Lebenswege -

Ehrensache: Ehrenamt im Handwerk

Viele Handwerker engagieren sich in ihrer Freizeit für das Handwerk und für die Gesellschaft. Stellvertretend für so viele stellt die Deutsche Handwerks Zeitung fünf von ihnen vor.

Franz Xaver Weber, Glasermeister

An einem nebelverhangenen Morgen des Jahres 1977 entgeht der Ort Weilen unter den Rinnen nur knapp einer Katastrophe. Zwei Kampfjets der amerikanischen Luftwaffe kollidieren während eines Manövers und stürzen in unmittelbarer Nähe der kleinen Gemeinde im Zollernalbkreis ab. Einer der ersten Helfer am Unfallort ist Glasermeister Franz Xaver Weber aus der Nachbargemeinde Schömberg. "Diese Bilder bekommt man nicht mehr aus dem Kopf", erinnert sich der 70-Jährige. Als Gründungsmitglied des Ortsvereins Schömberg ist Franz Xaver Weber seit mehr als 50 Jahren im Roten Kreuz aktiv. Fast genauso lange bildet er Sanitäter und seit rund 20 Jahren auch Feuerwehrmänner aus, gibt Erste-Hilfe-Kurse und schult Ersthelfer in Betrieben.

"Es bereichert das Leben sehr und es ist auch schön, wenn man anderen Menschen etwas Gutes tun und helfen kann."

Zur Absturzstelle der Kampfflugzeuge eilt Weber, weil er seit 1975 einen Funkmeldeempfänger bei sich trägt und regelmäßig auch zu Verkehrsunfällen gerufen wird. Daraus entwickelt sich das First-Responder-System (Ersthelfer oder Helfer vor Ort), das Franz Xaver Weber zusammen mit einem Kollegen in Schömberg initiiert. Das Ziel: schnelle Hilfe durch Ehrenamtliche vor Ort. Denn Schömberg liegt in einer ländlichen Region im Schnittpunkt von drei Rettungsdiensten, die Anfahrtswege sind gerade noch innerhalb der gesetzlichen Hilfsfrist. Diese beträgt in Baden-Württemberg zehn bis 15 Minuten. "Weil wir vor Ort sind, können wir schneller am Einsatzort sein und die Erstversorgung bis zum Eintreffen des Rettungsdienstes übernehmen."

Glasermeister Franz Xaver Weber

Dem Ortsverein steht dafür ein voll ausgestattetes Einsatzfahrzeug zur Verfügung. "Es sind nur keine Medikamente an Bord, die bringt der Notarzt mit." Die Einsätze der Helfer vor Ort sind nicht verpflichtend. "Wenn wir gerade eine große Glasscheibe in der Hand haben, können wir sie natürlich nicht fallen lassen und loslaufen." Doch 90 Prozent der Einsatzanforderungen könnten die Freiwilligen in Schömberg übernehmen. 321 Einsätze sind es im vergangenen Jahr allein im Ortsverein Schömberg.

"Das wird bei uns von ganz vielen Menschen getragen und das ist das Schöne am Ehrenamt, dass Alt und Jung zusammenarbeiten." Und auch Kunden des Glaserbetriebs hätten immer Verständnis, wenn die Handwerker zum Einsatz gerufen werden. "Da hatten wir noch nie Probleme." Die Wertschätzung für die Helfer vor Ort sei in der Bevölkerung und bei den regionalen Firmen sehr hoch. "Jeder weiß, dass er im Notfall auch einmal auf die schnelle Hilfe angewiesen sein könnte."

Franz Xaver Weber hat sein ehrenamtliches Engagement vererbt: Sohn Martin tritt nicht nur beruflich in die Fußstapfen seines Vaters, sondern hat auch sein Amt als stellvertretender Bereitschaftsleiter übernommen. Darüber hinaus arbeitet der 36-Jährige ehrenamtlich als Rettungssanitäter in Balingen. Beide sind sich sicher, dass das Sozialsystem ohne Ehrenamt nicht bezahlbar und nicht aufrechtzuerhalten wäre.

Olaf Schwade, Schmiedemeister

Schmiedemeister Olaf Schwade

Sein Lehrmeister brachte Olaf Schwade zu seinem Ehrenamt als Mitglied im Meisterprüfungsausschuss des Metallbauerhandwerks in Erfurt. "Ich habe meinen Beruf bei Schmiedemeister Theodor Birkner gelernt." Der damalige Obermeister des Schmiedehandwerks war in der Meisterausbildung tätig und nahm in seiner Werkstatt Prüfungen ab. "Da war ich immer mit dabei", erinnert sich der 48-Jährige. Als Lehrling und junger Geselle half Olaf Schwade mit, das Schmiedefeuer anzufachen, Material zuzuschneiden und den Meisterschülern Schmiedetechniken zu zeigen.

