Meisterstücke -

Ein Tourbillon für das Schmuckmuseum Eine Uhr wie der Mount Everest

Uhrmachermeister Wilhelm Rieber fertigt einzigartige Kunstwerke in reiner Handarbeit. Sein neuestes Meisterwerk hat er extra zum 250. Jubiläum der Goldstadt Pforzheim entworfen.

Die Rollläden sind halb heruntergelassen. Es ist sehr ruhig in der Werkstatt von Wilhelm Rieber. So ruhig, dass man das Ticken der Uhren hören kann. Tick, tack, tick tack, tick tack. Dutzende Uhren stehen bei dem Handwerker im Regal und auf der Werkbank. Kleine, große, eckige und runde Uhren aus Holz und Metall. Aber nicht alle von ihnen ticken. Sie stehen beim Uhrmachermeister, damit er sie repariert.

Doch Rieber beschäftigt sich nur nebenher mit diesen Arbeiten. Viel spannender ist das, womit er hauptsächlich sein Geld verdient: In seiner Werkstatt in Tiefenbronn bei Pforzheim designed und konstruiert er Taschen- und Armbanduhren. Keine gewöhnlichen Stücke. Rieber baut Tourbillons, die Königsklasse unter den Uhren. In den vergangenen 200 Jahren haben sich nur wenige Uhrmacher an die Fertigung dieser Meisterwerke gewagt. Rieber ist einer von ihnen.

Faszination seit 200 Jahren

Nun hat er zum 250. Jubiläum der Goldstadt Pforzheim ein besonderes Einzelstück angefertigt. Ein Tourbillon, viereinhalb Zentimeter groß, mit goldenem Gehäuse, blauem Ziffernblatt und einem fliegenden Drehgestell.

Schon in frühen Jahren entdeckte Rieber seine Leidenschaft für Uhren. "Der hat aber geschickte Finger", erkannte sein Opa, als er noch ein Baby war. Mit acht Jahren reparierte Rieber seine erste Armbanduhr.

Wenn der heute 59-Jährige anfängt, von Tourbillons zu sprechen, mag er gar nicht mehr aufhören mit dem Schwärmen: "Ich habe gezittert, als ich die erste Tourbillon in der Hand hatte. Der Erfinder, Abraham Louis Breguet, war einfach der ­genialste Uhrmacher aller Zeiten."

Seit der Erfindung um 1800 haben sich auch andere Uhrmacher mit den Werkstücken beschäftigt. Einen besonderen Beitrag leistete Alfred Helwig. In den 1920ern erfand der Uhrmachermeister das fliegende Drehgestell. Seitdem gelten Tourbillons nach dem Design von Breguet und dem fliegenden Drehgestell nach Helwig als Höchstleistung uhrmacherischen Schaffens.

Tourbillon

Das Abenteuer Tourbillon

Rieber hat sich erstmals in den 1980ern intensiver mit der Mechanik auseinandergesetzt. Damals besuchte er die Meisterschule in Villingen-Schwenningen und war fasziniert von dem ästhetischen Design und der außergewöhnlichen Konstruktion des Tourbillons. Schnell war ihm klar, dass er unbedingt selbst eine solche Uhr entwerfen wollte. Er las sehr viele Bücher und tüftelte vier Jahre an dem komplexen Gebilde, bis die Uhr endlich fertig war. Für Rieber ein einzigartiges Abenteuer: "Das war so, als hätte ich den Mount ­Everest bestiegen."

Seit den 1980ern hat sich einiges in der Uhrmacherbranche verändert. Neue Technik macht die Arbeit einfacher, aber dadurch geht auch viel handwerkliches Know-how verloren. "Heutzutage können viele Uhrenhersteller mit einer CAD-Maschine ein Tourbillon anfertigen. Aber ich bin der letzte Pionier, der eine solche Uhr in reiner Handarbeit herstellt", sagt Rieber.

Was er dafür an Geduld und Fingerspitzengefühl braucht, kann man nur erahnen. Die Teile, die er anfertigt, kann man mit dem bloßen Auge kaum erkennen.

Einige dieser winzigen Puzzleteile hat Rieber auf seiner Werkbank liegen. Neben Metallfeilen und Lupe stehen dort auch ein paar Schachteln. Auf den ersten Blick nicht besonders spektakulär. Aber dann greift Rieber nach einer Plastikdose. Darin winzige Teile einer Uhr: Zeiger, Spiralen, Schräubchen, Ziffernblatt. Teilweise kleiner als ein Streichholzkopf. Wenn er einmal zu viel feilt oder zu viel Druck gibt, ist die ganze Arbeit umsonst.

"Meine Arbeit ist wie Hochleistungssport. Ich muss zwischendurch immer wieder Entspannungsphasen einlegen und merke, wenn ich lange nicht an einem Tourbillon gearbeitet habe. Dann brauche ich etwas Zeit, um wieder reinzukommen", sagt ­Rieber.

Tourbillon

Kunden sind zu Tränen gerührt

Damit er sich voll und ganz auf seine Arbeit konzentrieren kann, hält ihm seine Frau den Rücken frei. Die ­Ideen für seine spannenden Projekte stammen meist von ihr. Rieber hat zum Beispiel mal eine Uhr für ­Michael Schumacher entworfen und an einem Tourbillon auf der MS Europa gearbeitet. Mitten auf dem Atlantik zwischen New York und Hamburg. Seine Kunden kommen aus der ganzen Welt und jede bestellte Uhr wird ein individuelles Einzelstück. Für einen Kunden aus Singapur hat er vor kurzem eine Uhr aus Platin produziert.

Bei einem Auftrag steht für Rieber das Design an erster Stelle. Je nach Kundenwunsch entscheidet er zuerst, wie groß die Uhr wird, welches Gehäuse er nimmt und wie das Ziffernblatt aussehen soll. Dann macht er sich an die Arbeit. Das kann einige Monate dauern. Wenn die Uhr schließlich das erste Mal komplett montiert ist, kommt das sogenannte "Schwingfest". "Ich lade dann den Kunden ein, damit er das Drehgestell das erste Mal in Schwingung versetzt. Das ist ein sehr ergreifender Moment für die Person. Manchmal kommt die ganze Familie mit und es sind auch schon Tränen geflossen."

Auch an der Jubiläumsuhr der Stadt Pforzheim hat Rieber lange gefeilt und gearbeitet – etwa ein Jahr. Im Rahmen des Jubiläumsfestes der Goldstadt hat er die Uhr am 20. Mai offiziell übergeben. Nun ist das Tourbillon in der neuen Ausstellung im Schmuckmuseum zu sehen und wird anschließend in die Dauerausstellung übergehen.

Für die Nachwelt festgehalten

"Sie wird aufgehängt, damit man Vorder- und Rückseite betrachten kann", erklärt der Uhrmacher, während er das Schmuckstück aus der gepolsterten Kiste holt. Als er die Uhr herumdreht, erkennt man, warum die Rückseite so wichtig ist: Hier sieht man die feine Mechanik der Uhr. Das kleine, fliegende Drehgestell dreht sich ununterbrochen hin und her. Bis auf den Mikrometer passt alles zusammen. Rieber ist es wichtig, diese Handwerkskunst für die Nachwelt festzuhalten. Viel Nachwuchs gibt es nicht und vielleicht wird es bald niemanden mehr geben, der diese Kunst beherrscht.

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