden seien solche Systeme seit Jahren gängig, nur Deutschland hinke hinterher.

Die BG Bau wartet die Messe bauma im April ab und wird dann ihren Förderkatalog um die neuesten Systeme aktualisieren. Langfristig sei ein kompletter Systemwechsel das Ziel, auf Gerüste mit vormontiertem Seitenschutz. Nur in der Übergangszeit sollen Montagesicherungsgeländer die Lösung sein; aber sowohl an dieser Übergangslösung als auch am Systemwechsel werde sich die BG finanziell beteiligen.

Hier geht es zum Förderkatalog der BG Bau.

Seit 12. Februar gilt die neue TRBS und sie sieht keine Übergangsfrist vor. Trotzdem gibt Bernhard Arenz Gerüstbauern noch etwas Zeit: "Wir werden die Betriebe informieren, wenn wir andere Maßstäbe ansetzen.“

Was die TRBS von Gerüstnutzern verlangt

Auch Gerüstnutzer nimmt die technische Regel zur Betriebssicherheit stärker in die Pflicht, nicht nur vor, sondern auch während des Gebrauchs. Folgende Punkte gelten:

  • Der Arbeitgeber, der ein Gerüst für den Gebrauch durch seine eigenen Beschäftigten erstellt, hat dieses gemäß § 14 Absatz 1 Betriebssicherheitsverordnung (BetrSichV) vor dem erstmaligen Gebrauch durch eine zur Prüfung befähigte Person prüfen zu lassen. Geprüft werden die Eignung des Gerüsts für die vom Gerüst aus vorzunehmenden Tätigkeiten sowie die Wirksamkeit der Schutz- und Sicherheitseinrichtungen.
  • Gerüste dürfen nur von unterwiesenen Beschäftigten des Gerüstnutzers gebraucht werden.
  • Der Gerüstnutzer, der seinen Beschäftigten ein Gerüst zum Gebrauch zur Verfügung stellt, hat im Rahmen seiner Gefährdungsbeurteilung den Plan für den Gebrauch (siehe Nummer 4.1.3 der TRBS 2121-1) zu berücksichtigen.
  • Der Arbeitgeber, der Gerüste durch seine Beschäftigten benutzt oder benutzen lässt, hat sicherzustellen, dass die Gerüste in einem ordnungsgemäßen Zustand gehalten werden. Hierzu hat er die Beschäftigten anzuweisen, u. a. während des Gebrauchs festgestellte augenfällige Veränderungen an den jeweiligen Aufsichtführenden zu melden. Zu diesen Veränderungen zählen z. B. der nicht bestimmungsgemäße Ausbau von Belägen, Seitenschutzbauteilen, Leitern, Verankerungen oder der Anbau von Aufzügen, Schuttrutschen, Netzen oder Planen.
  • Ein Auf-, Um- und Abbau von Gerüsten hat grundsätzlich durch einen Gerüstersteller zu erfolgen.
  • Gemäß Betriebssicherheitsverordnung sind wiederkehrende Prüfungen durchzuführen.
Achtung! Dies ist nicht das Regelwerk im Wortlaut! Zum Original-Text der TRBS 2121-1 siehe unten.

Wie die TRBS 2121-1 entstand

Die TRBS, kurz für "Technische Regeln für Betriebssicherheit“ werden vom Ausschuss für Betriebssicherheit erarbeitet und von der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA) veröffentlicht. Der Ausschuss setzt sich zusammen aus Vertretern der öffentlichen und privaten Arbeitgeber, der Länderbehörden, der Gewerkschaften, der Träger der gesetzlichen Unfallversicherung, der zugelassenen Überwachungsstellen und der Wissenschaft.

Das Gerüstbauerhandwerk war an der Erarbeitung der neuen TRBS 2121-1 zwar beteiligt, konnte sich nach eigenen Aussagen mit seiner Kritik in dem Gremium aber nicht durchsetzen.

Hier geht es zum Förderkatalog der BG Bau.

Zum Original-Text der TRBS 2121-1 geht es hier.

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