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Handwerkskunst aus Unterfranken Einmal Bösl, immer Bösl: Einzigartige Keramik, die Kunden bindet

Über Hirnfotos, Hexenküche und Webshop auf einem denkmalgeschützten Bauernhof: Die Keramikwerkstatt Bösl in Essfeld stellt vielfältige Produkte her und sticht durch ihre einzigartigen Glasuren und Dekore aus der Masse hervor.

In der Werkstatt wird ein Herdwagen mit bemalten Stücken soeben in den großen, brummenden Brennofen geschoben. Auf der anderen Seite des Raums ist der Ton noch auf der Drehscheibe. Ein gekachelter Grundofen strahlt eine wohlige Wärme aus. Jeder weiß was er zu tun hat und jeder Handgriff sitzt. Es liegt eine Ruhe und gleichzeitig eine entspannte Geschäftigkeit in der Luft, als eine ältere Dame, mit kurzen, grauen Haaren die Werkstatt betritt. Sie wird von Sieglinde Bösl, der Inhaberin begrüßt und in den warm beleuchteten Ausstellungsraum geführt. Schaut man von draußen durch die rustikalen Holzfenster hinein, entdeckt man Keramikobjekte in verschiedenen Farben und Formen.

"Einige Kunden haben seit 30 Jahren mein Geschirr jeden Tag im Einsatz"

Bösl zeigt der Kundin ihre neue Schiefer Kollektion und schwärmt von der Tajine, einem traditionell marokkanischen, feuerfesten Schmortopf. Sie nimmt sich ausgiebig Zeit für sie und geht mir ihr verschiedene Werke durch. Sie sprechen vertraut miteinander. Rezeptempfehlungen gibt es gleich dazu. Die Kundin nimmt am Ende drei kleine Vasen mit nach Hause, das passe so gut zu ihrer kleinen Bösl-Sammlung, die bereits seit vielen Jahren täglich in Gebrauch ist. "Wenn jemand einmal Bösl gekauft hat, kaufen sie wieder Bösl. Einige Kunden von mir haben seit 30 Jahren mein Geschirr jeden Tag im Einsatz.", erzählt Sieglinde Bösl und lächelt stolz. Ein Blick auf die Glasuren verrät warum. Die Farbwahl ist durchdacht und aufeinander abgestimmt. Wenn man sich auf die Farbwelten einlässt, erkennt man sogar Landschaften und Silhouetten.

Bösl knipst "Hirnfotos" auf Reisen

Das sei auch das Herzstück und ihr Alleinstellungsmerkmal: das Kreieren und Entwickeln von eigenen Glasuren und Dekoren. Die Möglichkeiten der glasartigen Oberflächenbehandlung sind unbegrenzt - von rau über samtig bis speckig, glatt bis hin zur offenen Struktur. Aus der Mischung der Farbwahl und Glasur entstehen schließlich sogenannte Dekore. Manchmal findet auch ein Abdruck eines prähistorischen Ammoniten seinen Weg in das Design. Die Keramikwerkstatt hat je nach Produkt mehrere Dekore zur Auswahl. Inspirationen sammelt die Inhaberin dafür auch auf ihren Reisen. Hier verlässt sie sich aber nicht auf den typischen Fotoapparat, sondern nur auf ihre eigenen "Hirnfotos": "Man sitzt einfach nur da, schaut auf die Landschaft und redet nichts – einfach nur sitzen und gucken. Dann kann man die Bilder so komplett abspeichern und immer wieder hochholen".

So ist beispielsweise ihr Dekor Neuseeland entstanden, das von Blau- und Grüntönen geprägt wird, während das Dekor Herbstwald eher braun und in gedeckten Chargierungen gehalten ist. Wenn man genau hinsieht, erkennt man die Silhouette der sich wandelnden Blätter und Bäume, sogar ganze Landschaften. Dazu gehören allerdings auch viel Fingerspitzengefühl und Ausprobieren. "Die Keramik lebt vom Experimentieren!", sagt Bösl mit funkelnden Augen. Es sei ein bisschen wie in einer kleinen Hexenküche: Glasurrohstoffe verrühren, brennen und schauen, was dabei herauskommt. Wenn man die fertigen Produkte dann in der Hand hält, soll man fast ein bisschen in Urlaubsstimmung kommen.

