Konjunktur -

Rezession Gemeinschaftsdiagnose: Ökonomen senken Wachstumsprognose

Wirtschaftsforscher sehen die deutsche Industrie in der Rezession – vor allem in der Automobilindustrie. Gestützt werde die konjunkturelle Entwicklung derzeit durch die Kauflaune der privater Haushalte.

Die führenden deutschen Wirtschaftsinstitute haben ihre Konjunkturprognose für dieses und nächstes Jahr nach unten korrigiert. "Die Schwäche der deutschen Wirtschaft ist in erster Linie eine Schwäche der Industrie", sagte DIW-Konjunkturforscher Claus Michelsen bei der Vorstellung der Gemeinschaftsdiagnose. Die Institute erwarten deshalb für dieses Jahr nur noch ein Wachstum von 0,5 Prozent, nachdem sie im Frühjahr noch von 0,8 Prozent ausgegangen waren. Für nächstes Jahr haben sie ihre Prognose von 1,8 auf 1,1 Prozent gesenkt. Stabilisiert wird das Wirtschaftswachstum durch die anhaltende Kauflaune der privaten Haushalte. Die Notwendigkeit eines kurzfristig angelegten Konjunkturprogramms sehen die Forscher nicht.

Konjunkturmotor stottert vor allem in der Automobilindustrie

Gründe für den Abwärtssog der Industrie erklären die Forscher vor allem mit den internationalen Handelskonflikten sowie den möglichen negativen Folgen eines ungeregelten Brexits. Einer auf den Export spezialisierten Wirtschaft mache dies besonders zu schaffen. "Die negativen Tendenzen des verarbeitenden Gewerbes strahlen mittlerweile auch auf den Dienstleistungssektor aus", sagte Michelsen weiter. Der Konjunkturmotor sei vor allem in der Automobilindustrie ins Stottern geraten, fügte er hinzu. Hier sei die Produktion seit 2018 nicht zuletzt aufgrund gesättigter Märkte und des technologischen Wandels "weg vom Verbrennungsmotor" um mehr als 20 Prozent eingebrochen.

Beschäftigungsaufbau verliert an Fahrt

Als Folge des Konjunkturabschwungs verliert auch der Beschäftigungsaufbau an Fahrt. "Die Industrie hat zuletzt Stellen abgebaut", betonte Michelsen. Andere Sektoren wie etwa die Bauwirtschaft oder die Dienstleister stellten aber weiter ein. 2019 rechnen die Wirtschaftsforschungsinstitute daher mit einem Aufbau der Beschäftigung von 380.000 Stellen. 2020 und 2021 könnten es noch 120.000 beziehungsweise 160.000 Stellen sein. Die Arbeitslosenquote wird den Prognosen zufolge von 5,0 Prozent 2019 auf 5,1 Prozent im kommenden Jahr steigen und 2021 wieder auf 4,9 Prozent sinken.

Kauflaune der privaten Haushalte hilft

Gestützt wird die konjunkturelle Entwicklung nach Angaben der Forscher vor allem durch die anhaltende Kauflaune der privaten Haushalte. Sie werde von guten Lohnabschlüssen, Steuererleichterungen und von höheren staatlichen Transfers etwa beim Kindergeld begünstigt. Diese fiskalischen Maßnahmen belaufen sich nach den Worten Michelsens für 2019 auf rund 22 Milliarden Euro, für 2020 auf rund 18 Milliarden Euro und für 2021 auf voraussichtlich 23 Milliarden Euro. "Die Finanzpolitik stützt die Kaufkraft und damit den Konsum der privaten Haushalte", betonte er.

Und noch etwas sagt er: "Die Institute sehen angesichts der konjunkturellen Lage keinen Bedarf für ein kurzfristig angelegtes Konjunkturprogramm." Sollte die Konjunkturschwäche allerdings stärker als bisher erwartet ausfallen, warnen die Forscher in ihrem Gutachten vor einem Festhalten an einem ausgeglichenen Haushalt beziehungsweise der "schwarzen Null".

Wollseifer sieht keinen Bedarf an konjunkturpolitischem Aktionismus

Nach Ansicht von ZDH-Präsident Hans Peter Wollseifer sind die Ursachen der wirtschaftlichen Abkühlung vor allem politischer und nicht konjunktureller Natur. "Daher besteht auch kein Bedarf an konjunkturpolitischem Aktionismus einschließlich der Infragestellung der schwarzen Null", sagte er. Allerdings brauche es eine Politik, die den Unternehmen genug "Luft zum Atmen und wirtschaftlichen Agieren" lasse.

Dies gelte umso mehr, da die wirtschaftliche Entwicklung derzeit vor allem von der Binnenkonjunktur getragen werde, die von den Betrieben des Handwerks maßgeblich gestützt würde. "Angesichts der prognostizierten gesamtwirtschaftlichen Konjunktureintrübung ist es daher umso wichtiger, die Bedingungen für ein auch weiterhin erfolgreich wirtschaftendes Handwerk zu erhalten", fügte er hinzu.

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