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Erstes Museum im Passivhausstandard DAM-Preis für Architektur geht an Ravensburger Kunstmuseum

In Ravensburg steht das erste Museum im Passivhausstandard, ein herausragendes Beispiel für innovatives Bauen im Bestand. Am 31. Januar wird der Neubau mit DAM-Preis für Architektur ausgezeichnet.

Kunstmuseum Ravensburg

Ein Neubau in der Altstadt verlangt ein hohes Maß an Empathie für die gewachsene städtebauliche Struktur. Dieses Kunststück ist beim Bau des neuen Kunstmuseums in Ravensburg gelungen. Mehr noch: Das Gebäude zu Füßen des Burgberges erfüllt als erster Museumsbau weltweit den Passivhausstandard.

Es gibt Schulen, Hallenbäder und sogar Kirchen als Passivhäuser. Bei einem Kunstmuseum ist es aber besonders schwierig, einen Heizenergiebedarf von maximal 15 kWh/m² im Jahr zu erreichen. Denn großflächige Glasfronten, mit denen südseitig Raumwärme effektiv eingefangen werden kann, verbieten sich, wenn Gemälde durch künstliches Licht optimal in Szene gesetzt werden sollen, wie in diesem Fall die Werke des Expressionismus und der Künstlergruppe Cobra aus der Sammlung Selinka.

Besucher als Wärmequelle willkommen

Eine absolut luftdichte und optimal wärmegedämmte Gebäudehülle waren deshalb das A und O für den Neubau, der vom Stuttgarter Architekturbüro Lederer + Ragnarsdóttir + Oei entworfen wurde. In Abstimmung mit dem Bauherrn, dem Bauunternehmen Georg Reisch aus Bad Saulgau, und den für die Energieeffizienz zuständigen Planern Herz & Lang aus Weitnau setzten die Architekten auf eine zweischalige Gebäudehülle.

Zwischen der inneren Betonwand und der äußeren Ziegelmauer befindet sich eine 24 cm dicke Dämmschicht. Um den Temperaturaustausch über Wärmebrücken so gering wie möglich zu halten, wurden eigens Maueranker mit einem verringerten Stahlanteil entwickelt.

Eine Patina von Altziegeln

Geheizt und gekühlt wird das Gebäude über eine Betonkerntemperierung der Decken, die mit einer geothermisch betriebenen Gaswärmepumpe gekoppelt ist, die im Sommer als Absorbtionskältemaschine dient. Denn als Wärmequelle haben die Planer auch die 25.000 pro Jahr erwarteten Besucher im Auge, was bei hohen Außentemperaturen freilich kontraproduktiv wirkt.

Die Heizmethode kommt den Anforderungen eines Kunstmuseums in besonderer Weise entgegen. Denn die ausgestellten Werke bedürfen einer konstanten Raumtemperatur von 20 °C. Ähnliches gilt für die Luftfeuchtigkeit, die bei 50 Prozent liegen sollte, mit einem geringen Toleranzbereich von je fünf Prozent nach oben oder unten. Die Lüftungsanlage mit Wärme- und Feuchtigkeitsrückgewinnung wurde als Quelllüftung realisiert, bei der Frischluft an den Sockelleisten der Böden eingeblasen und die verbrauchte Luft an den Decken wieder abgesaugt wird.

Preis des Deutschen Architektur Museums

Für Aufsehen gesorgt hat das Kunstmuseum Ravensburg allerdings nicht nur durch sein energetisches Konzept. Den Architekten ist es gelungen, der Fassade des Neubaus durch die Patina von 200 Jahre alten Abbruchziegeln aus einem belgischen Kloster ein zeitloses Erscheinungsbild zu verleihen, das sich nahtlos in die Umgebung einfügt.

Dafür erhalten Arno Lederer, Jórunn Ragnarsdóttir und Marc Oei im Januar den renommierten Preis des Deutschen Architektur Museums (DAM). Die Jury sieht in dem Bauwerk einen wegweisenden Beitrag für das Weiterbauen in der Stadt. "Die recycelten Ziegel der Fassade verleihen ihm den Duktus des Selbstverständlichen, immer schon Dagewesenen", heißt es zur Begründung.

Ende November wurde das Kunstmuseum außerdem mit dem deutschen Nachhaltigkeitspreis ausgezeichnet. Für Bauherr Andreas Reisch beweist der Preis, "dass sich Nachhaltigkeit und eine ästhetische Architektur nicht ausschließen, sondern zu besonders innovativen Gebäudekonzepten führen können". ste

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