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Gerüstbaufirma kritisiert BG Gerüstbau: Streit um Unfallzahlen entbrannt

Stürze von Gerüsten gehen oft nicht glimpflich aus. Geht es um die Unfallzahlen auf dem Bau, gerät schnell die Branche der Gerüstbauer in den Blick. Zu Unrecht aus Sicht einer Gerüstbaufirma, die nun öffentlich die Statistik der Berufsgenossenschaft kritisiert. Diese sieht jedoch die Unternehmer in der Pflicht für mehr Sicherheit zu sorgen.

Jedes Jahr ereignen sich tödliche Arbeitsunfälle – zwar mit sinkender Tendenz, dennoch sind rund ein Viertel davon Abstürze von Gerüsten oder Leitern, Bauwerksdächern oder Maschinen. Wiederum ein Drittel dieser Zahl rechnen die Statistiker der Berufsgenossenschaft Bau (BG Bau) der Handwerksbranche der Gerüstbauer zu bzw. erklären die BG, dass sich allein in diesem Jahr ein Drittel der tödlichen Absturzunfälle von Gerüsten ereigneten. Vor allem bei Arbeiten auf der ungesicherten zweiten Gerüstlage würden viele Absturzgefahren liegen, die auch in der Praxis regelmäßig zu einer Vielzahl schwerster und tödlicher Unfälle führen.

Nach Ansicht von Bernhard Arenz, dem Leiter der Abteilung Prävention bei der BG BAU verdeutlichen die Zahlen eine "Dramatik" und in der Branche müsse "ein Umdenken stattfinden" sowohl beim Selbstverständnis zum Arbeitsschutz jedes einzelnen Mitarbeiters der Branche als auch bei den Unternehmern. Mit dieser Kritik reagiert die BG auf Vorwürfe eines Gerüstbauunternehmens, das die Unfallstatistik – wie sie derzeit geführt wird – anzweifelt bzw. verärgert ist, dass der Gerüstbau insgesamt in ein schlechtes Licht gerate.

Unfallstatistik: 40 Prozent der Todesfälle durch Stürze

Die Zahl der tödlichen Arbeitsunfälle ist im ersten Halbjahr 2017 gestiegen. 223 Menschen sind zwischen Januar und Juni bei der Arbeit tödlich verunglückt. Ein Schwerpunkt der Statistik: die folgenschweren Stürze und Abstürze. So verletzten sich Menschen im Baugewerbe im vergangenen Jahr 20.000-mal, weil sie von Gerüsten, Dächern oder Leitern abstürzten – oder auch nur über ein Hindernis am Boden fielen. Für 29 endete der Sturz tödlich – 40 Prozent der Todesfälle am Bau. Mehr zu der Unfallstatistik der BG Bau lesen Sie hier.>>>

Unfallstatistik zu ungenau? BG dementiert

So hat die Gemeinhardt Gerüstbau Service GmbH in Roßwein bei Dresden vor einigen Tagen einen Appell veröffentlicht an die Berufsgenossenschaften und diese aufgefordert die Unfallstatistiken so zu formulieren, dass nicht immer die Gerüstbauer als diejenigen dastehen, die ungewissenhaft und verantwortungslos arbeiten. "Viele Handwerker begeben sich bei der Arbeit in luftigen Höhen allzu oft sorglos in Gefahr", gibt die Firma in einer Mitteilung zu. Und weiter: "Allen voran die Gerüstbau-Branche gerät ins Rampenlicht der Öffentlichkeit, wenn die Unfallzahlen am Bau Schlagzeilen machen. Doch entgegen dem Vorurteil werden gerade in diesem Handwerk Sicherheitsvorschriften am konsequentesten entwickelt und durchgesetzt."