Nachdem sich Olaf Schwade 1995 mit einem Metallbaubetrieb selbstständig gemacht hatte – das Schmiedehandwerk war inzwischen im Metallbauerhandwerk aufgegangen –, "wurde ich gefragt, ob ich bei der Meisterausbildung helfen wolle." Seitdem führt Olaf Schwade in seiner Werkstatt für angehende Metallbaumeister ein "Schmiedepraktikum" durch. Der Lehrgang vermittelt einen Eindruck des alten Handwerks. "Ich kenne einige Meister, die daraus etwas mitgenommen und sich ein Schmiedefeuer in ihrer Werkstatt eingerichtet haben."

Vor rund 20 Jahren wurde Olaf Schwade dann in den Meisterprüfungsausschuss der Handwerkskammer Erfurt für das Metallbauerhandwerk berufen. "Der Schritt war ja nicht mehr weit, da ich schon immer mit den angehenden Meistern gearbeitet habe." 50 bis 100 Stunden im Jahr investiert er in sein Ehrenamt, für das er eine kleine Aufwandsentschädigung erhält. Sein zeitlicher Aufwand ist natürlich davon abhängig, wie viele Meisterschüler in einem Jahrgang ihre Prüfung ablegen wollen.

"Als Selbstständiger kann ich meinen Tagesablauf frei planen", sagt Olaf Schwade, der seinen Metallbaubetrieb mit einem Mitarbeiter betreibt. Die Termine seien ihm relativ lange im Voraus bekannt, seine Arbeit plane er um diese Termine herum. Die Mitglieder des Meisterprüfungsausschusses stellen die Prüfungsaufgaben und nehmen die praktische Prüfung ab. "Wir schauen den Meisteranwärtern ein bisschen auf die Finger, wie geschickt sie sich anstellen", sagt Olaf Schwade.

"Mir ist es wichtig, meinen Beitrag zum Fortbestand des Handwerks zu leisten und jungen Meistern zu helfen, beruflich Fuß zu fassen."

Sie begutachten auch die Meistermappe mit dem Vorschlag des Meisterschülers für sein Meisterstück. "Wir laden die Bewerber ein, damit sie uns ihre Pläne für ihr Meisterstück vorstellen." Es kann passieren, dass der Prüfling nacharbeiten muss. "Manchmal möchten wir den Schwierigkeitsgrad noch ein bisschen erhöhen." Dann helfen die erfahrenen Prüfer, den Vorschlag zu verfeinern. Das fertige Meisterstück wird ausgestellt und in einem Fachgespräch erklärt. Für jeden Prüfungsteil erhalten die Meisterschüler eine Bewertung. "Für mich ist diese Arbeit eine Bereicherung in meinem Leben. Ich würde es immer wieder tun", sagt Olaf Schwade über seine Motivation zu seinem Ehrenamt, "und es ist auch eine Ehre, das machen zu dürfen."

Brigitta Neeb, Raumausstattermeisterin

"Ich bin da irgendwie reingerutscht", erinnert sich Brigitta Neeb. Im Vorstand der Kreishandwerkerschaft Wiesbaden-Rheingau-Taunus wurde ein Platz frei und die 55-Jährige dachte: "Prima, so kann ich die Interessen und Anliegen unserer kleinen Innung besser vertreten." Das Zusammenspiel mit anderen Gewerken, das sei es, was ihr Spaß mache. "Ich möchte nicht mit Scheuklappen rumlaufen und nur meine Firma sehen. Es ist mir wichtig, für andere Menschen etwas zu tun." Seit rund fünf Jahren ist sie auch Obermeisterin der Raumausstatter- und Sattler-Innung Wiesbaden-Rheingau-Taunus.

Zu den Aufgaben ihres Ehrenamtes gehört es, die Interessen des Raumausstatterhandwerks in der Region zu vertreten. Sowohl innerhalb der Innung als auch nach außen. Sie organisiert Treffen und sorgt dafür, dass das Netzwerk gestärkt wird und die Innungsmitglieder mit Informationen versorgt werden. "Das ist ganz wichtig, um unser Bündnis zu erhalten und etwas Wertschöpfendes für alle zu erarbeiten." Man helfe sich gegenseitig und bekomme als spezialisierter Innungsbetrieb von anderen Gewerken Aufträge. Als Obermeisterin repräsentiert Brigitta Neeb die Innung darüber hinaus in der Öffentlichkeit und gegenüber der Politik. "Es ist wichtig, dass man nicht nur an sich denkt, sondern auch an andere und das Ganze."

