Während der Ausbildung -

Assistierte Ausbildung Ein persönlicher Coach für Azubis

Die Zahl der unbesetzten Lehrstellen im Handwerk ist hoch. Doch gleichzeitig ist es für Jugendliche, die eine individuelle Förderung brauchen, schwer eine Ausbildung zu finden. Bildungsforscher sehen Probleme im Übergang zwischen Schule und Beruf. Ein Lösungsvorschlag: die "assistierte Ausbildung" ausweiten. Modellprojekte zeigen bereits Erfolg.

Jamiere Carr
Die 21-jährige Jamiere Carr schließt bald ihre Lehre als Gebäudereinigerin ab. Sie fand über die "assistierte Ausbildung" nach langem Suchen zu diesem Beruf. -

Wenn Jamiere Carr zu Reinigungsmaschine und Bürste greift, ist sie ganz in ihrem Element. "Der Beruf der Gebäudereinigerin bietet mir viele Entwicklungsmöglichkeiten", sagt die 21-Jährige, die in den nächsten Wochen ihre Gesellenprüfung ablegen wird. Dass sie davon heute so überzeugt ist, war nicht immer so. Ursprünglich wollte sie Maler- und Lackiererin werden, doch in dieser Branche fand sie keine Stelle und so blieb sie erst einmal auf der Schule und absolvierte ein Berufsvorbereitungsjahr.

Jamiere Carr
© Foto: Edvina Lüber

Als sie auch danach noch keine Lehrstelle hatte, machte sie ihr Berater im örtlichen Jobcenter auf das Projekt carpo aufmerksam und vermittelte einen Gesprächstermin. "Die haben mir dann geholfen überhaupt erst einmal herauszufinden, welcher Beruf wirklich zu mir passt und haben mir erklärt, was man damit alles machen kann", erzählt  die Halbamerikanerin von ihrem Weg zur Franz Kehl Betriebs-GmbH in Ludwigshafen. Nach einem dreiwöchigen Praktikum konnte sie dort sogleich einen Ausbildungsvertrag unterschreiben.

Eine Brücke von der Schule zum Beruf

carpo ist eines der Modellprojekte zur sogenannten assistierten Ausbildung, die deutschlandweit in verschiedenen Regionen seit ein paar Jahren laufen. Ihre Besonderheit liegt darin, dass Träger als dritte Partner zur dualen Ausbildung dazu stoßen. Sie bieten Dienstleistungen sowohl für die Jugendlichen als auch für die  Betriebe an, um einen erfolgreichen Ausbildungsverlauf zu gewährleisten. Zielgruppen sind sowohl junge Menschen mit Migrationshintergrund, Jugendliche, die in den letzten Jahren keinen Ausbildungsplatz bekommen haben oder Jugendliche mit psychischen oder anderen Problemen.

Oft handelt es sich um Jugendliche, die als 'nicht ausbildungsreif' gelten. Zum Teil ist Ausbildungsreife vorhanden, aber die Bedingungen für eine Ausbildung müssen erst geschaffen werden, zum Beispiel durch eine Teilzeitausbildung für junge Mütter.

Auch im Rahmen der BIBB-Modellversuchsreihe  "Neue Wege in die duale Ausbildung - Heterogenität als Chance für die Fachkräftesicherung" werden neben anderen Ansätzen assistierte Ausbildungen erprobt und wissenschaftlich begleitet. Hier wird die zunehmende Vielfalt der Jugendlichen als Herausforderung und Chance begriffen. "Der besondere Charme der assistierten Ausbildung", so Michael Heister vom Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB), liegt darin, "dass die Hilfen am konkreten Bedarf der Auszubildenden und des jeweiligen Betriebs ansetzen und über den kompletten Ausbildungszeitraum hinweg angeboten werden."

Der dritte Partner in der assistierten Ausbildung ist ein Projektträger – im Falle des baden-württembergischen Projekts carpo ist das der paritätische Landesverband Baden-Württemberg, und das Diakonisches Werk Württemberg. Sie arbeiten eng mit den Arbeitsagenturen, den Jobcentern und den Handwerks- und Industrie- und Handelskammern zusammen.

Michael Heister
© Foto: BIBB

Finanziert wird das Modellprojekt carpo über den Europäischen Sozialfonds in Zusammenarbeit mit der Bundesagentur für Arbeit und den Ländern. Doch gerade diese Konstellation ist es, die den Projekten ein wenig im Weg steht. "Die Erfolgsaussichten sind super und gerade zu Zeiten des zunehmenden Fachkräftemangels gewinnt das Thema an Relevanz", betont Michael Heister und weist zugleich darauf hin, dass die "assistierte Ausbildung" in die Regelförderung übergehen müsste. So könnte sie nicht nur in einzelnen Modellprojekten, sondern flächendeckend für jeden Betrieb und jeden Jugendlichen angeboten werden, der daran Interesse hat.

"Die Mittel aus dem Europäischen Sozialfonds sind nun mal begrenzt und natürlich ist diese Art von Ausbildung teuer", gibt der Bildungsforscher zu bedenken. Wenn man gezielt etwas gegen den Fachkräftemangel tun will, müsse man alle vorhandenen Potenziale nutzen und dementsprechend in deren Ausbildung investieren.

Vorbereitung ist alles

Die Kosten für die "assistierte Ausbildung" liegen vor allem an der intensiven Betreuungsarbeit, die die Projektmitarbeiter leisten. Gleichzeitig erhalten die Betriebe Entlastung durch Dienstleistungen wie Beratung, Unterstützung und bei Bedarf auch Ausbildungsmanagement.  Bei Carpo gliedert sich die Zusammenarbeit in zwei Phasen. Erst beginnt die intensive Vorbereitung, die bis zu neun Monate dauern kann.

Sowohl für die interessierten Betriebe als auch für die Jugendlichen ermitteln die Projektmitarbeiter den individuellen Bedarf, besprechen Probleme, die auftreten können und spezielle Herausforderungen, auf die sich beide Seiten einlassen. "Umso intensiver die Vorbereitung ist, umso besser klappt es später", sagt Berndt Korten, der Projektkoordinator von carpo in Stuttgart. Damit sich die Jugendlichen und die Ausbilder erst einmal beschnuppern können, absolvieren die Bewerber meist erst einmal ein Praktikum.

Seite 2: Lesen Sie, was Betriebe und Azubis in der zweiten Phase erwartet und was Jamiere Carr nach der Ausbildung vorhat.>>>

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