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Weiterbildungen auch für Gesellen nötig Fachwissen mit Verfallsdatum

Mit 15 in die Lehre und dann ein Leben lang mit dem Wissen aus der Ausbildung arbeiten funktioniert heute nicht mehr. Berufsbilder wandeln sich rasend schnell. Nur, wer sich weiterbildet, kann da mithalten. Wie Chefs und Mitarbeiter diese große Aufgabe meistern können, zeigt unser Beispiel.

Im vergangenen Jahr musste Martin Kreczy immer wieder interessante Neukunden ablehnen. Zu viel Arbeit, zu wenige Leute. "Das tut weh, ist aber nicht zu ändern“, kommentiert der Diplom-Wirtschaftsingenieur und Chef der Münchner Firma Allwartung.

Obwohl sein Betrieb für Wartung und Haustechnik mehr als genug zu tun hat, schickt Kreczy die knapp 25 Mitarbeiter regelmäßig auf Weiterbildung. Jeder, vom jungen Gesellen bis zum Beinaherentner, hat im Schnitt fünf bis acht Schulungstage pro Jahr.

Weiterbildung: Trotz oder wegen Fachkräftemangels

Im deutschen Handwerk herrscht Hochkonjunktur. Unternehmer sorgen sich nicht um fehlende Aufträge. Sie sorgen sich, weil sie nicht genügend Fachkräfte finden für die viele Arbeit. Um so größer das Unverständnis, als es im Oktober vergangenen Jahres in einer Studie hieß, die Berufsausbildung sei nur für Berufsanfänger von Vorteil. Später, jenseits der 44, liefen Menschen mit beruflicher Bildung eher Gefahr, arbeitslos zu werden, als höher Gebildete.

Wer zahlt die Weiterbildung?

Wenn Unternehmer Zeit und Geld für die Weiterbildung der Mitarbeiter investieren, möchten sie sichergehen, dass das Wissen im Unternehmen bleibt und der Mitarbeiter nicht abwandert. Wer das per Vertrag regeln will, sollte einen Juristen zu Rate ziehen.

Rückzahlungsklauseln sind heikel, vor Gericht halten sie oft nicht stand. Auf folgende Aspekte achten die Arbeitsrichter:

  • Der Arbeitnehmer muss erhebliche zusätzliche Kenntnisse durch die Weiterbildung erwerben.
  • Er muss dadurch bessere Chancen auf dem Arbeitsmarkt haben.
  • Nur wenn allein der Arbeitnehmer für das Ausscheiden verantwortlich ist, ist eine Rückzahlung möglich.
  • Höhe der Rückzahlung und Dauer der Bindung müssen in einem angemessenen Verhältnis stehen (siehe BAG, Az: 3 AZR 791/09).
Auch wer diese Aspekte berücksichtigt, hat keine Garantie, dass der Vertrag vor Gericht standhält. Gerade Vereinbarungen zu Rückzahlungen für technische Fortbildungen haben Arbeitsrichter in der Vergangenheit häufig für unzulässig erachtet (siehe BAG, Az: 6 AZR 539/01).

Wie kritisch die Verträge beäugt werden, zeigt unser Artikel "Meister: Chef und Mitarbeiter zahlen gemeinsam".

Ludger Wößmann, Leiter des ifo Zentrums für Bildungsökonomik, hat die Studie mitverfasst. " Automatisierung, Globalisierung und Digitalisierung verändern den Arbeitsmarkt immer schneller. Wer in seinen beruflichen Kompetenzen zu eng aufgestellt ist, kann sich nicht mehr anpassen“, erklärt der Professor seine Warnung.

Er will nicht die berufliche Bildung an sich kritisieren, sieht aber die Gefahr, dass eine zu frühe Spezialisierung Menschen in Nischen drängt, die kein ganzes Berufsleben lang halten. Je enger das Ausbildungswissen gefasst ist und je weniger sich jemand im Laufe seines Berufslebens fortbildet, desto schwieriger ist es, ein ganzes Leben lang passende Arbeit zu finden. Gerade Menschen mit berufsspezifischer Bildung nähmen seltener an Weiterbildungen teil, beobachtet Wößmann.

Zeitmangel bremst Weiterbildungswillen

Zudem bremst die gute Wirtschaftslage den Weiterbildungswillen. Derzeit gibt es mehr Arbeit als Menschen, warum also Neues lernen? Für Chefs ist die Arbeitszeit zu kostbar, um Mitarbeiter auf Weiterbildung zu schicken. "Das stimmt – und stimmt nicht“, sagt Kreczy. "Ich habe festgestellt, dass sich die Weiterbildungen mehr als auszahlen.“ Nach einer guten Schulung arbeiteten die Mitarbeiter besser, selbst langjährige Fachkräfte profitierten. "Die Fehlerquote bei uns ist dank der Schulungen sehr gering.“

Dass auch Mitarbeiter in fortgeschrittenem Alter an Weiterbildungen teilnehmen, ist für Kreczy selbstverständlich: "Die Technik bleibt nicht stehen und jeder muss sie beherrschen, sonst ist er nicht mehr voll einsetzbar.“

Qualität der Weiterbildungen prüfen

Die Qualität der Seminare überprüft der Münchner Unternehmer mit Hilfe von Feedback-Bögen, denn nicht alle Kurse sind gleich gut. Und eine weitere Grenze gibt es: Viele Gesellen sind schlicht überfordert. Auch Kreczy hat schon in neue Mitarbeiter investiert, um am Ende festzustellen: Sie bleiben unter dem Niveau, das er braucht.

Mit diesem Problem steht der Unternehmer nicht alleine da. In fast allen Handwerksbranchen ist die Technik in den vergangenen Jahren immer anspruchsvoller geworden, die Anforderungen an den Einzelnen sind hoch. Entsprechend sind es vor allem hochwertige technische Seminare, die derzeit gefragt sind. Sowohl der Zentralverband Sanitär Heizung Klima als auch die Elektroinnungen registrieren hier die meisten Anmeldungen. Allgemeinere betriebswirtschaftliche Seminare oder reine Computerfortbildungen werden seltener gebucht.

Herstellerschulungen bieten Praxiswissen

Auch Kreczy schickt seine Mitarbeiter bevorzugt zu Herstellerschulungen, beispielsweise von Vaillant oder Buderus; nicht, weil hier die Seminargebühren niedriger sind, sondern, weil das Team hier neueste Geräte und Techniken kennenlernt. Rund ein Drittel seines Umsatzes macht der Handwerksbetrieb, weil die Kundendienstmitarbeiter Fehler erkennen und beheben – Fehler, die sonst oft nur der Werkskundendienst der Hersteller beseitigen könnte.

Ein anderer Vorteil lässt sich nicht beziffern: Wer seine Mitarbeiter fördert, ist auch als Arbeitgeber attraktiver. In Zeiten des Fachkräftemangels kein unwesentliches Argument.

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