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Auf den Spuren von Mozart Einblicke in das Leben eines Klavierbauers

Klavierbauer Alexander Polewsky hat eine Mission: das Clavichord wieder populär zu machen. Außerdem stimmt er Klaviere, überholt Flügel und restauriert Cembali. Warum der Besuch seiner Werkstatt einer Zeitreise gleicht.

Nahezu still ist es in dem kleinen Raum, abgesehen vom sanften Rhythmus des alten Hobels, der behutsam über das Holz gezogen wird. Die Luft ist angenehm trocken und warm, der süßliche Geruch nach altem Holz dominiert die Sinne. An den kahlen Wände hängen fein säuberlich aufgereiht historische Werkzeuge. Moderne Technik oder gar Maschinen sucht man zunächst vergebens. Es scheint, als wäre die Zeit hier irgendwann vor ein paar Jahrhunderten stehen geblieben. Und Alexander Polewsky hätte nicht 1989 seine Ausbildung zum Klavierbauer angefangen, sondern vielleicht zu Lebzeiten Mozarts zweihundert Jahre zuvor.

Mit seiner dunkelblauen, mit Holzleimresten befleckten Schürze, seiner dunkelgrauen Weste über dem blau melierten Hemd und den braunen Lederschuhen entspricht Polewskys Äußeres diesem Bild ebenfalls. Doch lassen die hagere Erscheinung und die mittellangen braunen Haare auch den studierten Pianisten zum Vorschein treten. Musiker und Handwerker in einer Person. "Das ist ein echter Vorteil im Klavierbau", sagt Polewsky und unterbricht das Hobeln. "Früher waren es zwei voneinander getrennte Welten. Auf der einen Seite das Handwerk des Klavierbauers und auf der anderen Seite die Musik. Aber die zentrale Frage ist doch, wie das Instrument klingen soll." Aus seiner Sicht helfe die Kombination beider Fachrichtungen ungemein bei der Ausübung seines Berufs. Ähnlich sei es auch Mozarts Instrumentenbauer Johann Andreas Stein ergangen. Mozart war nicht nur von Steins Klavieren begeistert, sondern spielte sogar gemeinsam mit ihm auf Konzerten.

Klavierbauer in zweiter Generation

Polewsky ist Klavierbauer in zweiter Generation. Sein Vater gründete die Werkstatt und den kleinen Ausstellungsraum in Sommerhausen bei Würzburg. "Damals war das ein ganz gewöhnlicher Handwerksberuf", erzählt er. Nach der Ausbildung und dem Zivildienst entschied er sich für ein Vollstudium im Hauptfach Klavier. In seiner Zeit am damaligen Herrmann-Zilcher-Konservatorium und später an der Hochschule für Musik in Würzburg entwickelte sich seine Leidenschaft für ein besonderes Instrument: das Clavichord.

Es ist eines der ältesten Tasteninstrumente und schlicht gebaut. Statt aufwendiger Mechanik wie bei einem Klavier, bei dem der Tastendruck kleine Hämmerchen betätigt, die eine Saite anschlagen, ist beim Clavichord die Taste direkt der verlängerte Anschlagshebel, der die Saite mit Hilfe einer Metalltangente zum Schwingen bringt. Aufgrund dieser Bauart kann das Clavichord als einziges Tasteninstrument ein Vibrato, also eine Bebung der Saite, erzeugen. Neben diesen Besonderheiten ist Polewsky vor allem von der Praktikabilität des Instruments überzeugt: " Zu damaligen Zeiten war ein Clavichord vor allem ein Reise- und Übeinstrument. Je nach Größe konnte man es unter dem Arm tragen und überall hin mitnehmen. Außerdem ist es relativ leise und einfach zu warten.“ Das sind alles Argumente, die das Spielen eines Clavichords auch in der heutigen Zeit attraktiv machten, schwärmt Polewsky weiter und zeigt mit Stolz auf ein fast die halbe Wand füllendes Plakat am anderen Ende seiner Werkstatt. Darauf abgedruckt ist seine Diplomarbeit, ein eigens erstellter Bauplan eines Clavichords aus dem 17. Jahrhundert. Eines steht fest: Klavierbauer ist sein Beruf, das Clavichord seine Berufung.

