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Vermögens-TÜV Geldanlage: Diese 5 Fragen sollten sich Anleger regelmäßig stellen

Mindestens einmal im Jahr sollten Anleger einen kritischen Blick auf ihre Vermögenstruktur werfen. Darauf achten Profis beim Portfoliocheck.

Bei Autos gehört die regelmäßige Überprüfung durch den TÜV zur Normalität und erhöht die Verkehrssicherheit. Die gleiche Sorgfalt sollten Geldanleger walten lassen. Denn nicht nur das allgemeine wirtschaftliche und politische Umfeld ändert sich ständig, auch die eigenen Bedürfnisse und das Risikobewusstsein sind einem Wandel unterworfen.

"Geldanlagen sollten immer auf die persönliche Situation des Einzelnen und dessen Umfeld abgestimmt werden und nicht gewählt werden, weil zum Beispiel Freunde oder der Nachbar eine Anlageform empfehlen", sagt Richard Goßner aus Ulm, Vermögensverwalter bei der GSAM + Spee Asset Management AG, und rät: "Nicht nachmachen, sondern selber nachdenken!"

Es macht Sinn, den Jahreswechsel zum Anlass zu nehmen und den eigenen Vermögensaufbau mit diesen fünf Kriterien auf Herz und Nieren zu prüfen:

1. Reale Gewinne?

Wer langfristig Geld ansparen möchte, sollte seine Anlageformen auf realen Ertrag prüfen. Zuletzt lag die Geldentwertung bei 2,3 Prozent in Deutschland, der Zins etwa auf Sparbücher selten über 0,3 Prozent. Für vor einem Jahr im November eingezahlte 100 Euro kann man sich jetzt nur noch für 98 Euro Waren kaufen. Wird so über Jahrzehnte ohne ausreichende Erträge gespart, kann Vermögen erheblich an realem Wert verlieren.

2. Notgroschen eingeplant?

Etwa am Aktienmarkt angelegtes Geld kann ausreichende reale Rendite bringen. "Aber nicht das ganze Vermögen sollte langfristig angelegt werden", sagt Ingo Schweitzer, Vorstand der AnCeKa Vermögensbetreuungs AG aus Kaufbeuren, "unabhängig davon, dass es in Europa wohl auch 2019 kaum Zinsen auf Geldeinlagen geben wird." Für unvorhergesehene Ausgaben sollte immer eine Finanzreserve von zwei bis drei Monatsgehältern schnell verfügbar, zum Beispiel auf einem Tagesgeldkonto, liegen.

3. Risiko definiert und gestreut?

Erst in Jahren oder besser Jahrzehnten benötigtes Geld sollte mit der Aussicht auf realen Ertrag angelegt werden, aber Profis setzen dabei nie alles auf eine Karte. Sie legen zunächst angestrebte Vermögensanteile entsprechend der individuellen Risikoneigung fest, zum Beispiel 70 Prozent Aktien, 20 Prozent Geldwerte und 10 Prozent Edelmetalle. "Achten Sie auf eine möglichst breite Mischung von Anlageklassen aus verschiedenen Regionen, Branchen und Währungsräumen, um Einzelrisiken zu streuen", empfiehlt der Ulmer Finanzexperte Richard Goßner.

4. Neu ausbalanciert?

In einem festen Rhythmus, zum Beispiel am Jahresanfang, sollte das Vermögen an die angestrebte Aufteilung angepasst werden. Durch dieses Rebalancing genannte Vorgehen werden zum Beispiel Aktien verkauft, wenn sie in einem Jahr so gut gelaufen sind, dass ihr Anteil am Gesamtvermögen zugelegt hat. "Es sollte regelmäßig überprüft werden, ob die Aufteilung der Anlageklassen untereinander funktioniert", rät AnCeKa-Finanzexperte Schweitzer.

5. Anlagehorizont einkalkuliert?

Je näher bei langfristigen Sparvorhaben zum Beispiel der Ruhestand naht, desto geringer sollte der Anteil an schwankungsanfälligen Vermögensbestandteilen werden. Wer zu einem festgelegten Zeitpunkt, zum Beispiel beim Renteneinstieg, auf sein Vermögen zugreifen möchte, sollte vorsorglich auf konservative Anlageformen setzen, auch wenn das einen Verzicht auf mögliche Erträge bedeutet.

