Meinung -

Leitartikel Ein Plädoyer für den Meister

Meisterbetriebe sind bestandsfest, bilden aus und tragen zum Verbraucherschutz bei. In der Meisterausbildung lernt der Schüler die essenziellen Kenntnisse, um eine Firma zu führen. Auch andere Faktoren sprechen für die Meisterausbildung.

Burkhard Riering
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Das Handwerk ist träge und selbstgefällig. Der Klempner kommt, wann er will, schraubt zehn Minuten an der Leitung herum und stellt dafür eine absurd hohe Rechnung aus. Handwerk gilt heute als so etwas wie der Lebensentwurf der Unterschicht.

Wenn Sie jetzt nicht glauben können, was Sie da gerade gelesen haben: Diese Zeilen standen kürzlich allen Ernstes in einer großen süddeutschen Zeitung. Der Artikel, der nicht als Kommentar gekennzeichnet ist, zeugt von Verachtung gegenüber einem Wirtschaftsbereich mit einer Million Betrieben und fünf Millionen Handwerkern. Die These des Textes: Handwerk kann sowieso jeder Hinz und Kunz, nur hat kein Deutscher mehr Lust dazu, weil das Image des Handwerks so schlecht ist. Deswegen müssen das jetzt die Osteuropäer wuppen.

Der Artikel ist ein Loblied zum zehnjährigen "Jubiläum" der Handwerksreform, bei der die Meistervoraussetzung in 53 Gewerken abgeschafft worden ist. Die Novelle der Handwerksordnung von 2004 sollte dem Arbeitsmarkt Auftrieb geben und Osteuropäer nach Deutschland locken. Es ist nichts dagegen zu sagen, Arbeitsplätze zu schaffen und Gründungen zu erleichtern. Auch nichts gegen all die neuen Betriebe in den zulassungsfreien Gewerken, die einen guten Job machen. Doch die Bilanz der 2004er-Reform sieht bei näherer Betrachtung doch anders aus. Hierzu nur drei Fakten:

Viele Betriebe wieder vom Markt verschwunden

Fakt 1: Die Zahl der Betriebsgründungen stieg in der Folge der Reform tatsächlich an, aber 60 Prozent der Betriebe waren nach fünf Jahren wieder vom Markt verschwunden. Die meisten Neugründungen waren ohnehin Kleinstbetriebe ohne Personal. Einzelkämpfer schaffen keine Arbeitsplätze. Oft werden "Betriebe" zurzeit von Osteuropäern gegründet, die sich nicht selten als Scheinselbstständige für Dumpinglöhne verdingen – diese Erfahrungen machen die Handwerkskammern seit Monaten.
Warum leben zulassungspflichtige Betriebe länger? In der Meisterausbildung werden Meisterschülern fachliche, betriebswirtschaftliche und juristische Kenntnisse vermittelt. Das sind Fähigkeiten, die für das Führen einer Firma essenziell sind.


Fakt 2: Das Meisterhandwerk ist die Pulsader der deutschen Ausbildung. Die Ausbildungsquote im Handwerk ist, gemessen an der Gesamtbeschäftigtenzahl, mit knapp acht Prozent mehr als doppelt so hoch wie in der Gesamtwirtschaft. 95 Prozent der Lehrlinge werden in den Betrieben der 41 zulassungspflichtigen Berufe ausgebildet. Die anderen machen fast nichts. Ausbildung bedeutet für den Meister Verpflichtung, jungen Menschen den Weg ins Berufsleben zu ebnen. Es ist darüber hinaus ein Erfolgsmodell gegen Jugendarbeitslosigkeit, das eigentlich Vorbild für andere Länder in der EU sein könnte, die unter hoher Jugendarbeitslosigkeit leiden.

Meister steht für Sicherheit

Fakt 3: Die Meisterqualifikation ist ein Argument für Sicherheit. Wenn die Arbeit des Handwerkers gefährlich ist oder schlechte Arbeit Gefahren nach sich ziehen kann, ist beste Ausbildung vonnöten (Stichwort Gefahrengeneigtheit). Die Form des Verbraucherschutzes steht im Fokus des gesamtgesellschaftlichen Interesses. Dies ist umso wichtiger, als die Anforderungen in vielen Berufen wachsen. Handwerk wird also anspruchsvoller.

Deswegen ist es ein Spiel mit dem Feuer, wenn die Meisterpflicht weiter abgewertet wird. So plant es aber gerade die Brüsseler Politik. Eine Abwertung der Meisterpflicht wird mehr Nachteile als Vorteile haben. Die Erfahrung hat Deutschland leider schon gemacht.

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