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Textillabel "Grüner Knopf" ab 2019 Faire Kleidung: Maßschneider können auch ohne neues Siegel

"Jedes neue Siegel birgt das Risiko, dass es nicht ernst genommen wird", sagt Inge Szoltysik-Sparrer, die Vorsitzende vom Bundesverband der Maßschneider zum neuen staatlichen Textilsiegel "Grüner Knopf". Es soll ab 2019 gelten und die Nachhaltigkeit der gesamten Lieferkette eines Kleidungsstücks belegen. Doch wie das im Detail funktionieren soll, ist noch unklar und so ist die Skepsis groß.

Die Idee, einen grünen Knopf als Symbol zu nutzen, findet Maßschneidermeisterin Inge Szoltysik-Sparrer gelungen. Den Knopf verbinde jeder mit dem Thema Kleidung und dass die grüne Farbe für Nachhaltigkeit steht, habe sich mittlerweile durchgesetzt. Doch eine gute Gestaltung alleine genügt nicht, damit ein neues Siegel im Dschungel der unzähligen anderen wirklich Transparenz schaffen kann. Wichtig ist das System dahinter. Mehr als, dass der "Grüne Knopf" Nachhaltigkeit für die gesamte Lieferkette verspricht, steht allerdings noch nicht fest.

Nachhaltigkeit meint hierbei sozial und ökologisch produzierte Kleidung, faire Arbeitsbedingungen und Mindeststandards für Umweltfreundlichkeit. Alles Werte, für die auch das Maßschneiderhandwerk steht und dennoch kann die Bundesvorsitzende noch nicht sagen, ob sich die Handwerksbranche am System des „Grünen Knopfs“ je beteiligen wird. Einerseits gibt es keine Notwendigkeit dazu. "Unser Gütesiegel ist der Meisterbrief", sagt Inge Szoltysik-Sparrer. So sei es für Maßschneiderbetriebe selbstverständlich zu wissen, woher die verwendeten Stoffe kommen und wie sie produziert wurden. Durch den direkten Kundenkontakt könne dies auch kommuniziert werden.

Jede Stufe der Produktionskette kontrollieren: Umsetzbar oder realitätsfern?

Andererseits muss aus Sicht der Branche erst einmal klar sein, wie es auch im Maßstab der globalen Textilindustrie gelingen können soll,  komplette Lieferketten im Blick zu behalten. "Beginnt die Zertifizierung schon auf dem Baumwollfeld? Gibt jede Stufe in der Produktionskette dann einen Beleg dafür ab, dass sie nachhaltig und unter fairen Bedingungen gearbeitet hat? Und wer kontrolliert das?", gibt Szoltysik-Sparrer einige Fragen an, die alle noch nicht geklärt seien. Erst an einem fertigen System könne man sich beteiligen bzw. wenn es feststeht über eine Beteiligung entscheiden.

Obwohl viele Details rund um den "Grünen Knopf" noch ungeklärt sind, hat Bundesentwicklungsminister Gerd Müller (CSU) bereits angekündigt, dass er schon im kommenden Jahr neue Orientierung beim Shoppen bieten soll. Es soll ähnlich wie das EU-Biosiegel für Lebensmittel den Markt für faire Kleidung entscheidend weiterbringen. Medienberichten zufolge hat Müller im April angekündigt, dass er das Siegel für faire Kleidung 2019 gemeinsam mit der Textilwirtschaft umzusetzen will. Allerdings kritisiert die Textilwirtschaft selbst bislang noch, dass man eine lückenlose Transparenz kaum bieten kann.

So sagte der Hauptgeschäftsführer des Gesamtverbandes der Textil- und Modeindustrie, Uwe Mazura , der "Augsburger Allgemeinen " noch vor kurzem, dass die Einführung eines solchen Siegels mit enormen zusätzlichen Kosten verbunden sei und dass der Aufbau eines so umfänglichen Überwachungssystems Jahre dauere. Die lückenlose Kontrolle vom Baumwollfeld bis zum Bügel sei nicht bei Massenprodukten möglich.

Dieses Problem sieht auch das Maßschneider-Handwerk – allerdings als Vorteil für die eigene Branche, die schließlich fern aller Massenprodukte arbeitet. "Doch auch wenn wir vielleicht bessere Einblicke in die Lieferketten haben und die Kriterien für eine Zertifizierung schneller erfüllen könnten, bleibt die Frage des Aufwands und der Kosten gerade für kleine Betriebe eine umso wichtigere", gibt Inge Szoltysik-Sparrer zu bedenken.

Gesetzliche Verpflichtung für Einhaltung der Umwelt- und Sozialstandards gefordert

Sie erlebt es in ihrer täglichen Arbeit als Maßschneiderin, dass Kunden mittlerweile sehr viel Wert auf Nachhaltigkeit und Transparenz legen. Ob ein weiteres Siegel zwischen den unzähligen anderen wirklich eine Lösung ist, sieht sie noch etwas skeptisch. Gerd Müller versucht dieses jedoch schon seit dem Jahr 2014 immer wieder ins Gespräch zu bringen. Als Reaktion auf mehrere tragische Unfälle in Textilfabriken hat er damals gemeinsam mit großen Firmen der Textilindustrie das "Bündnis für nachhaltige Textilien“ gegründet und auch die Diskussion um das neue Siegel gestartet. Mittlerweile sind rund 150 Kleidungshersteller Mitglieder des Bündnisses; Müller spricht von 50 Prozent Marktabdeckung.

Sie alle setzen sich den Bündnisstatuten zufolge für soziale, ökologische und ökonomische Verbesserungen entlang der gesamten Textil-Lieferkette ein. Da es freiwillige Vorgaben sind, werden sie jedoch auch immer wieder angezweifelt. Der Verein Femnet, der sich für die Rechte von Frauen in der globalen Bekleidungsindustrie einsetzt, fordert etwa, dass es sogar eine gesetzliche Verpflichtung der Umwelt- und Sozialstandards Hersteller geben müsse zu kontrollieren, dass Zulieferer die Menschenrechte nicht verletzen und eingehalten werden. Einen aktuelle Bericht der taz zufolge hält auch der Gesamtverband der deutschen Textil- und Modeindustrie die Ankündigung des "Grünen Knopf" immer noch für vage und realitätsfern.

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