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Zum Kinostart von "Der goldene Handschuh" Filmkritik: Wenn der Mörder von der Metzgerin träumt

In seinem schockierenden Film "Der goldene Handschuh" erzählt Regisseur Fatih Akin die wahre Geschichte des Serienmörders Fritz Honka, der in den 70er Jahren vier Frauen brutal ermordete – und es auch auf eine junge Handwerkerin abgesehen hatte. Lohnt sich der Film?

Für die einen ist er ganz großes Kino, für die anderen schwer zu ertragen – und für manche sogar beides zugleich. Über kaum einen zweiten Film diskutierten das Publikum und die Fachpresse bei der Berlinale 2019 so kontrovers wie über Fatih Akins Wettbewerbsbeitrag "Der goldene Handschuh". Dass die schockierende Verfilmung des Romans von Heinz Strunk für ihren Kinostart am 21. Februar keine Jugendfreigabe, sondern das "FSK 18"-Label erhielt, kommt nicht von ungefähr: Einen solch brutalen und verstörenden Film hat es im deutschen Kino schon lange nicht mehr gegeben.

Filmemacher Fatih Akin, selbst in der Hansestadt geboren, erzählt darin die Geschichte des Hamburger Serienmörders Fritz Honka (Jonas Dassler) und entführt sein Publikum in die 70er Jahre sowie in das Milieu der Säufer und kaputten Existenzen: Der alleinstehende Honka verbringt seine Abende in der schummerigen Kiezkneipe "Der goldene Handschuh", in der sich abgehalfterte Gestalten die Klinke in die Hand geben und die trinkfesten Saufbrüder auf Namen wie Tampon-Günther (Peter Badstübner), Nasen-Ernie (Lars Nagel), oder Doornkaat-Max (Hark Bohm) hören.

Was keiner von ihnen ahnt: Weil er durch sein abstoßendes Äußeres keine Chance bei den Frauen hat, schleppt Honka in seiner Stammkneipe auf St. Pauli regelmäßig Prostituierte und weibliche Obdachlose ab, die ihn in der Hoffnung auf einen Gratisschluck Schnaps in seine Wohnung begleiten – und dort auf bestialische Weise sexuell gedemütigt, ermordet und anschließend zerstückelt werden. Vermissen tut die Frauen niemand. Eine von ihnen überlebt die Torturen jedoch – und der Grund dafür ist eine junge Handwerkerin.

Die Metzgerin und ihre Mutter

Denn die bedauernswerte Gerda Voss (Margarethe Tiesel) büßt zwar schon bei der ersten Begegnung mit Honka ihre Würde und bei der zweiten auch ihre dritten Zähne ein, doch rettet ihr die Erwähnung ihrer Tochter das Leben: Metzgerin habe ihre Rosi gelernt, ein bisschen rundlich sei sie, aber auch hübsch und mit ihren 30 Jahren sogar noch zu haben. Grund genug für Honka, Gerda am Leben zu lassen, zu seiner Haushaltssklavin zu machen und auf ein Treffen mit ihrer Tochter zu drängen.

Goldener Handschuh

Und schon bei der ersten Erwähnung Rosis entstehen in seinem alkoholkranken Kopf bizarre Hochglanzbilder: Da posiert die junge Fleischerin, die vor seinem geistigen Auge die Gestalt der blonden Schülerin Petra (Greta Sophie Schmidt) annimmt, schon mal keck vor einem schmackhaften Potpourri hängender Würste – oder die Handwerkerin räkelt sich lasziv vor der Verkaufstheke und kaut verführerisch auf einem rohen Steak herum.

Die sterilen Bilder der schneeweiß gekleideten, fast engelsgleich inszenierten Metzgerin sind aber auch fast schon das einzig Schöne in einem Film, der ansonsten ein Hoch auf die Hässlichkeit anstimmt: "Der Goldene Handschuh" und Honkas kleine Dachgeschosswohnung sind an Versifftheit kaum noch zu toppen und könnten eine Putzfrau gleich mehrere Tage beschäftigen. Der Zuschauer blickt nicht nur in zahllose zahnlose Gesichter, sondern auch in völlig verdreckte Toiletten und sogar in Honkas übel stinkenden Leichenverschlag, der für die Maden ein gefundenes Fressen ist.

Der goldene Handschuh - Filmtrailer

Wer den Kinobesuch wagen sollte – und wer lieber nicht

Man braucht ein starkes Nervenkostüm und einen robusten Magen, um die in drastischen Bildern eingefangenen Qualen von Honkas Opfern aushalten und Akins Film überhaupt durchzustehen. Denn "Der goldene Handschuh" schockiert mit morbider Ästhetik und lässt gleichzeitig Kopfkino entstehen – überzeugt dabei aber weniger als vielschichtige Charakterstudie eines berühmten Verbrechers, sondern eher als detailverliebter Ausflug ins Trinkermilieu. Zudem ist Akins Film spannend arrangiert, stellenweise überraschend witzig und atmet den Zeitgeist: Wenn am Tresen Fanta-Korn getrunken wird und sich das Treibgut der Gesellschaft zum Gedudel von Heintjes Schnulze "Du sollst nicht weinen" in den Armen liegt, wähnt man sich glatt ins St. Pauli der 70er Jahre zurückversetzt.

Goldener Handschuh

Wer zwei Stunden derbstes hanseatisches Vokabular und das Zelebrieren der geballten Hässlichkeit ebenso wegsteckt wie Szenen, in denen eine schwer übergewichtige Frau minutenlang halbnackt um ihr Leben ringt und sich dabei ihrer Körperflüssigkeiten entledigt, dem sei der Kinobesuch daher ans Herz gelegt. Für Gesprächsstoff ist im oft so eintönigen deutschen Kino jedenfalls endlich mal wieder gesorgt –und eine abstoßendere Figur als den stark überzeichneten, von Jonas Hassler aber bravourös gespielten Fritz Honka, der im realen Leben nur durch Zufall von der Polizei gefasst wurde, muss man in der jüngeren Kinogeschichte lange suchen. Metzgerin Rosi und ihre Mutter Gerda werden heilfroh sein, diesem bestialisch mordenden Mann noch einmal entkommen zu sein.

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