"Ich habe keinen Stundenplan. Wenn ich fertig bin, bin ich fertig. Wenn nicht, mache ich weiter."

Den Aufwand für ihr ehrenamtliches Engagement schätzt die Raumausstattermeisterin aus Wiesbaden auf zehn Stunden im Monat. "Meistens wird es wohl mehr sein, der Übergang ist ja fließend." So besuche sie manchmal einen Stammtisch in Mainz, den der dortige Obermeister organisiere. "Wir arbeiten sehr gut zusammen und für mich ist es wichtig zu erfahren, was die Probleme von Kollegen sind und wie sie diese lösen."Da die Sitzungen der Kreishandwerkerschaft und der Innung am Abend stattfinden, sei das gut mit ihrem Beruf zu vereinbaren. Und wenn die Raumausstattermeisterin einmal beispielsweise am Vormittag einen Termin beim Bürgermeister hat, nimmt sie sich frei. "Dann plane ich meine Termine drum herum."

Messen und Ausstellungen, bei denen sie die Innung repräsentiert, finden meist am Samstag oder Sonntag statt. "Dann ist das Wochenende weg, aber das ist dann halt so." Brigitta Neeb verzichtet für ihr Ehrenamt gern auf ihre Freizeit. "Das gehört für mich dazu, weil ich meinen Beruf liebe", sagt die Obermeisterin, die für ihr freiwilliges Engagement keine Aufwandsentschädigung erhält. "Darauf hat schon mein Vorgänger verzichtet." Sie will ihren Beruf erhalten, indem sie versucht, junge Menschen dafür zu interessieren. Weil Ehrenamt grundsätzlich wichtig für den Zusammenhalt der Gesellschaft ist, fängt es für Brigitta Neeb schon im Kleinen an: Wenn ihre erkrankte Nachbarin Hilfe braucht, kommt die Chefin von zwei Auszubildenden auch mal etwas später zur Arbeit. "Das ist für mich auch Ehrenamt."

Andreas Hemmerlein, Metallbaumeister

Metallbaumeister Andreas Hemmerlein

Fällt ein deutsches Gericht ein Urteil, hat ein ehrenamtlicher Richter das gleiche Stimmrecht wie ein Berufsrichter. Andreas Hemmerlein aus Lauffen am Neckar übt dieses Ehrenamt am Arbeitsgericht Heilbronn aus. An Verhandlungen vor Arbeitsgerichten nehmen stets je ein ehrenamtlicher Richter als Vertreter der Arbeitnehmer und Arbeitgeber teil. Dem Metallbaumeister wurde das Ehrenamt als Vertreter der Arbeitgeber-Seite vor sieben Jahren angetragen. Mittlerweile in seiner zweiten Amtsperiode absolviert er drei bis vier Sitzungstage im Jahr. "Meistens werden dann an einem Sitzungstag zwei oder drei Kammertermine angesetzt."

Da die entsprechenden Ladungen immer einige Wochen im Voraus im Briefkasten sind, lassen sich die Termine für den Chef von 24 Mitarbeitern gut planen. "Wir sind so strukturiert, dass Mitarbeiter meine Aufgaben zum Teil übernehmen können." Trotzdem sei es nicht immer einfach, sich die Zeit freizuschaufeln. "Doch ich sehe es als meine Pflicht an, mich hier zu engagieren." Für ihr Zeitversäumnis, ihren Verdienstausfall, Fahrtkosten und Aufwand erhalten ehrenamtliche Richter vom Staat eine Entschädigung.

"Ich werde immer wieder mit Grenzsituationen konfrontiert, die mich zur tieferen Reflexion und zu Grundsatzüberlegungen anregen."

Vor einem Arbeitsgericht geht es hauptsächlich um individuelle Streitigkeiten zwischen einem Arbeitgeber und einem Arbeitnehmer. "Ich kann hier meine Erfahrungen aus dem betrieblichen Alltag einbringen", sagt der 50-Jährige. Da die ehrenamtlichen Richter direkt aus der Praxis, also aus Unternehmen kommen, können sie die juristische Sicht der Berufsrichter hier sinnvoll ergänzen. Rechtsstreitigkeiten vor Arbeitsgerichten werden zu einem erheblichen Teil durch einen Vergleich beigelegt. "Ich habe an bisher vier oder fünf Urteilen mitgewirkt, alles andere hat in einem Vergleich geendet", fasst Andreas Hemmerlein seine Erfahrungen zusammen.