Nicht ganz zufällig arbeitet Polewsky daher gerade an einem größeren Clavichord, das in der Mitte seiner Werkstatt steht. Es ist ein quaderförmiger Holzkasten, der an eine historische Beistellkommode erinnert. Einzig die Tasten könnten den Laien darauf schließen lassen, dass es sich um ein klangvolles Instrument handelt. Doch die liegen auseinandergebaut auf der hölzernen Werkbank dahinter. Polewsky steht vornübergebeugt vor dem Patienten und schaut in die geöffneten Eingeweide des Instruments. Eine Operation am offenen Herzen, könnte man meinen. Oder wie der Klavierbauer sagt: "da hilft nur noch das Ausspanen des Resonanzbodens." Einige haarfeine Risse durchziehen den dünnen Resonanzboden, vermutlich durch Feuchtigkeit und wechselndes Raumklima hervorgerufen. Kein Problem für Polewsky, der mit geübten Handbewegungen die Risse mit kleinen Holzspänen schließt und diese dann abhobelt. Eine Millimeterarbeit, die Geschicklichkeit und Ausdauer erfordert.

Vielfältiger Handwerksberuf

Ausdauer benötigt der gelernte Klavierbauer nicht nur für Arbeiten am Clavichord. Sein Beruf ist vielfältig: Klaviere von Privatleuten stimmen, historische Tasteninstrumente aus Sammlungen oder von Hochschulen restaurieren, Konzertflügel überholen. "Allein die Überholung der Mechanik eines Steinway Flügels kann je nach Zustand bis zu 60 Stunden in Anspruch nehmen", erläutert Polewsky. Auch die Restauration eines Cembalos sei äußerst anspruchsvoll. "Das Handwerk ist nicht zu unterschätzen. Es ist teilweise körperlich sehr anstrengend und erfordert maximale Konzentration." Klar, manchmal gäbe es auch weniger fordernde und eher eintönige Aufgaben bei einer Klavier-Überholung wie das Polieren von  mehr als 80 Tastenbelägen. Aber das Ergebnis lohne sich immer, so Polewsky, denn es mache ihm eine große Freude, wenn seine Kunden wieder mit Begeisterung auf ihrem Instrument spielen würden. Sein Motto fußt auf einem Zitat von Aristoteles, der schon im vierten Jahrhundert v. Chr. meinte: "Im Wesen der Musik liegt es, Freude zu bereiten."

Plötzlich erschallt ein moderner Handyklingelton von der Fensterbank her. Ein Geräusch wie aus einer anderen Welt. Die Kundin am anderen Ende der Leitung erkundigt sich nach einem Kostenvoranschlag. Polewsky geht kurz in sein kleines, spartanisch eingerichtetes Büro und beantwortet die Fragen der Kundin detailliert mit ruhiger Stimme. Das Klicken der Maus und das leise Klappern der Tastatur holen einen zurück ins 21. Jahrhundert.

Genauer gesagt in das Zeitalter der Corona-Pandemie, die außerhalb der kleinen Klavierwerkstatt weiter wütet und das Land zwischenzeitlich zum Erliegen gebracht hat. Doch für Polewsky hat die Pandemie auch etwas Gutes: "Die Leute wenden sich wieder vermehrt ihrem alten Klavier zu, das jahrelang unbenutzt in der Ecke stand." Und Musik sei nach wie vor ein geeignetes Mittel, um dem Corona-Stress wenigstens kurzzeitig zu entfliehen.

Eine Flucht aus dem Hier und Jetzt ist der Aufenthalt bei Polewksy allemal. Kurz bevor die Zeitreise zu Ende geht, wendet er sich einem kleinen Holzkasten zu, der unscheinbar in einer Ecke steht. Es ist – natürlich – ein Clavichord, ein von ihm selbst gebautes Reiseclavichord. Er klappt den Deckel auf und beginnt zu spielen. Leise Töne erfüllen den Raum, ein bisschen Cembalo ähnlich, jedoch viel sanfter. Ein bestimmter Klang, in diesen unbestimmten Zeiten.

Dieser Beitrag ist im Rahmen eines Reportage-Projekts des Master-Studiengangs Fachjournalismus und Unternehmenskommunikation an der Fachhochschule Würzburg-Schweinfurt entstanden. Kooperationspartner war die Deutsche Handwerks Zeitung.

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