Umwelt + Energie -

Brauer-Bund fordert Transparenz Fracking: "Ohne klare Regeln ist das Trinkwasser in Gefahr"

Fracking ist umstritten, wenig erforscht und deshalb aus Sicht des Deutschen Brauer-Bunds hoch riskant. Holger Eichele, der Hauptgeschäftsführer des Deutschen Brauer-Bunds, spricht im DHZ-Interview über die Gefahren für unser Trinkwasser und fordert mehr Transparenz von der Bundesregierung – sowohl bei den Fracking-Plänen, als auch bei geplanten Freihandelsabkommen.

Trinkwasser
Fracking muss nach Ansicht des Brauer-Bunds besser erforscht werden, wenn unser Trinkwasser und damit auch das Bier nicht gefährdet werden sollen. -

DHZ:  Fracking ist umstritten. Der Deutsche Brauer-Bund fordert, dass die Risiken besser erforscht werden müssen. Sehen Sie unser Trinkwasser – und damit das Reinheitsgebot des Biers – in Gefahr?

Holger Eichele: Aus unserer Sicht ist Fracking noch nicht genügend erforscht. Das Umweltbundesamt sieht das übrigens ähnlich. Die Fracking-Industrie argumentiert zwar, man würde in Deutschland schon seit vielen Jahrzehnten fracken, zur Gewinnung von Tight-Gas. Aber dem muss man entgegenhalten, dass der jetzt in Deutschland geplante Einsatz von Hydraulic-Fracturing zur Gewinnung von Schiefergas eine völlig andere Technik ist, die in ganz andere Gesteinsebenen mit wesentlich geringerem Abstand zu wasserführenden Schichten vordringt und wesentlich mehr Bohrungen erfordert. Das ist eine Hochrisikotechnologie. Wenn wir nicht zu einer sehr restriktiven Regulierung kommen, gefährden wir unsere Umwelt und unser Wasser.

Holger Eichele
-

DHZ:  Während viele Bürger dem Thema kritisch gegenüberstehen, hat sich die Bundesregierung noch nicht abschließend positioniert. Das Bundesumwelt- und das Bundeswirtschaftsministerium arbeiten derzeit an einem Gesetzesentwurf, der bald im Parlament diskutiert werden soll. Was darf aus Ihrer Sicht künftig in einer deutschen Fracking-Regelung nicht fehlen?

Eichele: Es stimmt: Ein Großteil der Öffentlichkeit sieht das Thema kritisch. Die beteiligten Industriekonzerne müssen sich den Vorwurf gefallen lassen, das Thema unterschätzt zu haben. Es wurde viel zu wenig kommuniziert, bis heute fehlt die Transparenz. Die Bundesregierung hat erste Eckpunkte vorgelegt, diese haben Licht und Schatten. Positiv ist, dass oberhalb von 3.000 Metern grundsätzlich nicht gefrackt werden soll, dass es verpflichtende Umweltverträglichkeitsprüfungen geben soll und dass die örtlichen Wasserschutzbehörden gestärkt werden sollen. Aber wir sehen auch noch eine Menge offener Punkte: Wir fordern umfassende Transparenz bei den Frack-Flüssigkeiten, also jenen Substanzen, die in den Boden gepresst werden, um Schiefergas herauszulösen. Ebenso brauchen wir volle Transparenz bei den geplanten Erprobungsmaßnahmen. Unser wichtigster Punkt: Fracking in Einzugsgebieten von Wasserschutzgebieten und Trinkwasserbrunnen, von Mineral- und Heilquellen sowie Brunnen für Brauereien muss generell untersagt werden.

Fracking: die Methode

Fracking
-

Das sogenannte Hydraulic Fracturing, meist nur "Fracking" genannt, bezeichnet eine Technik zur Gewinnung von Erdgas. Dabei wird - anders als bei konventionellen Fördermethoden – sehr weit in die Tiefe des Erdbodens gebohrt, um Gas aus  Schiefertonformationen, Kohleflözen und dichten Sandsteinlagerstätten zu lösen. Unter Zugabe von Chemikalien wird das Gestein mit hohem Wasserdruck aufgebrochen ("gefrackt"), so dass das Gas ausströmen kann. Der Wasserbedarf kann dafür nach Angaben des Umweltbundesamts mehrere tausend Kubikmeter pro Bohrung betragen. Nach der Bohrung ist dieses sogenannte Lagerstättenwasser mit den Frackingfluiden angereichert.

Quelle: Umweltbundesamt

DHZ:  Sind die bisherigen Verweise des Bundesumweltministeriums darauf, dass das Grundwasser – und damit auch Lebensmittel wie Mineralwasser und Bier – nicht geschädigt werden darf, nur "Beruhigungspillen" für die deutsche Bevölkerung?

