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#füreuchunterwegs Foto-Aktion: So humorvoll warnen Handwerker vor Fahrverboten

Die Stadt sperrt Teile der Innenstadt für den Verkehr, das Frankfurter Handwerk reagiert. Mit einer Foto-Aktion machen Handwerker deutlich, wie ihr Alltag aussähe, wenn sie nur noch zu Fuß, dem Rad oder öffentlichen Verkehrsmitteln zum Kunden könnten. An die Politik stellen sie eine einfache Forderung.

"Wir haben teilweise Tränen gelacht", erinnert sich Ludwig Held an die Aufnahmen für die Foto-Aktion. Gemeinsam mit ein paar Schreinerkollegen stellte der Dachdecker- und Landesinnungsmeister nach, wie ein Alltag aussähe, wenn Teile der Frankfurter Innenstadt nicht mehr mit den Firmenfahrzeugen erreichbar wären. Daraus entstanden ist eine unterhaltsame Bilderstrecke mit ernstem Hintergrund.

Seit Ende Juli testet die Stadt Frankfurt am Main, welchen Effekt die Sperrung des nördlichen Mainufers für den städtischen Verkehr hat. Ein Jahr lang dürfen den Mainkai nur noch Fußgänger, Rad- oder Rollerfahrer betreten. "Der ohnehin schon beengte Verkehrsraum wird noch enger gemacht", klagt Held. Im Gespräch seien noch weitere Straßensperrungen, zudem drohen Fahrverbote für Dieselfahrzeuge. Die Aussichten für das lokale Handwerk könnten besser sein.

"In eine Verkehrsplanung gehören alle Beteiligten eingebunden"

Held und seine Kollegen aus den anderen Gewerken fragen sich, wie sie künftig noch zum Kunden kommen sollen, wenn Ausweichstrecken verstopft, die Parkplatzsuche erschwert und bürokratische Hürden für Einfahrerlaubnisse erhöht werden. Dass ÖPNV und Fahrrad kaum als Alternativen taugen, macht die Foto-Aktion deutlich. Mit zwei Schubkarren in die Straßenbahn einsteigen? Oder mit Leiter und Werkzeug beladen auf dem Fahrrad fahren? "Wenn das Handwerk in Zukunft nur noch so #füreuchunterwegs sein kann, wird´s schwierig", steht rechts neben jedem der sechs Bilder. Darunter: "Verkehr geht nur gemeinsam."

Es sind Probleme wie diese, auf die Held die Entscheidungsträger hinweisen möchte, ehe er und seine Kollegen wie im Fall der Mainufersperrung vor vollendete Tatsachen gestellt werden. "Wir möchten Maßnahmen wie diese nicht verhindern, aber wir möchten sie begleiten", sagt er. "In eine Verkehrsplanung gehören alle Beteiligten eingebunden und ich kann den Verkehr nicht einschränken, ohne über die Konsequenzen nachgedacht zu haben."

Witzige Foto-Aktion: Darum geht Verkehr nur gemeinsam

Letztlich bezahlt der Verbraucher

Leidtragender einer misslungenen Verkehrspolitik sei letztlich auch der Verbraucher. "Wenn zwei Mitarbeiter eine dreiviertel Stunde im Stau stehen, dann sind das eineinhalb Stunden verlorene Zeit, die wir in Rechnung stellen müssen", erklärt er. Handwerker müssen zudem nicht nur zum Kunden, in vielen Fällen ist es auch andersrum. Als Beispiele nennt Held Personen, die ihre Standuhr zum Uhrmacher transportieren oder die Hochzeitstorte vom Konditor abholen möchten. Auch hier seien Fahrrad und ÖPNV keine praxistaugliche Option.

Selbst das viel gepriesene Lastenrad stoße im Handwerkeralltag an seine Grenzen. Etwa dann, wenn ein Dachdecker eine tonnenschwere Ziegelpalette oder ein Elektriker einen Schaltschrank transportieren muss, sagt Held. Hinzu kommt, dass viele Gewerke ihr Fahrzeug als Werkzeug- und Materiallager auf der Baustelle nutzen. "Ich brauche einen Baustellenzugang mit einem Fahrzeug", steht für den Dachdeckermeister deshalb außer Frage.

Frankfurter Verkehrspolitik: Es fehlt die Koordination

Die Handwerkskammer Frankfurt-Rhein-Main unterstützt Helds Forderung nach mehr Mitspracherecht. Sie selbst habe die verkehrspolitischen Anliegen des Handwerks schon mehrfach an die Verantwortlichen kommuniziert, etwa auf der Frankfurter Obermeistertagung. Bei der Umsetzung der Mainufersperrung seien dann aber Umleitungsoptionen, Ampelschaltungen oder Baustellen im Vorfeld scheinbar nicht bedacht worden, kritisiert Präsident Bernd Ehinger. Seiner Ansicht nach mangelt es der Stadt derzeit an einem zentralen Koordinator, der die Interessen und Bedürfnisse aller Beteiligten bündelt und sinnvoll zusammenbringt. Ein solcher sei zwingend notwendig, auch deshalb, da mit Diesel-Fahrverboten schon bald weitere Herausforderungen drohen. Aktuell sind diese noch bis zur endgültigen gerichtlichen Klärung gestoppt.

