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"Es ist ein eigenes Leben"

Jochen Krupinski (62) ist mit 34 Jahren dienstältester Hüttenwirt im Allgäu. Er erzählt welche Anforderungen so ein Job mit sich bringt.

Jochen Krupinski
Hat schon oft gedacht: "Jetzt ist die Luft raus." Aber ­Jochen Krupinski kehrt ­jedes Jahr gerne auf die Mindelheimer Hütte zurück. -

DHZ: Wie wird man Hüttenwirt?
Krupinski:
Bei mir war es Zufall. Ich habe im Maschinenbau gelernt. Allerdings gab es in den 70er Jahren eine Krise. Da ich immer Bergsteiger war und ganz viel Zeit in den Hütten verbracht und Freunden geholfen habe, hat mich irgendwann jemand gefragt: "Warum machst du das nicht ganz?"

DHZ: Und du hast gleich zugesagt?!
Krupinski: Erst einmal musste ich eine Partnerin haben. Damals war es so, dass man zu zweit eine Hütte pachtete und verheiratet sein musste.

DHZ: Moralisch war das sicher nicht anders zu vertreten, oder?
Krupinski: Ja. Man hatte ja auch noch getrennte Schlafräume für Mädchen und Buben.

DHZ: Das waren sicher nicht die einzigen Unterschiede.
Krupinski: Heute wird die Mindelheimer Hütte als Vorzeigehütte bezeichnet. Obwohl sie ein Insel-Betrieb ist, kann sie technisch mit jedem Haus im Tal standhalten. Da verbietet sich ein Vergleich fast. Es war einfach alles anders damals. Man hatte ein Viertel der Übernachtungen und eine gänzlich andere Energieversorgung. Ganz zu schweigen von der Bewirtschaftung: Damals waren alle zufrieden mit einem Ripple, Sauerkraut oder einer Erbsensuppe. Heute verlangen sie eine Speisekarte wie im Tal.

DHZ: Ist es heute noch möglich, einfach so in den Job reinzuwachsen?
Krupinski: Eine Ausbildung ist heute Grundbedingung. Ich bin damals mit wenig Vorwissen dazu gekommen und habe viel Lehrgeld bezahlt. Mit Fortbildungen konnte ich die Defizite kompensieren, zum Beispiel beim Kochen, im Service und in der Buchhaltung.

DHZ: Macht das Hüttenleben genauso viel Spaß wie früher oder sagst du: Jetzt ist die Luft raus?
Krupinski: Ich habe schon oft gesagt: Jetzt ist die Luft raus. Aber dann kommt das Frühjahr, man packt den Rucksack, man nimmt die Schuhe und geht. Es muss so sein und es gehört auch so. Es ist wunderbar und ein eigenes Leben. Es ist einfach anders.

DHZ: Ist es schwieriger, mit Hütte eine Familie zu gründen?
Krupinski: Die Familie hält hier oben wahrscheinlich besser zusammen als im Tal. Es gibt kaum Radio, kaum Fernsehen und kein Internet. Man sitzt viel beieinander, wenn man frei hat, und man muss zusammenhalten, sonst schafft man die Arbeit nicht. Mit schulpflichtigen Kindern ist es wichtig, dass im Tal Oma und Opa sind, damit die Kinder zur Schule gehen können. Bei unserer Tochter war das auch so.

DHZ: Wie lang willst du noch weitermachen?
Krupinski: Ich hoffe, dass mich meine Partner irgendwann einmal entlassen, weil es irgendwann Zeit ist, im Tal seine Sachen zu regeln. Wir haben ja unten auch noch ein Gästehaus und es gibt überall viel Arbeit. Vielleicht kann ich dann mal vom Tal aus zuarbeiten.

Die Mindelheimer Hütte

Die Mindelheimer Hütte wurde 1920 gebaut und liegt in den Allgäuer Alpen auf 2.058 Meter Höhe. Sie ist ein so genannter Inselbetrieb mit eigener Energieversorgung durch eine Photovoltaikanlage und ein Blockheizkraftwerk (BHKW). Das BHKW sorgt für die Beheizung der Hütte und bereitet das Warmwasser. 326 Hütten unterhält der Deutsche Alpenverein (DAV) in Deutschland und Österreich. Die Ausstattung reicht von Selbstversorgerhütten bis zu regelrechten Berggasthöfen. Die Pächter müssen ihren Unterhalt allein durch die Umsätze erwirtschaften. Viele Hüttenwirte behalten ihre Pacht über lange Zeit. Manchmal wird sie sogar über Generationen weitergegeben. mindelheimer-huette.de

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