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TV-Kritik: ARD - hart aber fair zu Fleisch und Tierhaltung Fleischermeisterin und Veganer prallen im TV aufeinander

"Die Fleisch-Frage: Mit hübschen Siegeln gegen schlechtes Gewissen?" Die Redaktion von hart aber fair hatte sich mal wieder einen provokanten Titel für ihren montagabendlichen Polittalk ausgedacht. Die Runde war zwar sehr ausgewogen besetzt, doch ein Veganer, ein Landwirt und Politiker, eine Köchin, ein Journalist und eine Fleischermeisterin lieferten sich dann doch einen teils sehr emotionalen Schlagabtausch.

Schon die Anmoderation der Sendung warf eine ganz zentrale Frage auf: "Wie sieht man einem Schnitzel an, ob das Schwein gelitten hat?", fragte Frank Plasberg gleich zu Beginn. Und darum drehte sich schließlich auch die gesamte Sendung. Der Verbraucher, seine sprichwörtliche Macht, seine guten Vorsätze vor dem Fleischkauf - und seine Inkonsequenz, wenn er im Supermarkt entscheidet, welches Fleisch er schließlich kauft - standen immer wieder im Mittelpunkt. Und natürlich war da der Zusammenhang mit dem neuen Tierwohl-Label des Handels schnell hergestellt.

Seit April teilen große Supermarktketten ihr Schweinefleisch in vier Kategorien ein - von 1, bei dem ein Schwein gerade einmal 0,75 Quadratmeter Platz im Stall hat, bis zu 4, was Bio-Qualität entspricht. Diese Einteilung wurde von dem Bodybuilder und Veganer Patrik Baboumian, der Fernsehköchin und Biobauernhof-Besitzerin Sarah Wiener und dem Journalisten Manfred Karremann auf vielfältige Weise kritisiert, wobei Karremanns Argumente vor allem auf seinen Recherchen zu unhaltbaren Zuständen in der Fleischindustrie basierten und durchaus Hand und Fuß hatten, während Baboumian mit gewagten Gleichstellungen von Mensch und Tier und Wiener mit heftigen Angriffen gegen die Fleischbranche gerne auch mal übers Ziel hinausschossen.

Fleischermeisterin: "Wir sprechen da auf verschiedenen Ebenen"

So geriet Baboumian an einer Stelle mit der Fleischermeisterin und Vorstandsmitglied des Bundesverbandes der Deutschen Fleischwarenindustrie, Sarah Dehm, aneinander. Er argumentierte, dass Veganer wie er das Tierleid aktiv reduzierten und dies das generelle Ziel der Menschen sein müsse. Da wurde es Dehm, die in ihrem Betrieb auf Qualität setzt und während der Sendung spaßeshalber den Supermärkten anbot, sie könne gerne Fleisch der Premium-Kategorie 4 liefern, zu bunt: "Nein, da sprechen wir auf verschiedenen Ebenen", sagte sie. Wenn man sage, man esse Tiere, dann könne man nicht generell von Tierleid sprechen, wenn Tiere aufgezogen und geschlachtet würden. "Sie würden etwas verändern, wenn Sie Fleischprodukte kaufen würden, die sich am Tierwohl orientieren", sagte Dhem. Auf die Gegenfrage, ob sie denn mit dem Tier im Stall tauschen wolle, reagierte die Fleischerin nicht wirklich. "Die Frage stellt sich nicht", sagte sie lediglich.

Tierwohl-Label als pragmatischer Schritt

Es war dies einer der emotionalen Höhepunkte einer Debatte, die in weiten Teilen allerdings - gerade angesichts des schwierigen Themas - doch recht gesittet ablief. Dhem kam vor allem die Rolle der Praktikerin zu, die sie sich mit dem Landwirt und agrarpolitischen Sprecher der Unionsfraktion im Bundestag, Albert Stegemann teilte. Dem oblag freilich auch noch der politische Part, was ihn vor allem immer dann in arge Bedrängnis brachte, wenn die Frage aufgeworfen wurde, warum denn der Handel bereits ein Tierwohllabel auf den Markt gebracht hat, während sich die Politik schon seit acht Jahren erfolglos an einem ähnlichen Etikett versucht. Sowohl Stegemann als auch Dhem verteidigten den aktuellen Vorstoß des Handels aber als einen pragmatischen Schritt nach vorne. "Tierwohl hat ja viele Facetten", sagte Dhem. "Aber das Label bringt Transparenz, auch wenn ich es mir nicht nur auf Fleisch, sondern auch auf Wurstwaren wünschen würde." Was sie sich aber verbat, waren Angriffe aus Teilen der Runde, die vor allem Landwirte als systematisch vorgehende Tierquäler bezeichneten. So hatte Köchin Wiener die Methoden der Fleischindustrie etwa pauschal als "grauenhaftes System" bezeichnet. "Das sind Menschen, die nach Recht und Gesetz arbeiten", erwiderte Dhem.

Schlimme Auswüchse in der Tierhaltung

Immer wieder brachte Plasberg allerdings Einspieler in die Diskussion ein, die schlimme Auswüchse in der Tierhaltung dokumentierten. Von Jungbullen, die an einem Seil in den Schlachthof gezogen wurden bis hin zu indiskutablen Praktiken bei der Verladung von Tieren im Hafen von Beirut. Spätestens da war die Runde dann auch beim Thema Tiertransporte angekommen. Journalist Karremann, der in diesem Bereich seit Langem recherchiert, stellte deren Sinnhaftigkeit generell infrage, und auch CDU-Politiker Stegemann betonte, dass sie höchstens bei Zuchttieren Sinn ergeben könnten. Angesichts der brutalen Bilder fiel es auch schwer, dazu eine andere Meinung zu vertreten.

Dass die Zuschauer über deren Einträge in sozialen Medien oder im Gästebuch der Sendung zu Wort kommen, hat bei hart aber fair Tradition, und brachte die Debatte nach einer knappen Stunde schließlich wieder ganz konkret auf den Punkt, um den sie die ganze Zeit gekreist hatte: Welche Rolle spielt eigentlich der Verbraucher? Jedenfalls klafft zwischen Anspruch in wohlfeilen Reden und Wirklichkeit vor dem Supermarktregal offenbar eine große Lücke. Bei dem Versuch einer Hochschule, die in mehreren Supermärkten den Menschen ganz klar vor Augen führte, welches Fleisch hinter den drei Kategorien "Gut&Günstig", "Tierwohl" und "Bio" steckte, entschieden sich dennoch 73 Prozent der Käufer für das billigste Fleisch.

"Das ist zu einer Glaubensfrage geworden"

Und so blieben von einer engagierten (Plasberg: "Es waren keine Grabenkämpfe"), aber ziemlich fruchtlosen Diskussion am Ende vor allem zwei Erkenntnisse: erstens, dass die Verbraucher es durchaus selbst in der Hand haben, wie der Fleischmarkt konkret aussieht und welches Leid Tieren zugefügt wird oder nicht. Und zweitens, dass die Debatte ums Essen nach wie vor zu den emotionalsten gehört, die es in diesem Land gibt. Das dazu passende Schlusswort oblag Fleischermeisterin Dhem: "Früher ist man in die Kirche, heute geht es ums Essen", sagte sie. "Das ist zu einer Glaubensfrage geworden."

Link zur Sendung: https://www1.wdr.de/daserste/hartaberfair/videos/video-die-fleisch-frage-mit-huebschen-siegeln-gegen-schlechtes-gewissen-100.html

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