Austausch von Diesel-Fahrzeugen oftmals kaum machbar

Held hofft darauf, dass - sollte es soweit kommen – umfangreiche und unbürokratische Ausnahmen für den Handwerker- und Lieferverkehr gelten werden. Ein Austausch älterer Diesel-Transporter sei für viele Betriebe wirtschaftlich nicht möglich. "Ich weiß von Kollegen, die nur innerstädtischen Verkehr zu bewältigen haben. Deren Baustellen sind in der Regel nur wenige Kilometer entfernt, die Jahreskilometerleistung liegt also bei 8.000 bis 10.000 Kilometern. Da ist es Praxis, dass die Fahrzeuge zehn bis 15 Jahre genutzt werden. Die können nicht mal eben ihren Fuhrpark erneuern." Eine Hardware-Nachrüstung wäre ebenso mit Kosten verbunden, zudem ist eine solche derzeit nicht für alle Fahrzeuge möglich.

Handwerkerklausel schützt in Stuttgart vor Fahrverboten

Wie eine handwerkerfreundliche Lösung aussehen könnte, zeigt das aktuelle Modell in Stuttgart. Dort gelten im gesamten Stadtgebiet Fahrverbote für Euro-4-Diesel und schlechter, nicht jedoch für Handwerker mit Ladung an Bord. Einen Antrag müssen Gewerbetreibenden für die Ausnahmegenehmigung nicht stellen. Es genügt, wenn eine Werbung auf dem Fahrzeug den Handwerker als solchen ausweist oder eine Kopie der Handwerkerkarte hinter die Windschutzscheibe liegt. "Dass wir aktuell diese Handwerkerklausel haben, ist schon ein großer Erfolg", freut sich Gesine Kapelle von der Stabstelle Politik der Handwerkskammer Region Stuttgart. Als Teil des Arbeitskreises Innenstadtlogistik unterstützt die Kammer die Stadt bei ihren verkehrspolitischen Entscheidungen.

Punktuelle Erfolge dank Einbindung des Handwerks

Probleme wie in Frankfurt sind Kapelle allerdings auch in Stuttgart massig bekannt. Überlastete Straßen in und vor der Stadt würden dem lokalen Handwerk auch hier zu schaffen machen. Zudem plant die Stadt den ohnehin schon knappen Parkraum zugunsten von Fußgängerzonen, Fahrradverkehr und Park- bzw. Ladeflächen für Elektrofahrzeuge weiter zurückzubauen. Der öffentliche Personennahverkehr könne den Straßenverkehr kaum entlasten. S-Bahnen seien häufig überfüllt, würden stillstehen oder nur im Halbstundentakt fahren. Hier müsse dringend nachgebessert werden. Positiv verbucht Kapelle, dass inzwischen mehr darüber nachgedacht werde, wie Großbaustellen verkehrsfreundlich geplant werden können und dass bei Großprojekten im Wohnungsbau Flächen für den Handwerker- und Lieferverkehr mitgedacht werden.

"Es wird nicht einfacher für unsere Handwerksbetriebe"

Dennoch: "Ich gehe davon aus, dass es für unsere Handwerksbetriebe in Stuttgart nicht einfacher werden wird", sagt Kapelle. Zumal auch die Diesel-Fahrverbote ab Januar 2020 auf Diesel-Pkw mit Euro-5 ausgeweitet werden sollen. Diese könnten dann auch Handwerker mit kleineren Servicefahrzeugen oder überwiegend zur Personenbeförderung genutzten Transportern treffen. Die Handwerkskammer setze sich derzeit dafür ein, dass dem Handwerk ein kurzfristiger Austausch von Fahrzeugen und unnötige Bürokratie erspart bleiben. "Wir bemühen uns um eine möglichst weitreichende Handwerkerklausel", sagt Kapelle.

Reaktionen auf Fotokampagne machen Mut

Dachdecker- und Landesinnungsmeisters Held würde sich beim Thema Diesel-Fahrverbote eine einheitliche Handwerkerregelung wünschen. Andernfalls befürchtet er, dass die Lage in der Rhein-Main-Region mit Anbindung nach Mainz, Wiesbaden, Aschaffenburg und Darmstadt künftig sehr unübersichtlich werden könnte. Am wichtigsten ist ihm jedoch, dass das Handwerk beim Thema Verkehr künftig nicht mehr außen vor bleibt. Erste Reaktionen auf die Foto-Aktion stimmen ihn zuversichtlich, dass sich dahingehend etwas bewegen wird. Und falls nicht: "Dann werden wir uns eben etwas Neues einfallen lassen." Ideen für weitere Fotomotive hätte er bereits.

Das Making-of-Video zur Fotokampagne

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