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Online-Shops im Lebensmittelhandwerk Eigener Online-Shop oder großer Partner?

Frische Lebensmittel werden immer häufiger online eingekauft. Handwerker, die in den digitalen Handel mit Brot und Wurst einsteigen wollen, müssen sich entscheiden: Eigener Online-Shop oder ein großer Partner wie Amazon.

Die Münchener Bäckerei Rischart hat eine lange Tradition. 1883 wurde der Familienbetrieb gegründet und zählt in München inzwischen 15 Filialen und acht Millionen Kunden jährlich. Der Standort am Marienplatz gilt sogar als meistbesuchte Bäckerei Deutschlands. Wirtschaftlich steht Rischart gut da. Es könnte also eigentlich alles so bleiben wie es ist.

Dennoch hat Inhaber Magnus Müller-Rischart schon vor Jahren angefangen, sich mit den Möglichkeiten des Online-Verkaufs seiner Produkte zu beschäftigen. Er beobachtet, dass sich die Wünsche der Verbraucher zunehmend verändern. "Der Kunde kommt nicht mehr nur ins Geschäft, sondern das Geschäft muss auch zum Kunden kommen", sagt Müller-Rischart.

Seine Beobachtung lässt sich mit Zahlen belegen. Der digitale Handel wächst seit Jahren. Die Unabhängigkeit von Öffnungszeiten, die Lieferung bis zur Haustür und ein großes und günstiges Angebot sind laut einer repräsentativen Studie von Ernst & Young die Hauptgründe für den Trend zum Online-Einkauf.

Brot aus dem Internet

Rund 98 Prozent der Internet-Nutzer haben laut einer aktuellen Bitkom-Umfrage schon einmal online etwas eingekauft. Fast jeder Dritte (28 Prozent) gibt an, bereits Lebensmittel über einen Online-Shop bestellt zu haben.

Rischart_Bäcker

Das steigende Interesse der Kunden spiegelt sich in den Umsätzen der Unternehmen wider. Ein Großteil der von Bitkom befragten Betriebe gab an, im Jahr 2016 zwischen zehn und 30 Prozent ihres Umsatzes im Digitalgeschäft erwirtschaftet zu haben. Dabei scheint das Potenzial noch lange nicht erschöpft. 77 Prozent der befragten Firmen sehen sich mit ihrer E-Commerce-Strategie noch nicht auf der Höhe der Zeit.

 Allerdings ist der Verkauf von Wurst und Brot über das Internet für einen Handwerksbetrieb deutlich schwieriger als der Verkauf von Büchern oder elektronischen Produkten. Kunden erwarten die gleiche Frische und Qualität der Lebensmittel wie beim Bäcker oder Metzger um die Ecke. Waren müssen gut verpackt, teilweise gekühlt und möglichst schnell transportiert werden, damit das Produkt auf dem Weg zum Kunden nichts an seinem Wert verliert.

Amazon als Partner

Für Rischart lohnt sich der Aufwand trotzdem. "Das digitale Angebot wird sehr gut angenommen", sagt der Inhaber. Einen weiteren Vertriebsweg hat sich Rischart durch die Zusammenarbeit mit Amazon aufgebaut. Der US-Konzern baut seine Marktmacht auch in Deutschland immer weiter aus und will nun im Online-Handel mit Lebensmitteln großen deutschen Supermärkten wie Edeka und Rewe den Rang ablaufen. "Kunden kaufen bei AmzonFresh vor allem frische Lebensmittel. Außerdem sind Bioprodukte sehr beliebt", sagt Unternehmenssprecherin Christine Maukel.

Seit kurzem wird der Lieferdienst AmazonFresh neben Berlin, Potsdam und Hamburg auch in München angeboten. 300.000 verschiedene Produkte sollen im Shop verfügbar sein. Ein durchschnittlicher Supermarkt bietet im Vergleich nur etwa 10.000 Produkte an.

Wer bei AmazonFresh bis mittags bestellt, bekommt am gleichen Tag seine Lebensmittel nach Hause geliefert – so das Versprechen. "Unsere Kunden können nun frei wählen, ob sie unsere Produkte in unserem Ladengeschäft einkaufen möchten, in unserem Online-Shop bestellen oder sich mit ihrem Wocheneinkauf zusammen mit anderen Produkten über AmazonFresh nach Hause liefern lassen", sagt Müller-Rischart.

Die Bäckerei ist zufrieden mit dem Verkauf über Amazon – trotz des damit verbundenen Aufwands. "Wir müssen die nachgefragten Produkte etwas früher fertigstellen, damit sie rechtzeitig für die Auslieferung an Amazon bereitstehen." Voraussetzung sei außerdem die handelsfähige Etikettierung und Verpackung der Produkte, so wie es auch im Lebensmitteleinzelhandel üblich ist.

