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Interview mit Arbeitsmarktexperte Uwe Blien "Ein guter Arbeitsmarkt ist anziehend"

Ist die Flüchtlingssituation heute vergleichbar mit der Situation nach der Wiedervereinigung vor 25 Jahren? Arbeitsmarktexperte Uwe Blien spricht im DHZ-Interview über die Sogkraft funktionierender Märkte nach der Wende und heute.

Deutsche Handwerk Zeitung: Herr Professor Blien, durch den Zuzug von Flüchtlingen stehen wir auf dem Arbeitsmarkt vor großen Herausforderungen. Ist die
Situation mit dem Umbruch nach der Wiedervereinigung vergleichbar?

Uwe Blien: Vergleichbar ist allenfalls der starke Zuzug nach Westdeutschland. Ein guter Arbeitsmarkt zieht Menschen an. Ansonsten ist die Situation völlig anders. Der Zusammenbruch der DDR und ihrer industriellen Basis war ein viel größeres Problem. In Ostdeutschland ist die Zahl der Arbeitslosen damals auf mehr als eine Million Menschen gestiegen. Das entsprach einer Arbeitslosenquote von rund 20 Prozent. Auch was die Kosten betrifft, sprechen wir über ganz andere Dimensionen.

DHZ: Was hat die Arbeitslosigkeit damals so in die Höhe schnellen lassen?
Blien: Der Zusammenbruch der ostdeutschen Wirtschaft und die hohe Arbeitslosigkeit lagen vor allem am Tempo des Einigungsprozesses. Das war eine politische Entscheidung. Man wollte das Zeitfenster nutzen. Die Wirtschafts- und Währungsunion zum 1. Juli 1990 mit einem Umtauschkurs von eins zu eins hat den Zusammenbruch provoziert.

"Hätte man sich mehr Zeit gelassen, hätte es weniger Arbeitsplätze gekostet"


DHZ: Inwiefern?
Blien: Von heute auf morgen war die Wirtschaft in den neuen Bundesländern damit nicht mehr wettbewerbsfähig, zumal auch ihre Produktivität nur ungefähr ein Drittel des Westens ausmachte. Hinzu kommt, dass die Löhne in sehr kurzer Zeit sehr stark gestiegen sind. Außerdem gab es das Bestreben, die Privatisierung der Unternehmen innerhalb von vier Jahren durchzuziehen. Hätte man sich mehr Zeit gelassen, hätte es weniger Arbeitsplätze gekostet.

DHZ: Die Arbeitslosigkeit im Osten hat sich seitdem mehr als halbiert.
Blien: Das stimmt. Sie lag zuletzt bei neun Prozent. Allerdings ist sie immer noch höher als in Westdeutschland. Dort lag die Arbeitslosenquote im August bei 5,8 Prozent. Ausschlaggebend für den Rückgang im Osten ist neben der wirtschaftlichen Erholung vor allem die demografische Entwicklung. Relativ starke Jahrgänge gehen in die Rente und bei den Jüngeren kommen nach dem starken Geburtenknick nach der Wende nicht mehr so viele nach. Es wird aber auch neue Beschäftigung aufgebaut. Allerdings überwiegend in Teilzeit.

"Schnell Fähigkeiten vermitteln, die nachgefragt werden"

 
DHZ:
Was könnte man von damals für die Integration heute lernen?
Blien: Anders als heute sprachen die Arbeitssuchenden damals die gleiche Sprache und kamen aus dem gleichen Kulturkreis. Allerdings mussten auch viele von ihnen umgeschult werden. Entscheidend ist, dass wir den Flüchtlingen, die hier bleiben, schnell Fähigkeiten vermitteln, die in Deutschland tatsächlich auf dem Arbeitsmarkt von den Unternehmen nachgefragt werden.

DHZ: Befürchten Sie Verdrängungsprozesse?
Blien: Glücklicherweise haben wir derzeit eine vergleichsweise günstige Arbeitsmarktlage. Trotzdem wird es Verdrängungsprozesse geben. Die Flüchtlinge konkurrieren aber eher mit anderen Migranten, die schon länger da sind. Dabei geht es vor allem um einfachere Tätigkeiten, bei denen weniger Deutschkenntnisse gebraucht werden. Andererseits gibt es in der modernen Gesellschaft glücklicherweise nicht nur im Hightechsektor, sondern auch bei einfacheren Tätigkeiten wie etwa im Haushalt einen wachsenden Bedarf. Und Migranten bedeuten auch zusätzliche Nachfrage und zusätzliches Angebot.

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