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Interview mit Energieexperte Marc Oliver Bettzüge Energiewende: Stromkosten werden weiter steigen

Der Staat und die Energiewende: Wie lautet die Bilanz nach knapp fünf Jahren? Energieexperte Marc Oliver Bettzüge über den Ausbau von erneuerbaren Energien und wer die Kosten dafür trägt.

DHZ: Herr Professor Bettzüge, nach Fukushima hat die Bundeskanzlerin einen rigorosen energiepolitischen Schwenk beschlossen. Heute wird knapp ein Drittel unseres Stroms aus erneuerbaren Energien erzeugt. Ist die Energiewende damit ein voller Erfolg?

Bettzüge: Nach Fukushima hat die Bundesregierung die Laufzeitverlängerung der Kernkraftwerke zurückgenommen. Ein umfassender Politikschwenk war das nicht. Der Ausbau der erneuerbaren Energien hat beispielsweise schon Anfang der 90er Jahre begonnen. Insgesamt fällt es schwer, der sogenannten Energiewende einen „vollen Erfolg“ zu bescheinigen. Unter anderem ist sie viel zu teuer. Politisch ist sie doch nur deshalb – noch – robust, weil der Staat die Energiewende zwar bestellt, sie aber nicht bezahlen muss. Das überlässt er weitgehend dem Stromverbraucher.

Stromkosten steigen weiter

DHZ: Wird Wirtschaftsminister Gabriel den Kostenanstieg beim Strom stoppen können?

Bettzüge: Mit der Novelle des EEG wird ihm vielleicht gelingen, dass der Strompreis nicht mehr so schnell steigt wie in der Vergangenheit. Er wird aber mit dem immer noch geförderten Zubau von Wind- und Solaranlagen sowie dem Ausbau der Stromnetze absehbar weiter ansteigen, da der Stromverbraucher diese Zusatzkosten über die EEG-Umlage, die Netzentgelte und andere Umlagen tragen muss. Beispielsweise haben die betroffenen Stromverbraucher die Betreiber von EE-Anlagen allein im Jahr 2015 mit knapp 22 Milliarden Euro bezuschusst.

DHZ: Wie steht es mit der Versorgungssicherheit?

Bettzüge: Im Moment hat die Versorgungssicherheit in Deutschland immer noch ein sehr hohes Niveau. Allerdings wird dies mit deutlich mehr Netzeingriffen erkauft als früher. Letztendlich wird man Versorgungssicherheit technisch immer sicherstellen können. Das ist nur eine Frage der Kosten und der Verfügbarkeit der benötigten Energieträger.

DHZ: Hat der niedrige Ölpreis die Energiewende verlangsamt?

Bettzüge: Mit Blick auf den Strommarkt spielt der Ölpreis keine Rolle. Und außerhalb des Strommarkts, das heißt vor allem in den Wärme- und Verkehrssektoren, ist gar nicht richtig klar, was die Politik mit „Energiewende“ genau meint. Aber naturgemäß gilt hier: Je niedriger der Ölpreis, umso geringer die Anreize, alternative Technologien zu nutzen. Oder andersherum, desto höher der Bedarf an staatlichen Fördermitteln, wenn dem Staat die Nutzung solcher Technologien wichtig ist. Anders als beim Strom fällt es dem Staat hier allerdings deutlich schwerer, den Verbraucher als Finanzierungsquelle heranzuziehen.

Strompreissystematik reformieren

DHZ: Was sind die wichtigsten Stellschrauben der nächsten fünf Jahre?

Bettzüge: Wenn man den Kosten­zuwachs verringern oder gar beenden wollte, müsste man den staatlich geförderten Ausbau der Erneuerbaren drosseln, technologieneutral ausgestalten beziehungsweise ganz beenden. Das wäre mit Abstand der größte, aber politisch derzeit wenig wahrscheinliche Hebel. Unabhängig davon sollte man dringend die Strompreissystematik in Deutschland grundlegend reformieren: Umlagen, Netzentgelte und Steuern. Eine effiziente Steuerung des Verbrauchs- und Investitionsverhaltens, vor allem auch bei der Kopplung von Wärme und Strom, kann nur mit aussagekräftigen, nicht von staatlichen Abgaben verzerrten Preissignalen gewährleistet werden.

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