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TV-Kritik: SWR/SR – "Die Scheune – Wie Handwerk alte Schätze rettet" Eine Sendung an der Grenze zum Handwerker-Kitsch

Ein abgehalftertes Fahrrad aus den 80ern, eine Geige mit Riss, die kaputten Polster auf dem Rücksitz eines alten VW Bulli. In "Die Scheune", der neuen Sendung von SWR und SR, reparieren Handwerker Lieblingsstücke von Zuschauern. Das sorgt für schöne Bilder und liefert interessante Einblicke in seltene Berufe – hat aber mitunter auch seine Längen und in seiner Aufmachung mit der Realität vieler Gewerke da draußen nicht so viel zu tun.

Das Handwerk kann schon sehr ästhetische Bilder liefern. Da gleitet eine Nähmaschine in Nahaufnahme elegant über den Stoff eines Rücksitzes eines VW Bulli und verziert ihn mit schönen Nähten. Da bearbeitet eine Goldschmiedin einen Ring nach allen Regeln der Kunst, mit großer Hitze und ebenso großem Können. Und da repariert ein Holzbildhauer eine alte Fastnachts-Maske, die er vor mehr als 20 Jahren selbst hergestellt hatte, mit einer Hingabe, als ob er sie gerade ein zweites Mal kreieren würde. All das fängt der SWR in "Die Scheune – wie Handwerk alte Schätze rettet", in Hochglanz-Optik ein, garniert mit beinahe schon sakralen Klängen im Hintergrund. Und die namensgebende Scheune ist ausgestattet, wie man sich so eine alte Handwerker-Werkstatt vorstellt. Holz überall, alle möglichen Werkzeuge, Werkbänke – und ganz viel alter Charme.

Werbung fürs Handwerk

Die neue Sendung sei eine Mischung aus Repair-Cafe, Handwerkertreffpunkt und Reparaturannahmestelle, heißt es auf der Webseite der Sender. Da ist was dran, vor allem aber ist sie zumindest zunächst eine tolle Werbung für das Handwerk – oder besser gesagt vor allem für spezielle Gewerke. Wer mag sich den gemeinen Handwerker nicht vorstellen wie die junge Polstererin, die den alten VW-Rücksitz wieder schön macht - oder wie die Geigenbauerin, die mit großer Präzision und fachlich perfekt das ein wenig mitgenommene Instrument wieder fit macht? Oder eben den Maskenschnitzer aus dem oberschwäbischen Ravensburg, dessen Tochter beim Bemalen der reparierten Maske mithilft?

"Bares für Rares" stand Pate

Die Gäste, die ihre Lieblingsstücke mitgebracht haben, treten indes ein wenig in den Hintergrund, haben teilweise sogar mehrere Auftritte. Die ZDF-Trödelshow "Bares für Rares", die beim Konzept neben anderen Formaten offenbar Pate stand, setzt indes mehr auf die Geschichten, die die Gäste und deren mitgebrachte Stücke miteinander verbindet. In "Die Scheune" sind allerdings die Handwerker die wahren Stars. Sehr konsequent wird der Ansatz durchgezogen, nach dem die Gäste kurz erklären, was das Besondere an dem Möbel, dem Ring oder der Antiquität ist, die sie mitgebracht haben - und der Handwerker im Anschluss detailliert bei der Arbeit an der Reparatur oder Restaurierung gezeigt wird.

Langsames Erzähltempo

Das ist interessant und liefert tolle fachliche Einblicke in die Arbeit auch seltener Gewerke – aber es führt auch zu gewissen Längen, Redundanzen und damit Ermüdungserscheinungen. Kurz: Es ist irgendwie immer dasselbe, das Erzähltempo liegt irgendwo im Bereich der Schrittgeschwindigkeit, und das ständige Wiederholen von bekannten Elementen, im Privatfernsehen eines der Stilmittel, um dem Zuschauer die Kernbotschaften ins Hirn zu hämmern, lähmt hier eher den Ablauf der einzelnen Folgen. Das ist das eine.

