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Meisterstücke Geboren, um zu laufen

Felix Deck hat zwei Leben: In dem einen ist er Inhaber einer Bodenlegerfirma in Karlsruhe. Im anderen Marathonläufer, der sich nach schwerer Krankheit ins Leben zurückgelaufen hat. Von Elisabeth Göpel

Jedes einzelne Mal, wenn Felix Deck startet, denkt er an den Moment, in dem er mit seinen Füßen die Schallmauer durchbrach. Es war sein zweiter Marathon, seit die Ärzte ihn ins Leben zurückgeholt hatten. Die Menschen, die brüllend und johlend in der Karlsruher Innenstadt am Straßenrand stehen, reiben sich die Hände vor Kälte. Es hat gerade mal sieben Grad, doch Felix Deck klebt das Trikot schon seit Kilometern am Rücken. Seine Schritte schmatzen auf dem Asphalt, seine Füße schmerzen, sein Blick ist streng nach vorn gerichtet. Ab Kilometer 38 spürt er das Stechen in den Seiten nicht mehr und dass sich das Wasser aus tief hängenden Wolken kübelweise über seinen Körper ergießt, ist ihm inzwischen egal. Alles, was er denkt, ist: "Jetzt geht es um alles. Halt durch. Halt durch. Nur fünf Sekunden pro Kilometer weniger, und du hast es geschafft."

Als Felix Deck über die Zielgerade läuft, fühlt er sich wie einer, der gerade die Olympiade gewonnen hat. Es ist seine persönliche Bestzeit: 02:58:00. Wer schon einmal einen Marathon gelaufen ist, weiß, dass dies die magische Grenze ist, die sie alle knacken wollen: unter drei Stunden.

Kein Stein blieb auf dem anderen

"Nur mit Training allein kann man das nicht schaffen“, sagt Felix Deck, "dafür muss alles passen. Damit man frei ist, im Kopf.“ Was Freiheit bedeutet, das hat Felix Deck an diesem Tag vor 17 Jahren beim Karlsruher Stadtmarathon erfahren. Damals hat er sich ins Leben zurückgelaufen. Als Deck 38 Jahre alt ist, platzt ihm eine Ader in der Stirn. Angiom nennen die Ärzte die Gefäßschwäche, die zulässt, dass das Blut aus der Arterie direkt in die Vene spritzt. In einer Notoperation versuchen die Ärzte zu retten, was zu retten ist. Ob Felix Deck überlebt, ist unklar – sieben Stunden lang. Als die Ärzte den OP-Saal verlassen, hat Felix Deck sein Leben zurück. Doch das Gleiche wie vorher ist es nicht mehr. "Bei mir ist kein Stein auf dem anderen geblieben“, sagt Felix Deck heute. Der drahtige 58-Jährige blickt sein Gegenüber mit wachen Augen an. Früher, erzählt er, war er sehr anpassungsfähig, "flexibel“ nennen es die anderen, "Ja-Sager“ nennt er es selbst.

Freunde fragen: "Bist du noch ganz sauber?"

Heute scheut er keine Auseinandersetzung mehr – auch nicht beim Kunden. Da kann es schon mal sein, dass er einen Auftrag ablehnt, weil es menschlich nicht passt. Dass es finanziell schmerzt, tut dann nichts zur Sache. "Geld ist nicht alles", entgegnet Deck dem erstaunten Zuhörer, wenn er erzählt, dass er einen seiner Hauptauftraggeber abblitzen ließ, weil der ihm die Schuld für Flecken auf dem Boden geben wollte, die durch falsche Pflege entstanden waren. Deck weigerte sich, den Boden noch einmal zu verlegen. Einen Auftrag sah er von dem öffentlichen Träger seitdem nie wieder. Deck bereut dennoch nichts. "Heute ist mir am wichtigsten, dass ich mit aufrechtem Blick in den Spiegel schauen kann."

Mehr Mut, mehr Selbstwertgefühl, das sei es im Wesentlichen, wie er sich nach seiner Krankheit verändert habe. Und das seien im Allgemeinen auch die Eigenschaften, die dem Handwerk seiner Meinung nach von einer Billigpreispolitik ausgetrieben werden – die aber insbesondere Bodenleger dringender denn je benötigen. Die Metamorphose des Felix Deck ist wesentlich von seinem Sport geprägt. Schon der junge Deck verbringt so viel Zeit wie möglich auf dem Bolzplatz. Doch als er sich am Knie verletzt, ist kicken für ihn tabu, er sucht sich einen Ausgleich zum Fußball und fängt zu laufen an.

