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Fleisch zum Trinken und die Geschichte dahinter Fleisch-Smoothies: Wie ein Metzger in den Medienrummel gerät

Peter Klassen bringt ab Oktober Fleisch-Smoothies auf den Markt. Als der Fleischermeister das der lokalen Presse erzählt, beginnt der Medienrummel. Seine Idee sorgt für Diskussionen bei Facebook und Co. Doch was steckt wirklich dahinter, wer ist Peter Klassen und wie kommt man auf die Idee Fleisch zum Trinken anzubieten?

Alles begann mit einem Bericht in der lokalen Tageszeitung darüber, dass Fleischermeister Peter Klassen seinen Betrieb im rheinland-pfälzischen Temmels an seinen Sohn übergibt. Am Rande erwähnte er dabei auch seine neue Geschäftsidee, die das Unternehmen langfristig sichern soll: Ab dem 1. Oktober 2017 können bei Klassen die ersten Fleisch-Smoothies gekauft werden. Als der Beitrag darüber in die sozialen Medien kam, startete sofort die große Medienlawine. Zeitungen, News-Portale und Organisationen wie Foodwatch haben die Idee aufgegriffen und kommentiert – sowohl mit Begeisterung, mit Skepsis und Kritik als auch mit der Frage, ob dahinter nicht ein Aprilscherz steckt.

Fleisch-Smoothies polarisieren

Aber nein: Peter Klassen ist gerade dabei, die letzten Vorbereitungen zu treffen für den Produktionsstart im September. Noch fehlt ihm die Etikettiermaschine, die er in Italien bestellt hat. Mehrere Fernsehsender haben sich bereits angekündigt, um dabei zu sein. Dann geht die Medienwelle weiter, die den 55-Jährigen sehr unerwartet trifft. "Mir war durchaus bewusst, dass die Fleisch-Smoothies polarisieren, aber dass das Interesse derart groß ist, habe ich nicht erwartet", sagt er und freut sich dennoch darüber.

Fleisch zum Trinken, fein püriert und magensondenfähig.

Der eigentliche "Erfinder" ist Stefan Kimmel, Koch und Ernährungsberater, der bei Peter Klassen arbeitet. Entstanden ist die Idee schon vor einigen Jahren und seitdem hat Kimmel, Klassen und sein Sohn Philipp an der Rezeptur und der Konsistent getüftelt. Wichtig war ihnen, ein möglichst natürliches Produkt zu schaffen, das dennoch viele verschiedene Einsatzgebiete hat. Den Smoothie wird es in drei Varianten geben: "Butcher Beef" – das pure Rundfleisch zum Trinken, "Beef Bombay" – die exotisch gewürzte Sorte und "Poulet Royal" – Pute in verflüssigter Form. Dabei kommen neben dem gekochten und extrem fein pürierten Fleisch nur ein paar Gewürze dazu. "Wir fügen keine chemischen Stoffe hinzu wie sie die meisten anderen Proteinshakes enthalten", sagt Klassen und weist damit sogleich auf eine Zielgruppe für sein Trink-Fleisch hin: Sportler, die für den Muskelaufbau möglichst viel Eiweiß zu sich nehmen wollen.

Ein Bekannter von ihm, der für einen Triathlon trainiert, habe die Smoothies schon ausprobiert und sei begeistert. "Die Proteine stehen sofort zur Verfügung, denn der Körper wird nicht durch einen aufwendigen Verdauungsprozess belastet, wenn man Fleisch trinkt statt es zu essen." Von Vorteil können das auch für ältere oder kranke Menschen sein – weitere mögliche Abnehmer der Smoothies, die Klassen im Blick hat. "Ich habe auch schon Anfragen von Zahnärzten, die das ihren Patienten empfehlen wollen für die Zeit nach einer Zahn-OP", berichtet er. So hätten die Smoothies einen hohen "ganz natürlichen" Nährwert, viele Mineralstoffe und dabei aber nur wenige Kalorien – alle drei Sorten unter 200 pro Portion. "Wer Fleisch nicht mehr gut kauen kann, es aber auch nicht trinken will, kann die Smoothies auch einfach als Soße über Kartoffeln, Reis oder Nudeln geben", rät der Fleischer.

Weitere Einsatzgebiete sieht er etwa bei Lkw-Fahrern, die unterwegs "oder wenn sie im Stau stehen und die nächste Raststätte weit weg ist" eine sättigende Mahlzeit brauche, die nicht belastet und lange haltbar ist. Ein ganzes Jahr lang kann man die Fleisch-Smoothies ungekühlt aufbewahren. Peter Klassen will sein "Fleisch zum Trinken" deshalb auch an Tankstellen verkaufen. Den stärksten Vertriebsweg sieht er allerdings in seinem Online-Shop, den er gerade ausbaut. "Es sind schon sehr spezielle Produkte und die werde ich hier in Temmels nicht in großer Masse verkaufen", sagt er. Temmels hat etwa 700 Einwohner und genau die werden sich künftig dennoch auf Veränderungen einstellen müssen – auch wenn es dabei nur nachrangig um die Smoothies geht.

