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Fünf Streetscooter fahren emissionsfrei Feinstaubfresser lässt sich’s schmecken

Eine Entwicklung des Ludwigsburger Filtrationsspezialisten Mann+Hummel lässt den Traum vom emissionsfreien Auto wahr werden. Bis Ende des Jahres testet Streetscooter an fünf seiner Elektrotransporter, ob die Filter für den Serieneinsatz taugen.

Emissionsfreier Straßenverkehr gilt als Illusion. Selbst Elektro­autos tragen zur Luftbelastung bei, indem sie über Bremsen und Reifen Feinstaub emittieren. Für ein Pilotprojekt wurden fünf Streetscooter mit dem so­genannten Feinstaubfresser ausgerüstet. Dieses aktive Partikelfiltersystem bekommt über Ventilatoren Luft zugeführt und reinigt diese vom Feinstaub. Somit können die Elektrofahrzeuge sogar im Stand Feinstaub aus der Umgebungsluft filtern.

Bei der Vorstellung der Streetscooter mit dem Feinstaubpartikelfilter wurden die Lieferwagen als weltweit erste emissionsneutrale Fahrzeuge präsentiert. Dank ihres Elektroantriebes stoßen sie weder Kohlendioxid (CO2) oder Stickoxide (NOx) aus, noch erzeugen sie Lärm. Den Partikelabrieb von Bremsbelägen und Reifen soll der Feinstaubfresser eliminieren.

Eingebaut am Unterboden auf Höhe der Hinterachse, sitzt er genau dort, wo im Fahrbetrieb die Feinstaubkonzentration am höchsten ist. Zudem geht im Lieferwagen kein Laderaum verloren. "Mit dem Einsatz der Filter können wir die hervorragende Ökobilanz unserer Elektrotransporter weiter verbessern. Wir würden uns freuen, wenn wir mit diesem Test zum Impulsgeber für einen breiten Trend werden", sagte Streetscooter-Geschäftsführer Achim Kampker.

Simulationswerte bestätigt

Mann+Hummel rüstet alle Feinstaubpartikelfilter mit Sensoren aus, um deren Effizienz durch ein Online-Monitoring zu überprüfen. Erfasst werden Informationen über die Filtrationsleistung, die gereinigte Luftmenge, die Feinstaubkonzentration und Wetterdaten.

Nach einem knappen halben Jahr Testphase zog Mann+Hummel-Unternehmenssprecher Patrick Löffel ein positives Zwischenfazit: "Die Werte aus den Simulationen wurden im Realbetrieb bestätigt, gerade in den feinstaubreichen Wintermonaten." Demnach wurde eine Abscheiderate von 80 Prozent erreicht – Werte, die auch bei Messungen mit eigenen Testfahrzeugen bestätigt wurden.

Schon Mitte des vergangenen Jahres hat Mann+Hummel drei Pkw mit verschiedenen Filtersystemen ausgestattet, die im besonders stark mit Feinstaub belasteten Raum Stuttgart unterwegs sind. Bei ihnen wurde der Feinstaubfresser auf dem Dach montiert. Sein niedriger Strömungswiderstand soll einen maximalen Volumenstrom bei hoher Abscheidewirkung garantieren. Die Insassen der Test-Pkw werden durch einen Innenraumluftfilter geschützt, der durch eine besondere Aktivkohlemischung neben Feinstaub und Pollen auch Stickoxide und weitere Schadgase abscheidet sowie Ammoniak bindet.

Zudem wurde in der Nähe des Bremssattels ein Bremsstaubpartikelfilter montiert, der für den Einsatz bei allen Antriebsarten geeignet ist. Durch Bremsabrieb entsteht bei Fahrzeugen mit Verbrennungsmotor deutlich mehr Feinstaub als über Abgase. Nur zehn Prozent des Feinstaubs, das ein Dieselauto emittiert, gelangen durch den Auspuff in die Luft. Der Rest stammt vom Abrieb der Bremsen und Reifen sowie durch aufgewirbelten Straßenstaub.

Filtersäulen am Neckartor

Mann+Hummel rückt dem Feinstaub auch mit stationären Filtersäulen zu Leibe. Ende Mai wurde mit dem baden-württembergischen Verkehrsministerium ein weiteres Pilotprojekt vereinbart. Im Oktober, also zu Beginn der nächsten Feinstaubsaison, sollen am besonders stark belasteten Stuttgarter Neckartor 17 Anlagen Feinstaub aus der Luft filtern. "Unser Ziel ist es, die Anzahl der Tage mit Grenzwertüberschreitungen zu reduzieren", sagte Patrick Löffel.

Das Neckartor hat in diesem Zusammenhang traurige Berühmtheit erlangt. 2005 lag die Feinstaubkonzentration hier an 187 Tagen über dem Grenzwert, der damals eingeführt worden war. Seither geht die Feinstaubbelastung jedoch zurück, 2016 wurde der Grenzwert an 65 Tagen überschritten, im vergangenen Jahr nur an 45 Tagen. Wenn mit den Filtersäulen eine weitere Reduktion gelingt, dann könnten die Anwohner am Stuttgarter Neckartor vielleicht bald aufatmen.

Die Testphase mit dem Feinstaubfresser unter dem Streetscooter läuft noch bis Ende des Jahres. Sollten sich die positiven Erfahrungen bestätigen, könnte der Partikelfilter laut Mann+Hummel schon 2019 in Serie gehen.

Feinstaub

Als Feinstaub – englisch „Particulate Matter“ (PM) – bezeichnet man Teilchen in der Luft, die nicht sofort zu Boden sinken, sondern eine gewisse Zeit in der Atmosphäre verweilen. Je nach Korngröße wird der Feinstaub in verschiedene Fraktionen unterteilt: Unter PM10 versteht man alle Staubteilchen, deren aerodynamischer Durchmesser kleiner als zehn Mikrometer (µm) ist.

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat Grenzwerte für Feinstaub festgelegt. Für PM10 beträgt er im Tagesdurchschnitt 50 µg/m³. Er darf an maximal 35 Tagen im Jahr überschritten werden. Für noch kleinere Partikel wie PM2,5 gelten entsprechend strengere Grenzwerte.

Feinstaub gilt als Verursacher von Lungenkrankheiten und soll das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Herzinfarkt oder Schlaganfall erhöhen. Die WHO schätzt, dass in Deutschland jährlich 47.000 Menschen durch Feinstaub sterben.

Quellen: Umweltbundesamt/Mann+Hummel

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