Politik + Wirtschaft -

Leitartikel Energiewende: Die Politik tritt auf die Bremse

Das Handwerk rüstet sich für die Zukunft des Bauens. Doch für die Politik ist die Energiewende wie Wachs in ihren Händen. Sie knetet und formt, wie es gerade passt.

Eine gelungene Wende im Sportschwimmen zeichnet sich dadurch aus, dass der Schwimmer an der Beckenwand wenig Zeit verliert und schnell wieder Fahrt aufnimmt. Ein kräftiger Abstoß von der Wand und ein Gleiten mit möglichst wenig Widerstand sind das Entscheidende dabei. Die Energie-„Wende“, vor vier Jahren offiziell von Bundeskanzlerin Merkel eingeläutet, ist demnach keine gelungene Wende. Sie besitzt keine Stoßkraft und kein Tempo.

Die Energiewende steht derzeit still. Und das aus vielerlei Gründen. Da gibt es Politik-Taktiererei, ideologisches Schubladen-Denken, mangelnden Willen oder Misstrauen gegenüber dem Neuem. Die Energiewende ist ein Jahrhundertprojekt, und so kompliziert ist es eben auch.

Energiewende als Wachs in den Händen der Politik

Eine gute Chance ist jetzt wieder vertan worden, als der geplante Steuerbonus für energetische Gebäudesanierungen aufgegeben wurde. Die Politik hat diesem Anliegen in den Ministerien und Entscheidungsgremien alle Zähne gezogen, so dass nichts mehr übrigblieb, was die Energiewende hätte weiterbringen können. Energetische Sanierungen wären mit den zuletzt vorgelegten Steuer-Erleichterungen nicht mehr wirtschaftlich gewesen. Ein Gesetz mit echten Anreizen hätte der Energiewende sicher einen Schub gegeben und dem Land mehr Energieeffizienz gebracht. Doch die Energiewende ist Wachs in den Händen der Politiker, es wird geknetet, wie es gerade passt.

Echte Anreize für Bauherren und sanierungsbereite Immobilienbesitzer sind aber die einzige Möglichkeit, damit Deutschland energieeffizienter wird. Bislang liegt die Sanierungsquote bei unter einem Prozent, obwohl sich die Bundesregierung einmal große Ziele gesteckt hat. Bis zum Jahr 2020 wollte sie den CO2-Ausstoß von Gebäuden um 40 Prozent verringern. Für eine echte Energiewende ist nach Ansicht der Physiker der Universität Heidelberg der aktuelle Ausbau erneuerbarer Energien aber bei weitem nicht ausreichend, wie sie in einer neuen Studie belegen.

So ist das mit den Zielen und Prognosen in der Politik: Legt man sie nur weit genug in die Zukunft, kann man davon ausgehen, dass man zu jenem Zeitpunkt in der Ferne nicht mehr darauf angesprochen wird. So ist es übrigens auch bei der Elektromobilität: Es wird aus dem Bauch heraus prognostiziert, dass im Jahr 2020 eine Million Elektroautos auf deutschen Straßen fahren werden. Da müsste schon ein großes Wunder passieren, damit das noch klappt.

Handwerk bereit, loszulegen

Das Handwerk rüstet sich derweil für die Zukunft und widmet sich den Anforderungen, um Klimaschutz und Energieeffizienz in Deutschland wahrwerden zu lassen. Mehr als
30 Gewerke arbeiten an der Energiewende und tragen mit ihren Erfindungen und Weiterentwicklungen zum Gelingen bei. Doch Betriebe brauchen auch Planungssicherheit. Die ist aber nicht vorhanden, wenn es nur politisches Hickhack gibt. Wie sagte Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel auf der Internationalen Handwerksmesse Mitte März: „Ich bin’s leid.“

Aber die Energiewende ist nicht tot und darf es nicht sein. Ein schneller Ausbau der Wind- und Solarenergie ist ja – nach jahrelanger massiver Förderung im EEG – geschafft worden. Die Erfolge fallen aber unterm Strich bescheiden aus, weil das System nur mit konventionellen Kraftwerken für fossile Energieträger am Laufen gehalten wird.
Von einer unabhängigen Energieversorgung unseres Landes sind wir weit entfernt.

© deutsche-handwerks-zeitung.de 2020 - Alle Rechte vorbehalten