Meisterstücke -

Mühlenbauer Hans Karel Ein Mann und "sein" Wasserrad

Schon zum dritten Mal hat Hans Karel das große Wasserrad der Reifendreherei im Freilichtmuseum Seiffen mitgebaut. Nicht, weil die Qualität nicht gestimmt hätte. Sondern weil der Altgeselle der Firma Mühlenbau Schumann aus Mulda im Erzgebirge schon so lange seinen Beruf ausübt, dass diese Zeit die Lebensdauer eines hölzernen Wasserrades bei weitem übersteigt.

Hans Karel, Mühlenbauer
Hans Karel hat sein ganzes Berufsleben als Mühlenbauer verbracht. Dieses Wasserrad baut er schon zum dritten Mal. -

Und so begleitete ihn das Wasserrad durch seine gesamte berufliche Laufbahn, die beim Vater seines heutigen Chefs ihren Anfang nahm. "Ich habe meine Lehre 1965 begonnen. Zwei Jahre später wurde das Wasserrad der Seiffener Drechslerei gebaut und ich war dabei", erklärt der 62-jährige Geselle. Damals war das Drehwerk noch im Privatbesitz von Paul Preißler, der in seinem Spielzeugmacherbetrieb bis 1971 die berühmten Reifentiere herstellte. Heute wird das seltene Handwerk des Reifendrehens an gleicher Stelle den Besuchern des inzwischen hier eingerichteten Freilichtmuseums gezeigt.

Beruf geht auf die Knochen

"Ich war damals der jüngste Mitarbeiter bei Mühlenbau Schumann und wurde sozusagen ins kalte Wasser geschubst", erinnert sich Hans Karel. Das hieß, er musste in den schmalen Wassergraben steigen, damit die Handwerker das Wasserrad einbauen konnten. Das sei heute noch genauso.

"Einer muss in den Graben steigen, ganz gleich ob im Sommer oder bei 15 Grad minus. Ich mag meinen Beruf, aber er geht auf die Knochen." So ist es heute nicht mehr Hans Karel, sondern sein junger Kollege Nico Wagener, der in den Graben muss.

Hans Karel, Mühlenbauer
© Detlev Müller

Hans Karel arbeitet dagegen mehr in der Werkstatt in Mulda. Hier werden die Mühlräder angefertigt und dann wieder in ihre Einzelteile zerlegt und an den Auftragsort gebracht. Dort werden sie  wieder zusammengesetzt. "Es gehören viel handwerkliches Geschick, Wissen und noch mehr Erfahrung dazu. Daran hat sich trotz moderner Technik nichts geändert. Denn die meisten alten denkmalgeschützten Mühlen sind eng und man kann nicht einfach mit einem Autokran anrücken."

Berufsschule mit Tischlern

Gern erinnert sich Hans Karel noch an seine Lehrzeit, denn er wollte schon immer was mit Holz machen. "Wir wohnten direkt neben dem Mühlenbau Schumann. Mein Vater hat schon hier gearbeitet und so habe auch ich hier angefangen. Ich war der einzige Mühlenbauerlehrling weit und breit." So musste Hans Karel die Berufsschule in Freiberg mit Tischlern absolvieren, wie andere Berufsanfänger seltener Berufe, z.B. Kamm- oder Stempelmacher.

Sein Gesellenstück war ein Holzelevator, der für einen Landwirtschaftsbetrieb zur Annahme des Getreides bestimmt war. Er führte damals am Gesellenstück verschiedene Holzverbindungen wie Schwalbenschwänze vor. Wie viele solche Elevatoren, Förder­bänder, Wellen oder Wasserräder er seitdem gebaut hat, das weiß der Erzgebirger nicht mehr. Vielleicht waren es hunderte. Gezählt hat er sie nicht.

Betrieb mit langer Tradition

Der überwiegende Teil sind Wasserräder gewesen, bestätigt Firmeninhaber Gottfried Schumann. Der Familienbetrieb mit vier Beschäftigten – Gottfried Schumann übernahm ihn 1990 von seinem Vater – verfügt über eine fast 135-jährige Tradition bei der Rekonstruktion von historischen Wasserrädern und Mühlenanlagen. Für ihr Können wurden die Erzgebirger unter anderem mit dem Bundespreis für Handwerk in der Denkmalpflege ausgezeichnet. Sie tragen den Titel "Anerkannter Kunsthandwerker". Aufträge führen sie sogar nach Österreich oder nach Frankreich. Doch meistens sind sie in ganz Deutschland unterwegs.

Dem Kulturerbe verpflichtet

Eines ihrer anspruchsvollsten Projekte war die Restaurierung der Klostermühle Thierhaupten bei Augsburg von 1994 bis 1997. Dafür erhielt das dortige ­Museum den Bayerischen Denkmalpreis und das Europa-Nostra-Diplom. Diese europäische Auszeichnung wird jährlich für herausragende Leistungen bei der Erhaltung von Kulturerbe ver­geben. Ihr größtes Wasserrad bauten sie für das Museumsbergwerk Straßberg im Harz. Es hat einen Durchmesser von fast zehn Metern und wiegt 15 Tonnen.

Dagegen war die Erneuerung des Wasserrades im Freilichtmuseum Seiffen ein eher "kleiner Job", da es in Mulda schon bestens bekannt war. Nach der Restaurierung in den 60er Jahren musste das Wasserrad 1985 ein weiteres Mal erneuert werden. Hans Karel konnte damals schon seine Erfahrungen vom ersten Bau einbringen. "Diesmal mussten war gar nicht extra Maß nehmen, es lag ja alles vor", sagt der Geselle. Fünf Meter im Durchmesser misst das neue Rad aus Lärchenholz mit seinen 60 Schaufeln, das jetzt wieder mindesten 30 Jahre halten wird.

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