Neben der zeitaufwendigen Organisation müssen die Teilnehmer von AmazonFresh auch eine monatliche Gebühr und eine Umsatzbeteiligung an Amazon leisten.

Druck für ländliche Betriebe

Während die Großstadtbäckerei Rischart den Online-Handel als nettes Zusatzgeschäft betrachtet, wird er für Betriebe auf dem Land wie die Bäckerei Josef Brechtken in Warburg zunehmend überlebensnotwendig.

"Wir als Dorfbäckerei haben es schwer, unsere Waren zu verkaufen, weil sich vieles in den Vorkassezonen der Supermärkte oder eben im Online-Handel abspielt", sagt Bäckermeister Patrick Brechtken. Um nicht unterzugehen, musste sich der Betrieb neu strukturieren und in den Online-Handel einsteigen. Die Bäckerei hat den Verkaufskanal komplett allein aufgebaut. Der Aufwand sei sehr hoch gewesen, die Kosten dafür gering, sagt Brechtken.

"Die Erwartungen an den digitalen Handel haben sich erfüllt und er wird jedes Jahr stärker", freut sich der Bäckermeister. Gleichzeitig nimmt er aber auch starke saisonale Schwankungen wahr. Besonders hoch sei die Online-Nachfrage von Oktober bis Dezember. Brechtken sieht im Online-Geschäft für Handwerker eine Chance, sich verlorenen Umsatz wieder zurückzuholen, rät aber auch, sich vorher genau mit den Tücken beim Versand und Widerrufsrecht zu beschäftigen.

Doch es gibt im Handwerk nicht nur Freunde des amerikanischen Versandhausriesen. "Online-Handel ja, Amazon nein" sagt Michael Spahn, Biometzger aus Frankfurt. Spahns soziales Verständnis lasse sich nicht mit den Arbeitsbedingungen und Kontrollen von Amazon vereinbaren, die nach seinen Worten mit einer "Diktatur" vergleichbar
seien.

Seit mehr als vier Jahren verkauft Spahn auf seiner eigenen Plattform Fleisch- und Wurstwaren im Internet, nebenbei bietet er in einem separaten Shop vegane Spezialitäten an. "Wir sind immer noch im Wachstum. 20 Prozent unsere Umsatzes erwirtschaften wir online, bei einem Rohertrag von mindestens 55 Prozent", sagt Spahn. Vom Schreibtisch aus rund um die Uhr und nach den eigenen Vorstellungen handeln zu können, sieht der Metzgermeister in vielerlei Hinsicht als "Allheilmittel" an. Nur einen Stromausfall oder Hackerangriff fürchtet Spahn.

Anstelle von Amazon könnte sich Spahn in Zukunft den Verkauf über ein regionales Online-Kaufhaus in seinem Stadtviertel von Frankfurt vorstellen. "Ich stelle mir eine zentrale Abholstelle vor, wo in mehreren Geschäften getätigte Einkäufe zusammenkommen und selbst abgeholt werden können.

Online-Kaufhaus für die Region

Spahns Idee wird in vielen deutschen Regionen bereits Realität. Anbieter wie Locamo im Raum Ravensburg oder Lokaso in Siegen versuchen, Platzhirschen wie Amazon etwas entgegenzusetzen.

"Wir sind ein regionales Webkaufhaus, das den alltäglichen Bedarf der Bürger der Region durch einen umfangreich ausgestatteten Marktplatz bedienen möchte", erklärt Lokaso-Geschäftsführer Patrick Schulte. Die Kunden von Lokaso können bei den teilnehmenden Einzelhändlern – darunter auch Handwerksbetriebe – einen Mischwarenkorb anlegen und zum Ladenpreis versandkostenfrei am selben Tag geliefert bekommen. Teilnehmen können nur in der Region ansässige Firmen.

Lokaso biete den teilnehmenden Betrieben ein "Sorglospaket", wie Schulte es nennt. Im Gegensatz zu AmazonFresh könne Lokaso dem Betrieb alle nötigen Aufgaben zur Teilnahme an der Plattform abnehmen – von der Produkterfassung über das Marketing bis zum Zahlungsverkehr.

Das Konzept habe sich bereits etabliert – sowohl bei den teilnehmenden Betrieben als auch bei den Kunden, sagt Lokaso-Chef Schulte. Im nächsten Jahr will Lokaso sein Webkaufhaus in vielen weiteren Regionen starten.

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