Flüchtlinge ausbilden und beschäftigen -

Berufsschulen wandeln sich durch Geflüchtete Flüchtlingsausbildung: In Trippelschritten zum Gesellenbrief

Azubimangel und leere Klassen an den Berufsschulen auf der einen Seite, Geflüchtete, die sich eine Zukunft in Deutschland erhoffen, auf der anderen: Die Hoppenlauschule in Stuttgart entwickelte aus dieser besonderen Situation ein Konzept, um junge Flüchtlinge erfolglreich zum Gesellenbrief zu führen. Wie die Integration gelingt.

Dieser Artikel ist Bestandteil des Themenpakets Flüchtlinge ausbilden und beschäftigen

Für Gerald Machner kamen die Flüchtlinge zur rechten Zeit. "Das ist der Nachwuchs, der uns gefehlt hat“, sagt der Rektor der Gewerblichen Schule im Hoppenlau in Stuttgart. Fleischer, Bäcker und Friseure zählen zu den Gewerken, die an der Schule unterrichtet werden, Gewerke, die es besonders schwer haben, Auszubildende zu finden, in Stuttgart mit seiner starken Autoindustrie zumal.

Nachwuchsmangel existenzbedrohend

Jahrelang konnten die Betriebe in diesen Branchen ihre Ausbildungsplätze kaum mehr besetzen – nicht nur in Stuttgart, überall in Deutschland. Dieses Nachwuchsproblem ist existenzbedrohend für Unternehmen, aber auch für Berufsschulen: Immer weniger Klassen kommen zustande, Standorte werden zusammengelegt, die Ausbildungsberufe verlieren in den Augen der Jugend durch die weiteren Anfahrtswege zur Berufsschule noch mehr an Attraktivität.

Die Hoppenlauschule suchte, wie sie den Nachwuchsbedarf der Betriebe, den Ausbildungsbedarf der Geflüchteten und die Kapazitäten der Schule zusamenbringen konnte. Die Lösung: Das Qualifizierungskonzept "Gesellschaftliche Integration durch Ausbildung und Arbeitsmarktintegration“. Seit 2014 bietet die Schule Vorbereitungsklassen, in denen die jungen und manchmal nicht mehr ganz so jungen Geflüchteten die deutsche Sprache bis zum Niveau A2 lernen und fit für eine Ausbildung gemacht werden. 100 Schüler haben im aktuellen Schuljahr angefangen. Im kommenden Frühjahr werden sie alle ein dreiwöchiges Betriebspraktikum machen. "60 bis 80 Prozent kommen von dort mit einem Ausbildungsvertrag zurück“, nennt Machner Erfahrungswerte.

Zweiter Berufsschultag belastet, ist aber nötig

Haben die Geflüchteten einen Ausbildungsvertrag, können sie im Folgejahr ihr erstes Berufsschuljahr in einer Integrationsklasse absolvieren. Das Besondere daran ist ein zweiter Berufsschultag pro Woche, der helfen soll, sprachliche und schulische Defizite weiter abzubauen. "Dieser zweite Tag ist eine Belastung für die Betriebe. Aber die meisten erkennen, dass ihre Azubis es ohne nicht durch die Prüfungen schaffen würden“, erläutert Machner. Für die besondere Art des Unterrichtens hat sich das Kollegium der Schule extra weiterbilden lassen. Die Sprache spielt hier in Theorie und Praxis eine wesentlich größere Rolle als im normalen Unterricht.

Nach den zwei vorbereitenden Jahren können die fitteren Schüler in die Regelklasse ihres Fachs wechseln, langsamere brauchen ein weiteres Jahr; die Enttäuschung der Schüler
ist dann groß, weiß Machner. "Aber wir sagen das unseren Schülern immer von vornherein: Realistisch brauchen sie vier bis fünf Jahre für den Gesellenabschluss.“

Vier bis fünf Jahre bis zum Gesellenabschluss

Die Hoppenlauschule hat mit ihrem Konzept ihre Schülerzahlen deutlich angehoben. Bei den Fleischern haben sich die Schüleranmeldungen mehr als verdoppelt. Fast 20 Prozent der Schülerschaft sind mittlerweile Geflüchtete.

In einem Klassenzimmer sitzen in der Regel neben Deutschen Iraker, Iraner, Syrer, Afghanen, Pakistani, Gambier, Senegalesen, Kameruner, Nigerianer, Eritreer und Somalier. Probleme im sozialen Zusammenleben gibt es laut Machner trotzdem nicht. "Wir haben die Klassen mitten rein in den Fleischbereich gelegt“, erklärt der Rektor und verweist auf seine rigorosen Prinzipien, frei nach dem Motto: fördern und fordern. Die Schule unterstützt ihre Schüler weit über rein schulische Probleme hinaus: Vermittelt sie an Betriebe, begleitet in behördlichen Fragen, organisiert juristische Beratung, vernetzt zu Fördereinrichtungen – und verlangt im Gegenzug, dass sich alle an die geltenden Regeln halten.

Der Erfolg kann sich sehen lassen. Die Abbrecherquoten unter den Geflüchteten sind nicht höher als unter den Deutschen, die beste praktische Prüfung unter den Fleischern legte
im vergangenen Jahr ein Gambier ab. Die Klassenzimmer haben sich wieder gefüllt. Und selbst Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier besuchte die Vorzeigeschule, die aus der Krise das Beste machte.

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