Kühlautomaten statt Bedientheke

Mit dessen Verkaufsstart krempelt der Handwerksmeister nämlich seinen kompletten Betrieb um und übergibt ihn dann an seinen Sohn. Mitarbeiten wird er aber weiterhin und seine Ideen vorantreiben. Schritt für Schritt will der Lebensmittelunternehmer seine klassische Bedientheke abschaffen. Schon jetzt hat er in seinem Laden einen großen SB-Bereich und setzt auf ein starkes Mittagsangebot mit warmen Speisen. Künftig sollen sich die Kunden beim Fleisch- und Wursteinkauf nur noch selbst bedienen – während der Öffnungszeiten im Laden und nach Ladenschluss und am Wochenende an Kühlautomaten, die von außen zugänglich sind. "Man kann unsere Waren dann sowohl hier vor Ort und übers Internet 24 Stunden kaufen", berichtet Klassen stolz. Umsetzen möchten er und sein Sohn den neuen Online-Shop bis Ende September.

Trotz dieser Umstrukturierung betont der 55-Jährige übrigens stark, wie wichtig ihm sein Handwerk, der Kontakt zu den Kunden und seine Mitarbeiter sind. Doch genau deshalb plant er die Neuerungen. "Das Fleischerhandwerk hat es schwer, denn die Billigkonkurrenz der Discounter ist stark, wir bekommen immer weniger Azubis und die Lohnkosten steigen", kritisiert Klassen. Er möchte, dass sowohl sein Sohn langfristig ein gutes Auskommen hat und dass seine 30 Mitarbeiter sichere Arbeitsplätze haben. Deshalb will er sowohl Neues vor Ort testen als auch mit den Smoothies neue Produkte, Kooperationen und Absatzwege schaffen, die sein Geschäft absichern.

Temmels soll seinen Handwerksmetzger behalten, aber genau deshalb will er seine Fleisch-Drinks auch bundesweit anbieten. Nur drei Kilometer sind es von Temmels bis nach Luxemburg und das schafft eine besonders Konkurrenz. "Viele Azubis gehen direkt mit dem Gesellenbrief in der Hand dorthin zum Arbeiten, denn in Luxemburg verdienen sie um einiges mehr", so Klassen. Tragen seine neuen Geschäfte auch finanziell Früchte, will er seine Mitarbeiter daran teilhaben lassen.

Fleisch zum Trinken: die Wachstumsgrenzen

Fleischermeister Klassen sieht aber auch Wachstumsgrenzen, denn egal wie gut seine Fleisch-Smoothies nach dem Verkaufsstart wirklich ankommen, will er sie immer selbst und über ausgewählte kleine Händler vertreiben. "Momentan planen wir ab 2018 eine Produktion von 10.000 Portionen pro Woche", berichtet er. Dafür hat er auch spezielle Maschinen angeschafft. "Im Discounter wird man unsere Produkte aber nie finden", fügt er hinzu.

Den Kritikern seiner Smoothies und empörten Kommentatoren über Facebook und Co. tritt Peter Klassen übrigens sehr offen entgegen. "Liest man das, dann könnte man denken, dass es heute fast nur noch Veganer und Vegetarier gibt und dass ich mit all meinen Produkten nur eine Minderheit bediene", so der Fleischermeister, der regelrechte Anfeindungen erlebt hat für seine Idee. Doch die Mehrheit der Deutschen isst auch in Zeiten, in denen Lebensmittel ohne tierische Zutaten im Trend sind, weiterhin Fleisch. Klassen möchte deshalb auch eher einen anderen Trend bedienen: diejenigen, die gutes Fleisch bevorzugen und es nicht beim Discounter kaufen. Das Fleisch seiner Smoothies stammt deshalb von Schlachthöfen aus der Region.

Der Medienrummel beginnt erst

Den Begriff der Smoothies hat Klassen übrigens wegen der Konsistenz gewählt: fein cremig, flüssig genug zum Trinken und dennoch sättigend; ähnlich wie das Pendant aus Obst und Gemüse. An genau dieser Konsistenz hat der Metzger lange herumgetüftelt. Nun ist sie fertig und die Smoothies kann man auch mit dem Strohhalm trinken – "und sie fließen problemlos durch eine Magensonde", fügt Peter Klassen hinzu. Seine eigene Lieblingssorte ist übrigens "Butcher Beef", das pure Rindfleisch. Seine bisherigen Erfahrungen zeigen: "Wer bereit ist, zu probieren, dem schmeckt es."

Das werden auch die TV-Teams und weiteren Pressevertreter testen können, die sich schon bei Peter Klassen angekündigt haben. Dieser ist sich nun sicher, dass der Medienrummel erst beginnt und langsam gewöhnt er sich auch daran, die unzähligen Fragen zu beantworten und von seiner Idee immer wieder zu erzählen.

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