Mittelfranken -

Kunststofftechnik Es gibt sie in tausend Formen, Farben, Größen

Jede Brauerei hat ihren eigenen Bierkasten – Frör Kunststofftechnik stellt sie her.

Es ist wieder WM und im Radio, im Kaufhaus, im Fernsehen und überhaupt überall kann man ihnen nicht entkommen: den Fußballsongs. Die einen sind besser, die anderen schlechter. Eines aber haben sie alle gemeinsam: Sie wollen Laune machen. Und das mit möglichst eingängigen Melodien. Und worüber singen die frohgemuten Fans im Allgemeinen?

Meistens über den Wunsch nach Sieg für die eigene und die vollständige Niederlage für die andere Mannschaft. Bratwürste spielen oft eine Rolle – und natürlich Bier. Wie bei Peter Wackel: „Wir wollen Party, Fußball, Weiber und´n Bier, 90 geile Minuten wollen wir, Party, Fußball, Weiber und´n Bier, ja das wollen wir“. Und so ist das Bier bei den meisten ein integraler Bestandteil jeder gelungenen WM-Party. Und kauft man sein Bier im Kasten – natürlich bei der regionalen Brauerei des Vertrauens – kommt man vor allem bei Freiluftpartys noch in den Genuss eines weiteren Vorteils: Man kann vortrefflich auf ihm sitzen.

Von der Zahntechnik zum Bierkasten

Doch wo kommen diese Kästen eigentlich her, die es in allen Farben und Formen gibt und ohne die unsere Brauer ihr köstliches Produkt nur schwer vertreiben könnten? Joachim Lehmann kennt die Antwort. Der Geschäftsführer von Frör Kunststofftechnik GmbH weiß alles, was man über Bierkästen wissen kann. Denn er macht sie. Allein 16 Sorten hat er selbst im Portfolio. In seiner Werkhalle werden sie in riesigen Maschinen „gespritzt“. Groß, klein, zehn Flaschen, zwanzig Flaschen, bunt, bedruckt, hoch oder gedrückt.

Dabei kam die Familie Frör eigentlich aus der Zahntechnik. Als aber die Brauer 1964 von Holz- auf Kunststoffkisten umsattelten, hatte Hopfenhändler Karl Schnorr – Schwiegervater von Firmengründer Werner Frör – eine Idee: Der Junior sollte lieber Bierkisten spritzen, er, der Schwiegervater, würde sie vertreiben. Ein Erfolgsmodell. Auch heute laufen Gesundheitssparte, Verpackungstechnik und Bierkastenproduktion einträchtig nebeneinander im Erlanger Unternehmen.

Doch wie geht das mit den Kästen jetzt? Joachim Lehmann erklärt: „Der Kunde möchte einen neuen Flaschenkasten für eine bestimmte Flaschenart. Dann setzen wir uns hin und konstruieren ein entsprechendes Modell. Das stellen wir dann erstmal im SLS-Verfahren als Muster her und überprüfen, ob unsere Ideen funktionieren. Schließlich haben wir auch Vorgaben wie beispielsweise die Passgenauigkeit zu anderen Kästen und die Größe für Euro-Paletten.“ Könnte man sich so auch einen speziellen WM-Kasten für die aktuelle „Ausnahmezeit“ machen?

Da lacht der Geschäftsführer: „Nein, das wäre viel zu teuer und aufwändig.“ Die Produktion in seiner Werkhalle läuft erst bei Mengen ab 5.000 an. Denn ein Mitarbeiter braucht einen halben Tag, um das Werkzeug in der Maschine auszutauschen, so dass beispielsweise statt des Modells F260G das Modell F210G gespritzt werden kann. Und wie geht das? „Wir haben zwei Ausgangsmaterialien: Zum einen verwenden wir neues Polyethylen. Das braucht man vor allem für kräftige helle Farben. Zum anderen passiert es aber auch oft, dass ein Brauer anruft und sagt, er hätte noch 30.000 Kästen auf Lager und wir sollten neue daraus machen. Dann holen wir die ab, homogenisieren das Mahlgut und nutzen dieses Material für die neuen Kisten.“

Prozesse greifen ineinander

Über lange Rohrleitungen wird das Granulat über die Trichter der Maschine angesaugt, fällt in ein von Heizbändern umgegebenes „Kanonenrohr“ und wird mit einer Schnecke nach vorne transportiert, wobei es, sich langsam von 120 auf ca. 230 Grad erwärmend, eine Konsistenz wie Honig erhält. Bei einer vorgegebenen Menge stoppt diese Schnecke. Parallel fahren in der Schließeinheit die beiden Teile des Werkzeugs zusammen, so dass Sie den Hohlraum für den künftigen Kasten bilden.

In diesen wird dann die Kunststoffmasse gespritzt und mit einem Druck von bis zu 650 Tonnen zusammengedrückt. Nach ca. einer Minute öffnet sich das Werkzeug und der fertige Kasten fällt auf ein Fließband, wird zum Mitarbeiter transportiert und auf Paletten gestapelt. Manche Kästen werden im Nachhinein bedruckt, manche erhalten ihr Label bereits kurz bevor der Kunststoff ins Werkzeug gespritzt wird. Zwischen 60 und 70 Kisten entstehen so pro Stunde. Ca. 1,5 Millionen produziert Frör Kunststofftechnik pro Jahr.

„Unsere Rennpferde sind aber die Gummibärchenboxen. Die brauchen nur rund 4,5 Sekunden für einen Durchlauf“, winkt Lehmann ab, während er die Maschinen beobachtet. Tatsächlich lässt er sie nur auf 80 Prozent fahren. „Die Maschinen müssen rund laufen, sich wohlfühlen. Dann halten sie auch länger“, erklärt er. Deutet stolz auf ein kleineres Exemplar, das die Deckel für die Gummibärchendosen mit buntem Label herstellt: „Die läuft seit sechs Jahren ohne jegliche Reparatur durch.“

Luft durch die Gegend fahren

Seine Kisten stapelt er im Hof, von wo sie von den Brauereien aus Bayern, Thüringen oder Baden-Württemberg abgeholt werden. Allzu lange Transportwege rechnen sich nicht: „Schließlich wird dann nur Luft durch die Gegend gekarrt“, erklärt Lehmann. Doch ein paar Kunden im Ausland hat er schon: In Österreich oder der Schweiz – und eine kleine Brauerei in Narsaq. Grönland. „Das ist aber eine Ausnahme“, sagt Joachim Lehmann, der es sich nicht nehmen ließ, den dortigen Brauer Fridrik Magnusson persönlich zu besuchen, um seine Kästen in der grönländischen Wildnis mit eigenen Augen zu sehen.

O Tannenbaum

Und noch etwas Ungewöhnliches hat er mit seinen Kästen schon gemacht: Denn pünktlich zu Weihnachten 2017 strahlte ein Kunstobjekt im Frör´schen Hof: Ein riesiger beleuchteter Weihnachtsbaum aus grünen Kisten. „Das war ein echter Hingucker“, erinnert sich Lehmann noch immer gerne. Und weil die Aktion ein großer Erfolg war, plant er eine Fortsetzung 2018. Noch größer. Mit einer Überraschung, die er aber noch nicht verraten will. Dann verbinden die bierliebenden Kunden die Kisten der Schallershofer Str. 106 vielleicht nicht mehr mit „Wir wollen Party, Fußball, Weiber und´n Bier“, sondern mit „O Tannenbaum, o Tannenbaum“.

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