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Passive Hilfe beugt Muskel-Skelett-Erkrankungen vor Exoskelett greift Handwerkern unter die Arme

Mit dem Exoskelett gegen die Schwerkraft: Das Gurtsystem, das wie ein Rucksack angezogen wird, leistet über einen mechanischen Seilzug passive Hilfe bei Überkopfarbeiten.

Arbeiten über Kopf gehören zu den schwersten Tätigkeiten im Handwerk. Je länger sie dauern, desto stärker die Belastung für den Körper. Die Folge sind Muskel-Skelett-Erkrankungen, unter denen nicht nur die Gesundheit der Mitarbeiter leidet, sondern das ganze Unternehmen. Doch es gibt ein Rezept, wie sich Überkopfarbeiten erleichtern lassen: das Exoskelett.

Auf den ersten Blick wirkt das Hilfsmittel wie eine Art Korsett, über das sich viele Gesellen auf der Baustelle womöglich erst einmal lustig machen. Aber spätestens, wenn dem Trockenbauer beim Schleifen der Decke mit der sogenannten Giraffe die Arme schwer werden, dürfte ihm das Lachen vergehen. Erst recht, wenn er das Exoskelett einmal ausprobiert. Denn nichts überzeugt mehr als die eigene Erfahrung.

Paexo wiegt weniger als zwei Kilo

Exoskelett Paexo von Ottobock

Aus diesem Grund hatte die Firma Ottobock, Hersteller von orthopädischen Hilfsmitteln mit 100-jähriger Tradition, zur Fachmesse Bau in München dem Exoskelett einen eigenen Stand gewidmet. Hier konnten die Besucher beim Auswechseln von Deckenplatten oder Glühbirnen die Vorteile des Exoskeletts quasi am eigenen Leib erfahren. Im Selbsttest beeindruckt schon das Anlegen des Paexo, wie das Exoskelett aus dem Hause Ottobock heißt.

Paexo wird wie ein Rucksack angezogen, ist aber aufgrund seines geringen Gewichts von 1,9 Kilogramm kaum spürbar und kann gut einen ganzen Arbeitstag getragen werden. Anschließend müssen die Armschalen an den Oberarmen fixiert werden, was dank der Kippverschlüsse an den Gurten schnell von der Hand geht. Auch wenn es beim ersten Versuch etwas länger braucht, laut Hersteller dauert das An- und Ablegen mit etwas Übung rund 20 Sekunden.

Die Wirkung von Paexo wird sofort spürbar. Sobald die Arme angehoben werden, überlistet eine mechanisch ausgeklügelte Seilzugtechnik die Schwerkraft und leitet das Gewicht auf die Hüfte ab. Die Arme wirken wie beflügelt. Ab einem Winkel von 60 Grad greift Paexo dem Handwerker tatkräftig unter die Arme und entlastet bei Überkopfarbeiten die Muskeln und Gelenke im Schulterbereich.

Weniger Muskel-Skelett-Erkrankungen

Exoskelett Paexo von Ottobock im Einsatz

Dabei schränkt das Exoskelett den Nutzer nicht ein. Es behindert weder beim Gehen oder Sitzen noch beim Aufheben von Gegenständen. Zwar wirken die Stützen mit dem Seilzug auf dem Rücken beim Arbeiten anfangs etwas ungewohnt, doch daran dürfte sich der Handwerker schnell gewöhnen. Ein Acht-Stunden-Arbeitstag mit Paexo sollte kein Problem sein.

"Exoskelette haben das Potenzial, das Bauhandwerk zu revolutionieren", glaubt Sönke Rössing, der bei Ottobock den Geschäftsbereich Industrials leitet. Immerhin entfielen im Jahr 2017 etwa 27 Prozent aller Arbeitsunfähigkeitstage in der Baubranche auf Erkrankungen des Muskel-Skelett-Systems. In Gewerken mit einem großen Anteil an Überkopfarbeiten wie im Aus- und Trockenbau (33,2 Prozent), bei Elektrikern (29,7) und im Hochbau (29,4) war der Anteil noch höher.

Seine Feuertaufe in der Praxis erlebte Paexo im November des vergangenen Jahres bei der Firma Thor, die das Exoskelett auf seinen Baustellen im Heizungs-, Elektro- und Rohrleitungsbau einsetzte. "Unsere Mitarbeiter waren begeistert von der sofortigen Entlastung der Muskulatur, zum Beispiel Verkabelungen unter der Decke", sagt Kersten Thor, Gründer des Unternehmens für Industriemontagen in Thüringen. "Mein Eindruck ist, dass Exoskelette auch die Attraktivität von Arbeitsplätzen steigern und dabei helfen, Mitarbeiter zu halten und neue Kollegen zu gewinnen", meint der gelernte Heizungsbauer.

Qualität der Arbeit verbessert sich

Sönke Rössing von Ottobock sieht im Exoskelett aber nicht nur gesundheitliche Vorteile. "Uns wird immer wieder berichtet, dass sich der Einsatz von Paexo auch positiv auf die Qualität der Arbeit auswirkt", so Rössing. Denn wenn die Arme bei Arbeiten über Kopf weniger schnell ermüden, können zum Beispiel Rohrverbindungen präziser gelötet werden.

Seit 2012 forscht Ottobock Industrials an Lösungen, mit denen sich Arbeitsplätze im Handwerk ergonomischer gestalten lassen. Das Exoskelett Paexo ist das erste marktreife Produkt, das für rund 4.900 Euro oder im Leasing angeboten wird.

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