So könnte ein guter Depot aussehen

Depotbeispiel in jungen Jahren

Die Kursschwankungen von Aktien verlieren über einen langen Zeitraum an Bedeutung. Mit global anlegenden Fonds oder ETFs, die zum Beispiel über Sparpläne aufgebaut werden, können langfristige Chancen genutzt werden. Trotzdem sollte auf ein ausreichendes, schnell verfügbares, liquides Finanzpolster für Notfälle geachtet werden und einen Edelmetall-Anteil, der über Krisen helfen kann. Eine umfassende professionelle Vermögensplanung würde zusätzlich die Gesamtaufteilung an die individuelle Risikoneigung anpassen und auf Absicherungen, etwa der Berufsfähigkeit, und den Aufbau von Sachwertvermögen wie Immobilienbesitz achten.

Depotbeispiel jung

Depotbeispiel in der zweiten Lebenshälfte

Damit die Kursschwankungen von Aktien nicht ungünstig etwa mit dem Ruhestandseintritt zusammentreffen, ist es sinnvoll, diesen Anteil rechtzeitig zu reduzieren und verstärkt auf festverzinsliche Anlageformen mit überschaubaren Laufzeiten zu setzen. Die ideale Gewichtung ist aber abhängig vom eigenen Risikoprofil und ob weitblickend gespart wurde. Profis setzen auch bei der Altersvorsorge auf mehrere Säulen, um den Lebensstandard etwa kombiniert mit der gesetzlichen Rente und Wohneigentum im Alter zu sichern.

Depotbeispiel zweite Lebenshälfte

"Chancen nutzen, aber nur passend zur Risikoneigung"

Ingo Schweitzer, Vorstand der AnCeKa Vermögensbetreuungs AG aus Kaufbeuren über typische Anlagefehler und wie sie vermieden werden:

Welchen Fehler sollten Sparer trotz niedriger Zinsen nicht machen?

Ingo Schweitzer: Es ist nicht klug, einfach das Risiko zu erhöhen, nur weil es irgendwo einen Ertrag über dem Sparbuchniveau geben könnte. Es gilt vor einem Investment die eigene Risikobereitschaft abzuklären und eine dazu passende Strategie zu entwickeln. Das wird auch manchmal schlicht den Verzicht auf Ertrag bedeuten, aber die Idee, den festen Zins einfach durch Dividenden und Kursgewinne eins zu eins ersetzen zu können, ist ein Trugschluss.

Welche Grundregel sollte beim Investieren beachtet werden?

Schweitzer: Viele denken, wenn sie etwa durch eine Erbschaft freies Kapital haben, solches Geld müsste sofort angelegt werden. Aber es ist in aller Regel viel sinnvoller, sich Zeit zu lassen und gründlich nach einer guten Investmentgelegenheit zu suchen. Sich zu informieren und auf vielversprechende Angebote zu warten rechnet sich, das kennt jeder aus dem Alltag. Es ist ja zum Beispiel auch klüger, Geschirr nach Weihnachten zu kaufen, wenn die Preise niedrig sind und nicht direkt vor dem Fest, wenn alle ihre Tafel ausrüsten wollen.

Wie erkennt man den richtigen Zeitpunkt und gute Angebote?

Schweitzer: Hier macht es Sinn, sich fachkundig und möglichst unabhängig beraten zu lassen. Denn ein guter Berater beobachtet den Markt seit vielen Jahrzehnten und achtet auf eine passende Risiken- und Chancenverteilung. Das hier für Beratungshonorare ausgegebene Geld amortisiert sich schnell, wenn dadurch klassische Anlagefehler vermieden werden. Angeblich kostenlose Hilfe hat dagegen oft nicht das Interesse des Kunden als oberste Prämisse.

Ab welchen Beträgen macht es Sinn, Vermögen aufzubauen?

Schweitzer: Sparpläne auf Aktienfonds gibt es ab 25 Euro im Monat und das ist ein guter erster Schritt, der langfristig hilft, Vermögen zu bilden. Es spricht auch nichts dagegen, jedes Jahr vielleicht etwas Gold oder Silber zu kaufen, das kann in der heutigen Zeit auf keinen Fall schaden.

Was ändert sich in der zweiten Lebenshälfte am Vermögensaufbau?

Schweitzer: Wer bereits Erfahrung mit dem Prinzip Chancen durch Risiken beim Vermögensaufbau gemacht hat, kann diese Möglichkeiten auch im Alter nutzen. Natürlich ist es sinnvoll die Aktienquote zu senken, wenn es auf den Ruhestand zugeht und das Geld gebraucht wird. Andersherum sollten Sparer mit bisher schon geringer Risikoneigung jetzt auf keinen Fall plötzlich auf schwankungsintensivere Anlageformen setzen, sondern sich eher mit dem Erreichten zufriedengeben und die geringen Zinsen für Tages- und Festgelder akzeptieren.

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