Eichele: Trinkwasser ist unser wichtigstes Lebensmittel und es ist auch die wirtschaftliche Basis aller Brauereien und Getränkebetriebe. Wir sind sehr froh darüber, dass der Schutz der Lebensmittel bereits in den Eckpunkten verankert ist. Hier darf es keine Hintertürchen geben. Kritisch sehen wir vor allem die geplanten Erprobungsverfahren. Auch für Fracks zu Forschungszwecken brauchen wir strenge Auflagen zum Schutz unserer Ressourcen – und Klarheit über geplante Standorte und eingesetzte Chemikalien. Da kann ich auch den Industriefirmen, die Fracking betreiben wollen, nur zurufen: Seid transparent, macht Eure Pläne öffentlich, steigt ein in die Diskussion!

DHZ:  Wäre ein komplettes Verbot von Fracking in Deutschland die Lösung?

Eichele: Wir sprechen uns nicht für ein Totalverbot aus. Aber wir fordern Einschränkungen und Ausnahmen für sensible Bereiche. Es wäre völlig unverständlich, sollten die Brunnen der Lebensmittel- und Getränkehersteller in dem geplanten Gesetz am Ende weniger Schutz genießen als Trinkwasserbrunnen. Danach sieht es im Moment aus – und dagegen wehren wir uns. Außerdem brauchen wir wirksame Entschädigungsregelungen für mögliche Langzeitschäden und eine Mindestversicherungspflicht zur Abdeckung aller Fracking-Folgen. Das sind Punkte, die bislang leider noch nicht aufgegriffen wurden.

DHZ:  Der Brauer-Bund hat vor einem Jahr das " Bündnis zum Schutz von Wasser " mitinitiiert. Was ist das Ziel des Bündnisses?

Eichele: Wir alle sind angewiesen auf reines Wasser, jeden Tag. Diese wichtige Ressource zu schützen ist unser gemeinsames Anliegen. Dass die Fracking-Technologie in Deutschland auf dem Vormarsch ist, die Risiken aber nicht annähernd erforscht sind, war Auslöser für die Gründung dieses Bündnisses. Es wird getragen von Verbänden und Unternehmen, die um die Sicherheit des Wassers in Deutschland besorgt sind. Und ich kann sagen, dass wir großen Zulauf haben und auf großes Interesse stoßen.

DHZ:  Steigen die Chancen, Fracking in Deutschland durchzusetzen, angesichts der Ukraine-Krise Ihrer Meinung nach an – Stichwort Abhängigkeit durch Gasimporte?

Eichele: Ich sehe mit großer Sorge, dass die Ukraine-Krise von interessierten Kreisen zum Anlass genommen wird, Versorgungsengpässe herbeizureden und dem Fracking das Wort zu reden. Genauso bezweifele ich die optimistischen Prognosen für Fracking in Deutschland: Die Aussagen, Fracking würde auf Jahrzehnte einen großen Teil unseres Gasbedarfes decken, basieren auf reinen Schätzungen und sind kaum belegbar. Wir sollten uns gut überlegen, ob wir uns in einem dicht besiedelten Land wie Deutschland den Einsatz einer solchen Hochrisikotechnologie leisten wollen, um damit für nur wenige Jahre einen kleinen Teil unserer Gasversorgung zu decken? Diese Frage sollten wir offen und ehrlich diskutieren.

DHZ:  Was ist mit den geplanten Freihandelsabkommen CETA und TTIP. Wird Fracking durch die Hintertür kommen?

Eichele: Das ist ein Aspekt, die sehr umstritten ist. Ich teile hier die Befürchtungen der Umweltverbände. Wir haben uns in dieser Sache auch an die Bundesregierung und an die EU-Kommission gewandt und um eine Stellungnahme gebeten. Es kann nicht sein, dass wir in Deutschland auf dem Weg sind, strenge Standards für Fracking festzuschreiben – hier nehme ich die Minister Sigmar Gabriel und Barbara Hendricks beim Wort – und auf der anderen Seite über bilaterale Abkommen wie TTIP das Ganze wieder aushebeln. Es muss die Befürchtung ausgeräumt werden, dass US-Investoren durch neue Klagemöglichkeiten gegen Restriktionen in EU-Mitgliedstaaten vorgehen können. Dem muss man von vornherein einen Riegel vorschieben. Die Freihandelsabkommen mit den USA und Kanada könnten sich auch in anderen Bereichen negativ auswirken, so dass beispielsweise der Schutz unserer regionalen Herkunftsangaben gefährdet wäre – wie beispielsweise "Bayerisches Bier".

DHZ:  Besteht nun Zeitdruck schnell auf die Entwicklungen zu reagieren? Wie schnell kann oder muss es Entscheidungen geben?

