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Interview zu Solo-Selbstständigen im Handwerk Forscher sorgt sich um kleine Betriebe

Mittelstandsexperte Klaus Müller über Solo-Selbstständige im Handwerk, Wettbewerbsverzerrung und die Vorteile des Meisterbriefs. Im Interview mit der Deutschen Handwerks Zeitung fordert er außerdem eine Versicherungspflicht für Selbstständige.

Klaus Müller ist Geschäftsführer des ifh Göttingen, Volkswirtschaftliches Institut für Mittelstand und Handwerk an der Universität Göttingen.

DHZ: Herr Müller, nicht zuletzt in der Rentendebatte wird über die vielen Solo-Selbstständigen diskutiert. Wie sieht es im Handwerk aus?

Müller: Nach der letzten Handwerkszählung 2013 hat die Zahl der Solo-Selbstständigen im Handwerk in den vergangenen 20 Jahren stark zugenommen. Ihr Anteil hat sich vor allem wegen der Novellierung der Handwerksordnung und der EU-Osterweiterung von 14 Prozent im Jahr 1995 auf 37 Prozent im Jahr 2013 erhöht. Mit dem handwerksähnlichen Gewerbe wie Kosmetiker sind es sogar 43 Prozent. Allerdings nimmt ihr Anteil an der Gesamtwirtschaft nicht zuletzt wegen der guten Konjunktur seit dem ersten Quartal 2012 wieder ab. Es ist zu vermuten, dass dies auch für das Handwerk gilt. Genaue Angaben können wir aber erst Ende 2016 nach Erscheinen der nächsten Handwerkszählung machen.

DHZ: Gibt es Gewerke, in denen ihr Anteil besonders hoch ist?

Müller: Bei Fliesenlegern ist der Anteil mit rund 60 Prozent laut Handwerkszählung besonders hoch. Bei Schuhmachern, Fotografen, Maßschneidern oder Musikinstrumentenmachern arbeitet rund die Hälfte der Beschäftigten als Solo-Selbstständige. Bei den Gebäudereinigern ist es etwa ein Drittel und bei den Frisören ein Viertel. Gerade in Berufen, die von Frauen dominiert werden, hat die Zahl der Solo-Selbständigen weiter zugenommen. Das mag auch damit zusammenhängen, dass sich so Familie und Beruf besser miteinander vereinbaren lassen.

DHZ: Seit 2015 muss ein Baubetrieb eine Ausbildungsumlage von 900 Euro im Jahr zahlen. Das trifft Solo-Selbständige, die sich das kaum leisten können. Sinkt ihre Zahl?

Müller: Das ist zu erwarten. Inwiefern sich das dann in der Statistik niederschlägt, ist die andere Frage. Denn die Handwerkszählung erfasst nur Unternehmen, die umsatzsteuerpflichtig sind. Gerade unter den Solo-Selbstständigen im Bau setzen einige aber auch weniger als 17.500 Euro im Jahr um. Geben diese ihre Solo-Selbstständigkeit auf, macht sich das in dieser Statistik nicht bemerkbar.

DHZ: Wie kann dem Unterbietungswettbewerb zwischen Solo-Selbstständigen und Betrieben mit Angestellten Einhalt geboten werden?

Müller: Das betrifft steuerliche Aspekte. Wer nicht umsatzsteuerpflichtig ist, kann seine Leistungen viel günstiger anbieten. Es macht schon einen deutlichen Unterschied, ob man auf einen Haarschnitt 19 Prozent Mehrwertsteuer draufschlägt oder nicht. Deshalb schlagen wir seit längerem einen ermäßigten Mehrwertsteuersatz von sieben Prozent für arbeitsintensive Dienstleistungen vor.

DHZ: Der Handwerksverband plädiert für eine allgemeine Pflicht zur Altersvorsorge, um mehr Waffengleichheit zu bekommen. Sehen Sie das auch so?

Müller: In jedem Fall. Wir brauchen eine V ersicherungspflicht für Selbstständige. Auch sie sollten in eine gesetzliche oder private Rentenversicherung einzahlen müssen. Natürlich kann jemand, der für das Alter nicht vorsorgt, seine Leistungen günstiger anbieten als ein Handwerksbetrieb, der Sozialversicherungsbeiträge mit einkalkuliert. Es kann nicht sein, dass Solo-Selbstständige andere Betriebe unterbieten und möglicherweise in die Pleite treiben und später im Rentenalter dann von der Allgemeinheit finanziell unterstützt werden müssen.

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