Ostthüringen -

Ein Jahrhundert obenauf

Dachdeckerschule in Lehesten begeht mit Festtagen im Oktober ihr 100-jähriges Bestehen

Ein ganz besonderes Jubiläum steht in diesem Jahr in Lehesten an. Die dortige Dachdeckerschule feiert ihr 100-jähriges Bestehen. Dieses Jubiläum soll am 1. Oktober mit einem Tag der offenen Tür, einer Festveranstaltung, der alljährliches Meisterfeier sowie am 2. Oktober mit weiteren Veranstaltungen, unter anderem im Thüringer Schieferpark in Lehesten, wo ein neues Modelldorf entstanden ist, gefeiert werden.

Erste Meister im Jahr 1911

Eröffnet wurde die Dachdeckerschule am 17. Oktober 1910 auf Betreiben des Volksschuldirektors Otto Kuchenbäcker in Lehesten. Ziel war es, die in der Region vorhandenen Schiefervorkommen zu nutzen und mit der Meisterschule den Bekanntheitsgrad des Schiefers zu erhöhen. Bereits ein halbes Jahr später im März 1911 konnten die ersten zehn Jungmeister ihre Urkunden in Empfang nehmen.

Den ersten großen Erfolg konnte die Schule 1913 verbuchen. Auf der internationalen Baufachausstellung in Leipzig wurde ein Modellhaus aus Schiefer errichtet. Für die Leistung, Gestaltung und das handwerkliche Können wurde die Dachdeckerschule am 12. November 1913 mit dem Königlich-Sächsischen Staatspreis ausgezeichnet. In den ersten Jahren fanden die praktische Ausbildung in den Schieferbrüchen der Region und die Theorie im ehemaligen Rathaus bzw. später in einem ehemaligen Krankenhaus statt.

Kriegswirren hinterlassen Spuren

Die Jahre während des 1. Weltkrieges gingen auch an der Schule nicht spurlos vorüber. Erst 1919 wurde wieder eine größere Teilnehmerzahl verzeichnet. Im gleichen Jahr wurde der Dachdeckerschulverein Lehesten gegründet, der die Schule bis 1938 leitete. Dieser Verein war übrigens Vorbild für das 1991 gegründete Gemeinnützige Berufsförderungswerk für das thüringische Dachdeckerhandwerk.

Im Jahr 1938 übernahm die Thüringische Landesstelle für Handwerksförderung den Schulbetrieb. Die Schule wurde neben Mayen als Fachschule des Deutschen Dachdeckerhandwerks anerkannt. Auch der 2. Weltkrieg zeigte seine Auswirkungen. So wurde die Schule 1943 mit Zwangsarbeitern für die Rüstungsindustrie belegt, so dass an einen Schulbetrieb nicht mehr zu denken war. 1945 schließlich übernahmen erst amerikanische und dann sowjetische Truppen die Schule und richten dort ihre Kommandantur ein. Doch schon im Januar 1946 konnten die ersten Meisterkurse in Lehesten wieder angeboten werden.

Die schlimmste Zeit für die Dachdeckerschule brach jedoch im Jahr 1952 an. Durch die innerdeutsche Grenze und die damit verbundenen Sicherungsmaßnahmen wurde die Meisterausbildung nach Weimar verlegt. Die Lehrlingsausbildung blieb bis 1962 in Lehesten, ehe das Gelände der Dachdeckerschule von 1962 bis 1989 von der NVA für die Unterbringung ihrer Grenzkompanie genutzt wurde.

Nach der Wende begann man jedoch sofort, das Eigentum der Dachdecker zurückzufordern, um den Schulbetrieb wieder aufnehmen zu können. Und so wurde, trotz zahlreicher Baumaßnahmen, der Lehrbetrieb am 7. Oktober 1991 für die überbetriebliche Ausbildung wieder aufgenommen und am 20. Oktober startete der erste Meisterlehrgang. Die offizielle Wiedereröffnung der Dachdeckerschule fand nach allen Baumaßnahmen am 20. Mai 1992 statt.

Neue Hallen notwendig

Es zeichnete sich jedoch ab, dass dem großen Ausbildungsbedarf mit den vorhandenen Räumen nicht Rechnung getragen werden konnte und neue Ausbildungshallen errichtet werden mussten. Am 20.Mai 1995 konnten schließlich die neuen Modellhallen mit 156 Arbeitsplätzen, Pausenräumen und sanitären Einrichtungen übergeben werden. Mit der Sanierung der Unterkünfte für die Meisterschüler im Jahr 1996, der Inbetriebnahme der Werkstatt für Kunststoffbearbeitung im Jahr 1997 und der Errichtung einer Holzwerkstatt im Jahr 1999 war die Neugestaltung der Dachdeckerschule endgültig abgeschlossen.

Heute bietet die Dachdeckerschule in Lehesten beste Voraussetzungen für die Ausbildung der Lehrlinge, für die Meisterschüler und für die Durchführung zahlreicher Sonderlehrgänge. „Wir sind stolz darauf, dass sich unsere Arbeit der vergangenen Jahrzehnte immer mehr bezahlt macht und die Dachdeckerschule in Lehesten auch bundesweit einen überaus guten Ruf genießt“, so Eberhard Drößler, Ausbildungsleiter in Lehesten. Immerhin haben seit der Wende 636 Dachdecker erfolgreich ihre Meisterprüfung in Lehesten abgelegt und über 2.600 Junggesellen ihre Prüfungen bestanden und die Gesellenbriefe erhalten.

Medaillen bei Berufsweltmeisterschaften

Auf welch hohem Niveau die Ausbildung erfolgt, unterstreichen auch folgende Zahlen: Sieben Bundessieger und einen Vizemeister im Leistungswettbewerb der Handwerksjugend im Dachdeckerhandwerk sowie eine Gold- und zwei Silbermedaillen bei Weltmeisterschaften haben die in Lehesten ausgebildeten Lehrlinge bisher erreicht. Und auch in diesem, dem Jubiläumsjahr, wird mit Stefan Verges, der den 2. Platz auf Bundesebene belegte, ein ehemaliger Lehrling aus der Dachdeckerschule Lehesten am internationalen Ausscheid in Belfast/Nordirland teilnehmen.

100 Jahre - eine lange, bewegte Zeit, auf die die Dachdeckerschule in Lehesten zurückblicken kann. Doch mit der hohen Qualität der Ausbildung sowohl der künftigen Junggesellen als auch der Meisterschüler, stehen die Zeichen für die Zukunft der Dachdeckerschule weiterhin sehr gut.

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