Optik und Haptik müssen Hand in Hand gehen

Im Kontrast zur Farbwahl ergänzen strukturierte Oberflächen und die Formgebung das Wechselspiel der Werke. "Die Form ist bei Alltagsgegenständen genauso wichtig, wie bei freien Objekten", meint die Töpfermeisterin. "Es muss nicht nur gut aussehen, es soll sich gut anfühlen und muss vor allem gut in der Hand liegen." Dann werden sie auch oft genutzt. Stimmt das Gefühl nicht, bleibe das Geschirr im Schrank stehen. Die Keramikwerkstatt in Essfeld setzt auf Unikate. Bei Ehepaar Bösl wird alles frei auf der Töpferscheibe gedreht und auch Baukeramik, beispielsweise Kacheln, werden frei aufgebaut. Die Produktpalette ist so vielseitig, wie ihre verschiedenen Glasuren und umfasst sowohl Brottopf, Vogelhäuschen und Gartenkeramik, als auch Brunnen, Skulpturen, Weinkühler und Grabgestaltung bis hin zum klassischen Geschirr. Ein Vogelhäuschen nennt Sieglinde Bösl liebevoll "Steh-Café für Vögel" und streicht dabei über die griffige Textur des spitzen Dachs. Die Farbe ihrer roten Haare findet sich im Farbverlauf der Keramik wieder. Sie lächelt und ihr Blick schweift über den Hof.

Nur noch 60 Prozent der Produkte gehen vor Ort über die Theke

Die Anfänge der Töpferei liegen allerdings in Albertshausen, dort hat sie sich 1980 selbstständig gemacht. Später stieg ihr Mann mit ein und der Platz wurde immer knapper. Zehn Jahre später haben sie dann den denkmalgeschützten Hof in Essfeld gekauft und komplett umgebaut. "2020 sind das 30 Jahre und 40-jähriges Werkstatt-Jubiläum", erzählt sie mit Stolz in der Stimme. Seit den Anfängen hat sich vieles getan, auch bei den Vertriebswegen. So gibt es seit einigen Jahren schon einen eigenen Webshop, den damals ihre Tochter initiiert und ihr Sohn mit Fotos bestückt hat.

Mittlerweile kaufen die Leute rund um die Uhr über den Online-Shop auf der Website, aus Deutschland aber auch aus Österreich, der Schweiz und Holland. Bei einer Bezahlung mit PayPal sind die Produkte bereits nach 2-3 Tagen beim Kunden. Richtig eingeschlagen sei der Shop nach einer Anzeige in der Zeitschrift Landlust. Momentan liege das Verhältnis etwa bei 40 Prozent online, 60 Prozent vor Ort. Außerdem sei es teilweise ökologisch sinnvoller, kleinere Produkte zu verschicken, als dafür in das 700-Seelen-Dorf zu fahren. Stammkunden schicke sie auch mal Fotos von Einzelstücken. Bei größeren Produkten hingegen kommen die meisten Kunden vorbei, um sie sich persönlich anzuschauen. Der Innenhof der Keramikwerkstatt dient deshalb gleichzeitig als Galerie für Gartenkeramik, Brunnen, Öfen und Lichtobjekte.

In der Mitte des Hofes sitzen mehrere Keramik-Figuren auf Steinsäulen unter einem alten Baum. Eine nackte Frauenskulptur "Patcha Mama" schaut mit erhobenem Haupt über den Hof, hin zu den blauen Wasserspielen an der Mauer und den kleinen Vogelhäuschen neben der Scheune. An der Hauswand mit den verglasten Holztüren ist ein blau-weißes Schild mit der Hausnummer 11b zu sehen. Daneben hängt eine schmiedeeiserne Türglocke. Durchdachte Details finden sich hier an jeder Ecke.

"Wenn man einmal so in ein Material verliebt ist, dann lässt es einen nicht mehr los"

Tritt man in das Wohnhaus auf der gegenüberliegenden Seite des Hofes, führt eine Treppe aus altem Holz in den oberen Stock. Die Dielen knarzen leicht, während Bösl sich ins große Wohnzimmer setzt. Auf dem Tisch ist bereits ein Krug mit Wasser und zwei Becher bereitgestellt. Selbstverständlich selbst gedreht, aus dem Dekor Carmargue, das nach der Region in Südfrankreich benannt wurde. In der Ecke steht ein altes Klavier. Eine schneeweiße Katze schleicht sich um die Tischbeine und maunzt leise. Bösl füttert sie kurz und setzt sich dann an den Tisch. "Wenn man einmal so in ein Material verliebt ist, dann lässt es einen nicht mehr los.", sagt sie und lacht.

Am meisten mag sie die Bandbreite und die unglaubliche Vielfalt der Keramik. "Jede Werkstatt lebt von den Farben ihrer Glasuren", verrät Bösl. Je nach Tonmischung und Glasur entstehen immer wieder neue Variationen. "Die Keramik ist mein Leben, schon immer." Sie sei ganz zufällig in der Fachoberschule auf das Material gekommen. Eigentlich wollte sie in einer ganz anderen Fachrichtung studieren. Nach der Lehre folgte dann die Selbstständigkeit und heute kann sie mit Gewissheit sagen: "Ich möchte nie ganz aufhören zu arbeiten!"

Dieser Beitrag ist im Rahmen eines Reportage-Projekts des Master-Studiengangs Fachjournalismus und Unternehmenskommunikation an der Fachhochschule Würzburg-Schweinfurt entstanden. Kooperationspartner waren die Handwerkskammer für Unterfranken und die Deutsche Handwerks Zeitung.

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