Alleine vor sich hin zu trotten, wird ihm alsbald zu fad, er braucht den Wettbewerb, die Herausforderung, sich an anderen zu messen. Als er schließlich Freunden von seinen Marathonplänen erzählt, schauen die ihn nur mit großen Augen an: "Bist du noch ganz sauber?“, ist wohl der Kommentar, den Felix Deck am häufigsten hört. Zu dieser Zeit ist Marathonlaufen noch ein Exotensport, nicht einmal 1.000 Läufer stehen 1986 in Karlsruhe mit am Start – heute sind es in dieser Stadt meist mehr als 7.000. Schnell entwickelt sich der Inhaber einer Bodenlegerfirma zu einem soliden Sportler, der sich der Drei-Stunden-Marke immer mehr nähert.

Dann kommt der Tag, an dem ihn eine geplatzte Ader aus dem Leben reißt. Sieben Stunden lang ist Deck dem Tod näher als dem Leben. Als er die Augen wieder aufschlägt, ist mit das Erste, was er denkt: Was, wenn ich nicht mehr laufen kann?

Wenn Felix Deck heute über den Asphalt federt, bezeugen gespannte Muskelstränge das jahrelange Training auf mehr als 40 Marathons in München, Stockholm, Istanbul etc.

Fast 2.000 Kilometer haben ihn seine Füße über Wettkampfstrecken getragen. Unvergessen sind ihm Szenen wie diese: Rennend, mit dem rechten Fuß noch in Europa, mit dem linken schon in Asien, hat er während des Eurasia-Marathons den Bosporus überquert. Bei einem Sprint im Winter hat er bei Minus zehn Grad den Schweiß seines Vordermannes auf dessen Rücken zu Eis gefrieren sehen. Eingebrannt hat sich aber vor allem der erste Lauf nach seiner OP. "Als ich gespürt habe, dass mich meine Füße sicher über die Straße tragen, habe ich die ersten drei Kilometer vor Erleichterung geweint.“

"Man lernt sich besser kennen als beim Bier in der Kneipe"

Laufen ist inzwischen ein fester Bestandteil seines Lebens. Jeden Mittwoch und Samstag trifft sich seine Laufgruppe zum gemeinsamen Training. Deck übernimmt dabei die Funktion eines Coaches. In gleichmäßigem Tempo läuft er neben seinen Schützlingen, hält deren Geschwindigkeit konstant und achtet darauf, dass sich während des dreistündigen Dauerlaufs keiner übernimmt. Das Laufen schweißt sie zusammen, aus dem Sportlertreff sind tiefe Freundschaften entstanden. Auch die sind Teil seines Veränderungsprozesses, denn von den alten Freunden ist seit der OP keiner übrig geblieben. Deck bedauert das nicht, denn beim Laufen, sagt er, lerne man sich oft weitaus besser verstehen als beim Bier in der Kneipe. Vielleicht läge das ja auch daran, dass man beim Laufen ja schon wörtlich ständig seinen Standpunkt wechseln müsse. Einigen seiner Schützlinge steht die erste Bewährungsprobe noch bevor: der erste Marathon. Wenn es so weit ist, wird Felix Deck unter den Läufern schon von weitem zu erkennen sein: an dem gelben Luftballon, der über ihm aus der Masse herausleuchtet. Als Zugläufer für die Wettkampfzeit von 03:44:00 gibt Deck auf diese Weise all jenen Orientierung, die den Lauf in dieser Zeit schaffen wollen. Aber nicht alle halten Schritt. Während die Menschentraube anfangs noch aus gut 70 Sprintern besteht, sind es nach der Hälfte der Strecke nur noch etwa 20 Läufer, die seinen schnellen Schritten folgen können. Stärkung erhalten erschöpfte Teilnehmer zwischendurch von einem Hänger am Straßenrand, auf dem Deck Getränke für die ausgetrockneten Kehlen spendiert. Über den Hänger ist eine Plane mit dem Firmenlogo von Felix Deck gespannt; darunter sein Slogan. Er lautet simpel: der mit dem Fuß.

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