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Studie des ifh Fachkräftesicherung glückt nur durch Meisterpflicht

Die EU-Kommission möchte in Europa möglichst geringe Hürden für den Berufszugang - auch im Handwerk. Ein Gutachten des ifh in Göttingen warnt nun vor den Auswirkungen einer weiteren Deregulierung. Rückendeckung kommt von der Bundesregierung.

Wenn in weiteren Handwerksberufen die Meisterpflicht entfällt, hat das langfristig nicht nur Auswirkungen auf das Handwerk. Auch andere Wirtschaftszweige werden davon betroffen sein. Zu diesem Schluss kommt ein Gutachten des Volkswirtschaftlichen Institutes für Mittelstand und Handwerk an der Universität Göttingen (ifh).

Ein wesentlicher Grund dafür: Das Handwerk bildet seit jeher über Bedarf aus. "Aber etwa 60 Prozent der ehemaligen Handwerkslehrlinge arbeiten inzwischen in anderen Wirtschaftszweigen", erläutert Klaus Müller, ifh- Geschäftsführer. Das Handwerk fungiert also als Fachkräftelieferant. Damit könnte bei einer weiteren Deregulierung jedoch Schluss sein. Denn in den Gewerken, in denen die Meisterprüfung seit der Handwerksnovellierung im Jahr 2004 keine Zugangsvoraussetzung mehr ist, bilden nur noch wenige der seither gegründeten Betriebe aus.

Meisterqualifikation eng verknüpft mit Ausbildungswesen

"Bei der Debatte um die Lockerung der Berufszugangsreglementierungen wird außer Acht gelassen, dass Selbstständigkeit und Lehrlingsausbildung historisch gewachsen ist", heißt es in dem Gutachten. Eine Aufhebung der qualifikationsgebundenen Zugangsberechtigung müsse daher auch Auswirkungen auf das handwerkliche Ausbildungswesen haben.

Zwar ist es durchaus möglich sich jenseits der Meisterprüfung zum Ausbilder fortzubilden. Doch dabei wird das Kosten-Nutzen-Kalkül der Betriebsinhaber nicht beachtet. Für die separate Ausbildereignungsprüfung müssen sich Gesellen bewusst entscheiden – doch die verspricht den Handwerkern erst einmal wenig Nutzen.

Zentrale Rolle des Meisters

Der Meister hingegen wird vor allem vor dem Hintergrund der Weiterqualifizierung und einer späteren Selbstständigkeit gemacht. In den zulassungsfreien Gewerken ist die Zahl der Gründer mit Meisterbrief nach 2004 aber auf 18 Prozent gefallen. Nur noch 70 Prozent der Gründer haben überhaupt eine Gesellenqualifikation.

Eine Entwicklung, die laut ifh zum Problem werden könnte. "Für Funktionsfähigkeit des Ausbildungsbereichs spielt die Meisterqualifikation eine, wenn nicht sogar die zentrale Rolle", heißt es in dem Gutachten. Denn die Qualifikation gehe weit über die Berechtigung zur selbstständigen Berufsausübung hinaus.“ Nur über den Meister kann laut Studienautoren das "volkswirtschaftlich erforderliche Potenzial" an ausbildungsberechtigten Betrieben und ausbildungsfähigen Selbstständigen sowie im Handwerk angestellten Meistern bereitgestellt werden. Die Vorteile des dualen Systems, das vor dem Hintergrund der hohen Jugendarbeitslosigkeit in Südeuropa weltweit Anerkennung gefunden hat, würden unterlaufen.

Warnung vor weiterer Deregulierung

Und auf ein weiteres Risiko weisen die Gutachter hin: Für die Innovationsfähigkeit der Wirtschaft seien die Fachkräfte, die aus dem dualen System hervorgingen, nicht zu unterschätzen. Denn sie profitieren von der Verknüpfung von praktischem mit theoretischem Wissen. "Je weniger Betriebe ausbilden, desto schulischer muss die Ausbildung künftig werden", sagt Müller. Die Vorteile des dualen Systems fielen damit weg.

Das ifh warnt daher vor den Folgen einer weiteren Deregulierung:

  • Die Zahl der unqualifizierten Inhaber und Mitarbeiter würde steigen - mit negativen Auswirkungen auf die Qualität der Arbeit.
  • Das Handwerk bildet heute auch Jugendliche mit schlechteren Startchancen aus und gibt ihnen die Möglichkeit zur erfolgreichen beruflichen Integration. Dieses Engagement würde zurückgehen. Erhebliche volkswirtschaftliche Folgekosten entstünden, denn die Einbindung der schlechter vorqualifizierten Jugendlichen werden angesichts des demografischen Wandels in den kommenden Jahren immer wichtiger.
  • Das Handwerk ist derzeit Fachkräftelieferant für andere Wirtschaftszweige. Das würde in Zukunft immer weniger funktionieren und wäre daher mit weitreichenden volkswirtschaftliche Kosten verbunden.

Bundestag will europaweit duales System etablieren

Rückendeckung bekommt das Handwerk von der Bundesregierung. Anfang Juli beschloss der Bundestag die Strukturen in Deutschland zu schützen und darüber hinaus andere EU-Länder beim Aufbau solcher Ausbildungsstrukturen zu unterstützen. "Das duale Ausbildungssystem ist das wirksamste Instrument zur Bekämpfung von Jugendarbeitslosigkeit und zur Vermeidung des drohenden Fachkräftemangels", heißt es in dem beschlossenen Antrag der CDU/CSU- und SPD-Fraktionen.

Ein Beschluss, über den sich das Handwerk erfreut zeigt: "Es ist gut und richtig, dass sich der Deutsche Bundestag in seinem Antrag eindeutig für Meisterbrief und duale Ausbildung ausspricht", sagte Hans Peter Wollseifer, Präsident des Zentralverbandes des Deutschen Handwerks. "Ich erwarte, dass die Europäische Kommission diesem klaren politischen Signal Rechnung trägt."

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