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Folgen der Zinspolitik EZB senkt Leitzins: Schlecht für Sparer, gut für Betriebe

Die Europäische Zentralbank hat den Leitzins überraschend nochmals auf ein Rekordtief gesenkt – und erntet dafür in Deutschland Kritik. Was für Sparer jedoch katastrophal ist, könnte für Handwerker eine Chance sein.

Überraschend hat die Europäische Zentralbank (EZB) den Leitzins nochmals gesenkt. Nun liegt er bei 0,05 Prozent, so tief wie nie. Und das obwohl EZB-Präsident Mario  Draghi bereits bei der letzten Leitzinssenkung im Juni angekündigt hatte, dass der Tiefststand nun erreicht sei.

Die EZB begründete die Entscheidung mit der weiter schwachen Wirtschaftsleistung und der niedrigen Inflationsrate von zuletzt 0,3 Prozent im Euro-Raum. Um die Konjunktur weiter anzukurbeln plant die EZB außerdem weitere Anleihekäufe, unter anderem von sogenannten ABS, die als riskant gelten. Auch die Zinsen für die sogenannte Einlagefazilität - wenn Banken ihr Geld über Nacht bei der EZB parken - wurden erneut weiter ins Negative gesenkt auf jetzt -0,2 Prozent. Mit dieser Maßnahme will das europäische Geldinstitut Banken animieren, mehr Geld an die Wirtschaft für Investitionen zu verleihen, statt es bei der EZB zu horten.

Fahrenschon: Schlechter Tag für Sparer

Banken und Versicherer reagierten teils entsetzt auf die erneute Zinssenkung: Der Präsident des Gesamtverbandes der Deutschen Versicherungswirtschaft, Alexander Erdland, bezeichnet den Schritt als "falsches Signal an alle Sparer". Schon die vorigen Maßnahmen der EZB hätten gezeigt, dass "Zinssenkungen nahe dem Nullpunkt" keine positiven Wirtschaftsimpulse brächten, sagte er gegenüber dem Nachrichtensender n-tv.

Als "schlechten Tag für Sparer in ganz Europa" brandmarkte Georg Fahrenschon, Präsident des Sparkassen- und Giroverbandes (DSGV) die Maßnahmen der EZB. Denn für Sparer werden die Zeiten nun noch schlechter. Da sie auf ihr Erspartes kaum noch Zinsen bekommen, frisst die Inflation ihr Geld auf.

Die Folgen der Negativzinsen für Banken sind zunächst nicht absehbar. Mit dem weiter ins Negative verschärften Strafzins für die Einlagefazilität nähere sich die EZB einem Punkt, an dem sie eine verstärkte Bargeldhaltung provoziere, warnt Fahrenschon. Negativzinsen auf ihre Erspartes brauchen Privatkunden und Betriebe aber derzeit nicht befürchten. "Solches ist in Deutschland schon auf Grund des hohen Wettbewerbsdrucks in der Kreditwirtschaft den Kunden schlicht nicht zu vermitteln", erläutert Holger Schulz, Volkswirt beim DSGV.

Handwerker sollten Chance nutzen

Die Sparer sind also die klaren Verlierer. Profiteure der EZB-Politik sind hingegen alle, die nun Investitionen planen und dafür einen Kredit aufnehmen müssen. Die Zinsen sind günstig wie nie.

Profitieren davon können auch Handwerksbetriebe. Denn "für den deutschen Kreditmarkt ändert sich praktisch nichts", sagt Schulz. "Die Liquiditätsversorgung der Kreditinstitute war schon vor den jüngsten Zinssenkungsrunden überaus günstig." Das Angebot für die kreditnehmende Wirtschaft sei dementsprechend ebenfalls günstig. "Bei guter Bonität und gesundem Geschäftsmodell, wie es die meisten Handwerker aufweisen, gibt es so gute Finanzierungsmöglichkeiten wie noch nie. Wer jetzt Investitionschancen in seinem Betrieb sieht, sollte dies nutzen", rät der Volkswirt.

Auch indirekt könnten Handwerker von dem niedrigen Zinssatz profitieren, da ebenfalls für Eigenheimbesitzer – oder solche die es werden wollen – die Zeit für Investitionen günstig ist. Daraus könnten sich Aufträge für Handwerker generieren.

Fest steht: Der niedrige Zinssatz wird erst einmal bleiben. DSGV-Präsident Fahrenschon appelliert jedoch: "Die EZB sollte nicht länger versuchen zu tun, was sie nicht erreichen kann. Sie nimmt nur den Handlungsdruck von den eigentlich Verantwortlichen." Es sei schon heute zu viel Liquidität im Markt, die Gefahr krisenhafter Zuspitzungen steige durch den Zinsschritt weiter. "Die Zentralbank hätte gut daran getan, Ruhe zu bewahren, um zunächst die bereits getroffenen Maßnahmen wirken zu lassen."

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