Eichele: Wir können der Bundesregierung nur raten: Qualität geht vor Schnelligkeit. Das gilt für die Regulierung von Fracking ebenso wie für die geplanten Freihandelsabkommen. Die Bundesregierung hat für den Einsatz der Fracking-Technologie erste Eckpunkte vorgelegt, aber es gibt noch viel zu tun. Das haben wir der Regierung auch mitgeteilt. Jetzt sollten die Gesetzesentwürfe in den beiden Ministerien sehr gewissenhaft angegangen werden. Dann erwarte ich, dass die Verbände und die Bundesländer ausreichend Zeit haben, in einem Anhörungsverfahren zu den Plänen Stellung zu nehmen. Der Bundestag wird am Ende das letzte Wort haben – und ich bin sicher, dass es hier noch leidenschaftliche und kontroverse Diskussionen geben wird. Es ist ein großes gesellschaftliches Thema und deshalb sollte jede Seite die Fragen und Sorgen der Bevölkerung ernst nehmen.

Was BMU und BMWi planen: die Eckpunkte

Nach Angaben des Bundesumwelt- und des Bundeswirtschaftsministeriums lassen sich beim Fracking in Schiefer- und Kohleflözgestein derzeit mangels eigener nationaler Erfahrungswerte die Auswirkungen noch nicht abschätzen. Für das weitere Vorgehen haben die beiden Ministerien deshalb folgende Eckpunkte festgelegt – ein konkreter Gesetzesvorschlag soll demnächst folgen.

  1. Fracking zur gewerblichen Gasgewinnung oberhalb von 3.000 Metern soll verboten werden. Möglich sein sollen hingegen Erprobungsmaßnahmen zur Erforschung der Folgen auf die Umwelt und den Untergrund. Sie sollen 2021 abgeschlossen sein. Erst dann soll über das weitere Vorgehen und mögliche grundsätzliche Verbote oder Erlaubnisse entschieden werden.


  2. Das sogenannnte konventionelle Fracking ("Tight Gas") wie es bereits seit den 1960er in Deutschland durchgeführt wird, bleibt weiter möglich. Zusätzliche Regelungen sollen hierbei künftig dafür sorgen, dass die eingesetzte Frackflüssigkeit maximal schwach wassergefährdend ist. Gefahren für die Gesundheit und das Trinkwasser sollen ausgeschlossen werden.


  3. Gewerbliches Fracking soll in jeglicher Art in Wasserschutzgebieten, Heilquellenschutzgebieten, Einzugsbereichen von Talsperren und Seen, die unmittelbar der Trinkwassergewinnung dienen, untersagt werden. Dieses Verbot soll durch die Länder auch auf Trinkwassergewinnungsgebiete ausgeweitet werden können. Zusätzlich soll im Einzugsbereich von öffentlichen Wasserentnahmestellen oder der unmittelbaren Verwendung in Lebensmitteln (zum Beispiel Mineralwasser oder Bier) eine Schädigung des Grundwassers ausgeschlossen sein.


  4. Allen Tiefbohrungen sollen Umweltverträglichkeitsprüfungen vorangehen.


  5. Die Identität der eingesetzten Stoffe (Frackflüssigkeiten) sowie ihre voraussichtliche Menge sollen von den Fracking-Firmen offengelegt werden müssen.


  6. Die Beweislast für mögliche Bergschäden, die von Fracking-Maßnahmen bzw. Tiefbohrungen stammen können, soll den Unternehmen auferlegt werden.

CETA und TTIP

CETA und TTIP sind zwei geplante Freihandelsabkommen zwischen Kanada und der EU bzw. den USA und der EU. Das Abkommen CETA (Comprehensive Economic and Trade Agreement) mit Kanada gilt als Blaupause für die Pläne des Abkommens mit den USA ( TTIP = Transatlantic Trade and Investment Partnership). Hierbei sind die Verhandlungen schon weiter fortgeschritten, allerdings werden für beide unter Ausschluss der Öffentlichkeit Festlegungen getroffen. Grundsätzlich geht es um einen freien Warenverkehr zwischen beiden Partnern. Zölle und Handelshemmnisse sollen abgeschafft werden.

Mit den Waren kommen aber auch automatisch Produkte auf den europäischen Markt, die unter Standards produziert wurden, die hierzulande eventuell nicht zulässig sind. Ob und welche Art von Kennzeichnungspflicht es geben wird, ist noch unklar. Zusätzlich bekommen Firmen bessere Möglichkeiten im Ausland zu investieren. Viele Fragen im Zusammenhang mit den Freihandelsabkommen sind noch unklar und umstritten. Die Kritiker sehen besonders den sogenannten Investorenschutz und das damit zusammenhängende neue Klagerecht von Firmen, die sich bei der Vermarktung ihrer Produkte eingeschränkt sehen.

Mehr zu den Freihandelsabkommen lesen Sie hier.

Mehr zum Thema
© deutsche-handwerks-zeitung.de 2017 - Alle Rechte vorbehalten
Kommentare

Mehr Informationen dazu finden Sie hier.

* = Pflichtfelder. Bitte ausfüllen