Die Realität sieht oft anders aus

Das andere ist die Frage nach dem Realitätsbezug des Formats. Es ist sicher verdienstvoll, ähnlich wie in der SWR-Sendung "Handwerkskunst", die als Vorlage für das neue Format dient und in der die meisten der vorgestellten Handwerker bereits Auftritte hatten, alte Gewerke und deren teils künstlerische Arbeit vorzustellen und im wahrsten Sinne des Wortes in ein positives Licht zu rücken. Das schafft abseits von allfälligen Handwerker-Tests im Fernsehen und Verbrauchersendungen, die mit unpünktlichen und unzuverlässigen Handwerkern abrechnen, Vertrauen in die Branche. Doch die Realität da draußen sieht in großen Teilen, gerade auch mitten in der Corona-Krise, anders aus. Bei aller guter Presse für Geigenbauer, Gitarrenbauer, Sattler und Polsterer - viele Gewerke wie Sanitär-Heizung-Klima, Bäcker oder Metzger werden in "Die Scheune" logischerweise wohl keinen Auftritt haben, schon gar nicht wird es um Termindruck, Kunden mit überhöhten Erwartungen, Fachkräftemangel, Betriebsübergänge oder Azubis mit einer zurückhaltenden Einstellung zum Arbeiten gehen. In einer Szene sagt die junge Polstererin, während sie eine Rückbank eines jahrzehntealten VW Bullis restauriert, dass ihr die Abwechslung an ihrem Beruf so viel Spaß mache. Das etwa ist ein Privileg, sicher, das aber beileibe nicht jeder genießt, auch nicht im Handwerk. Und bestimmt haben auch die gezeigten Gewerke Termindruck und andere Probleme – nur werden sie nicht angesprochen.

Die Grenze zwischen Bashing und Kitsch

Niemand wird nämlich in dieser Sendung jemals Radiatoren schwitzend in den vierten Stock eines Neubaus tragen, niemand hygienisch zweifelhafte Schultoiletten reparieren, niemand in heißem, stickigem Dunst eine neue Straße asphaltieren, niemand um kurz nach Mitternacht in der Backstube stehen, um preissensible Kunden mit möglichst günstigen Brötchen zu versorgen, die aber natürlich höchste Qualität aufweisen sollen. All das ist nicht schlimm, "Die Scheune" wählt schließlich eine andere Herangehensweise. Doch der Unterschied zwischen dem oft praktizierten Handwerker-Bashing und der Grenze zum Kitsch, wie in der neuen Sendung, ist doch mitunter enorm - und Extreme bilden niemals die Realität gut ab.

Zwischenlandung in der Realität

Zumal auch die Corona-Krise seltsam über der Sendung schwebt, denn alle Beteiligten halten auch vor der Kamera sichtbar Abstand zueinander, niemand gibt sich beispielsweise die Hand. Was die Auswirkungen der Krise für das Handwerk und auch für die etwas außergewöhnlicheren Gewerke bedeuten, das hätte man zumindest mal anreißen können, und damit die Sendung ein bisschen mehr an die Realität andocken können. Immerhin werden auch Preise für die Leistungen genannt, die die Handwerker vollbringen. Dann wäre der Einbezug von Corona auch noch drin gewesen, etwa indem die Handwerker erzählen, wie ihre Gewerke davon betroffen sind. Aber da stand das Konzept offenbar schon viel zu fest, als dass dies noch drin gewesen wäre. Am Ende ist es schade, dass die Macher zu keinem Zeitpunkt ihre große ästhetische Flughöhe verlassen - denn eine kurze Zwischenlandung in der Realität hätte dem Format sicher gut getan und dringend nötige Abwechslung reingebracht.

Die Scheune läuft seit 9. Oktober und noch bis 6. November immer freitags um 21 Uhr im SWR.

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