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Interview mit Markus Glasl über die Folgen der Corona-Krise "Fachkräftemangel könnte sich verschärfen“

Trotz Wirtschaftskrise ist kein Ende der Personalnot im Handwerk abzusehen. Markus Glasl vom Ludwig-Fröhler-Institut für Handwerkswissenschaften über die Folgen der Corona-Pandemie auf die Mitarbeitersituation im Handwerk.

Herr Glasl, in vielen Handwerksbranchen ist durch die Corona-Krise abrupt alle Arbeit weggebrochen. Gehen die Jahre des Fachkräftemangels direkt über in eine Zeit des Arbeitsmangels?

Nein, ich denke nicht. Erstens sind große Bereiche wie Bau und Ausbau nur indirekt von der Krise betroffen. Zweitens haben von den stärker betroffenen Handwerksbranchen bisher nur sehr wenige Personal entlassen. Viele nutzen das Instrument der Kurzarbeit und reagieren mit dem Abbau von Arbeitszeitkonten oder Urlaub auf die Umsatzrückgänge. Da die Krise nicht strukturell bedingt, sondern auf einen externen Effekt zurückzuführen ist, gehe ich davon aus, dass sich die Märkte nach der Corona-Krise wieder normalisieren werden.

Ändert sich also nichts am Fachkräftemangel?

Viele Investitionen und Aufträge werden derzeit nur auf einen späteren Zeitpunkt verschoben. Wenn sie nachgeholt werden, könnte sich der Fachkräftemangel kurzfristig sogar noch verschärfen! Es wäre also wichtig, den Personalstand konstant zu halten, weil nach der Krise die Kapazitäten wieder gut ausgelastet sein dürften.

Was können Unternehmer jetzt tun, um ihren künftigen Personalbedarf zu decken?

Gute Betriebe nutzen die aktuelle Krise, um eine positive Arbeitgebermarke aufzubauen, beispielsweise durch arbeitnehmerfreundliche Maßnahmen. Ich denke hier an eine zusätzliche Flexibilisierung der Arbeitszeiten, damit beispielsweise Eltern die Betreuung ihrer Kinder organisieren können. Wer es sich irgendwie leisten kann, sollte im Falle von Kurzarbeit auch das Entgelt der Mitarbeiter aufstocken, um nicht nur jetzt über die Krise zu kommen, sondern auch das Personal für die Zukunft zu binden.

Bei vielen Betrieben geht es aber ums blanke Überleben!

Richtig, und je länger die Krise dauert, desto wahrscheinlicher und zahlreicher werden Unternehmensinsolvenzen. Besonders kritisch ist die Situation bei Soloselbstständigen, die vielfach keine Rücklagen aufgebaut haben. Hier ist eine Marktbereinigung wohl kaum zu vermeiden. Die finanziell stabilen Betriebe und solche mit angepassten digitalen Geschäftsmodellen werden aber – gestützt durch staatliche Hilfen – überleben. Trotzdem: Durch Insolvenzen und Kündigungen werden sicherlich einige Fachkräfte auf den Arbeitsmarkt kommen...

...die die überlebenden Betriebe dann einstellen könnten.
Ich glaube aber nicht, dass es dadurch zu einer Entspannung der Fachkräftesituation kommt. Das Nachfragevolumen wird – eine langanhaltende Rezession ausgeschlossen – auf das Ausgangsniveau zurückkehren und bei den verbleibenden Unternehmen den Fachkräftebedarf weiter erhöhen. Damit würden die freigesetzten Kräfte sofort wieder aufgesogen.

Das Handwerk ist in Krisen mit Entlassungen zurückhaltender als die Industrie. Hilft dieses Argument bei künftigen Personalsuchen?

Die Krise wird wohl nicht zu einer strukturellen Veränderung im Wettbewerb zwischen Handwerk und Industrie führen. Wohnortnähe, abwechslungsreiche Tätigkeiten und familiäres Betriebsklima waren schon immer Vorzüge des Handwerks und haben zur Mitarbeiterbindung beigetragen. Auf der anderen Seite steht die Industrie mit oftmals internationalen Markennamen, die sie in den Augen vieler schon per se attraktiv macht. Sollte die Flaute in der exportabhängigen Industrie aber länger andauern, könnte das zumindest eine gewisse Entspannung durch die Rückkehr von im Handwerk ausgebildeten Fachkräften ergeben.

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