Walter Stuber, geschäftsführender Gesellschafter der Gerüstbaufirma erklärt, dass Gerüstbauer als risikoreiche Berufsgruppe schlechthin gelten und die Reaktionen auf Unfallstatistiken am empfindlichsten zu spüren bekommen.  Seiner Meinung nach sei die Unfallstatistik zu stark vereinfachend.  "Diese erfassten Absturzunfälle am Bau zu pauschal und machen es daher unmöglich, die hauptsächlichen Gefährdungen zu ermitteln", so Stuber. Er fordert die BG auf, die Unfallzahlen genauer zu differenzieren. Nur wer um die wirklichen Gefahrenquellen wisse, könne entsprechende Maßnahmen einleiten und künftige Unfälle vermeiden.

Sieht die Gerüstbaufirma einzelne Unternehmen der Branche als "schwarze Schafe" an, die den Ruf der gesamten Branche schädigen, weil die Statistik zu ungenau sei, so hat die BG Bau einen ganz anderen Blick auf die aktuelle Lage.

Das alles erfasst die Unfallstatistik

"Die Statistik der BG Bau ist so detailliert, dass eine sehr genaue Zuordnung der Unfälle zu den Gewerken erfolgt", verteidigt Bernhard Arenz. Zusammen mit den Ergebnissen der Unfalluntersuchungen lasse sich sogar ableiten, ob sich ein Unfall beim Auf- oder Abbau des Gerüsts oder bei dessen Benutzung ereignete, ob ein Absturz von der obersten Gerüstlage erfolgte und ob geeignete Schutzmaßnahmen gegen Absturz getroffen wurden. "Ein sehr klares Ergebnis dieser Auswertung ist beispielsweise, dass sich die Persönliche Schutzausrüstung gegen Absturz nicht bewährt hat", erklärt der BG-Mitarbeiter die Zahlen. Sie sei in vielen Fällen gar nicht vorhanden, oder werde nicht oder nicht bestimmungsgemäß getragen.

Dass durch die BG-Berichte die Branche in ein falsches Licht gerät, kann Arenz nicht unterstützen. Ein nahezu gleichbleibend hohes Unfallgeschehen, aber auch die Ergebnisse der Unfalluntersuchungen, aus Baustellenrevisionen und einer Vielzahl von Bußgeldverfahren belegen seiner Meinung nach das Gegenteil. "Sicher gibt es eine Vielzahl gut und sehr gut organisierter Unternehmen, die das Thema Arbeitsschutz sehr ernst nehmen und darauf achten, dass sie nur dann arbeiten, wenn sie ordnungsgemäß gegen Absturz gesichert sind", sagt er und fügt hinzu, dass sich dies jedoch nicht auf die gesamte Branche übertragen lasse.

Arbeitsschutz: Unternehmer in der Pflicht

So können seiner Meinung nach auch nicht die Zahlen, sondern nur das Handeln der aller Beteiligten etwas gegen die vielen Unfälle erreichen. Nach Maßgabe des Arbeitsschutzgesetzes hat der Unternehmer sämtliche Maßnahmen des Arbeitsschutzes zu treffen. Hierbei sind individuelle Maßnahmen nachrangig zu allen anderen Maßnahmen. Das bedeutet konkret, das technische Maßnahmen, also Maßnahmen die das Abstürzen von vornherein verhindern, vorrangig zu verwenden sind – also auch vorrangig vor der Persönlichen Schutzausrüstung gegen Absturz. Hier seien die Hersteller, die Verbände und auch die Unternehmer ganz besonders in der Pflicht, wenn es darum geht, praxistaugliche Lösungen zu entwickeln und flächendeckend umzusetzen.

Die BG weist zudem auf ihr eigenes Präventionsprogramm "Bau auf Sicherheit. Bau auf Dich" hin. Dabei bildet eine betriebliche Erklärung zum Arbeitsschutz zwischen Unternehmensleitung und Beschäftigten die Basis. Denn jeder Beschäftigte müsse das Recht haben, "STOPP" zu sagen, wenn die Arbeitsbedingungen nicht sicher sind und das Leben oder die Gesundheit bedrohen.

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