Genau diese Erfahrungen haben dem Metallbaumeister auch schon beruflich weitergeholfen: "Ich bin bereits auf den einen oder anderen Punkt gestoßen, den wir in unseren Arbeitsverträgen nicht richtig geregelt hatten." Dann lässt er Verträge nacharbeiten oder ergänzen und Vordrucke genauer definieren. Das Wichtigste, das er durch sein Ehrenamt gelernt habe, sei aber, dass man miteinander reden müsse, wenn Probleme oder Differenzen auftreten. "Oft denke ich vor Gericht: Sprecht doch miteinander und findet eine Lösung", sagt Andreas Hemmerlein. Nur manchmal seien die Fronten dazu zu verhärtet und keine der Streitparteien wolle einlenken.

Für die Zukunft des Ehrenamts in Deutschland wünscht sich Andreas Hemmerlein, dass mehr Anreize für junge Menschen geschaffen werden, sich in den Dienst der Allgemeinheit zu stellen und sich zu engagieren. "Ich finde es sehr wichtig, einen Beitrag zum gesellschaftlichen Leben zu leisten."

Stefan Geyrhalter, Raumausstattermeister

Raumausstattermeister Stefan Geyrhalter

Mit 16 Jahren ist Stefan Geyrhalter der Freiwilligen Feuerwehr Kaufbeuren beigetreten. "Alle meine Vorfahren waren bei der Feuerwehr. Ich habe früh mitbekommen, wie mein Vater Feuerwehrdienst geleistet hat." Heute blickt der Raumausstattermeister selbst auf 43 Jahre ehrenamtliche Tätigkeit zurück. Der Gruppenführer trägt seinen Piepser das ganze Jahr. "Wir sind alle immer in Bereitschaft." Die Freiwillige Feuerwehr Kaufbeuren ist ein Verein mit vielfältigen Aufgaben. Er stellt die Mannschaft für den Feuerwehrdienst. Gleichzeitig muss er sich um Nachwuchs kümmern.

Freiwillige Feuerwehren sind darauf angewiesen, dass sich schon Jugendliche der Verantwortung für die Feuerbekämpfung einer Stadt stellen. Neben dem Unterricht, den Übungen und den Einsätzen gehört deshalb auch das Vereinsleben mit Freizeitaktivitäten und Pflege der Kameradschaft dazu. Stefan Geyrhalters Engagement kommt im Jahr auf geschätzte 150 bis 200 Stunden. "Das ist eher mehr geworden als weniger, weil ich noch weitere Aufgaben übernommen habe", sagt der 58-Jährige. Darin enthalten: 20 bis 25 Feuerwehrübungen à zwei Stunden und etwa ebenso viele Einsätze. Hinzu zählen Sitzungen und Vorstandstätigkeit. "Da kommt schon ein bisschen was zusammen", sagt der stellvertretende Vorsitzende.

"Es ist ein Dienst an der Öffentlichkeit, den ich gerne tue, und auf den man stolz sein kann."

Für seine ehrenamtliche Tätigkeit erhält Stefan Geyrhalter keine Aufwandsentschädigung. Die Stadt Kaufbeuren verfügt über zwei Löschzüge. Die Primäralarmierung wechselt monatlich, das heißt, in einem Monat wird der eine Löschzug zu allen Einsätzen gerufen, im nächsten Monat der andere. Nur bei großen Einsätzen rücken beide aus. Bei Primäralarmierung sind die Mitglieder des Löschzugs 24 Stunden in Rufbereitschaft. Es kann also sein, dass ein Feuerwehrmann zwei Nächte hintereinander aus dem Bett gerufen wird. Urlaub oder Abwesenheit müssen die Männer nicht anmelden.

Auch sonst lautet die Devise: Beruf und Geschäft gehen vor. "Wenn ich einen wichtigen Kundentermin habe, erlaube ich mir auch, nicht in den Feuerwehreinsatz zu gehen", sagt der Chef von sieben Mitarbeitern. Der Löschzug wird trotzdem ausreichend voll, denn "wir haben eine Dreifachbesetzung. " Das heißt, theoretisch besteht ein Löschzug aus einer 22-köpfigen Mannschaft. Praktisch sind einem Löschzug aber mehr als 50 Mann zugewiesen. Wird also ein Löschzug gerufen, werden diese mehr als 50 Feuerwehrmänner alarmiert. "Wir gehen davon aus, dass immer eine ausreichend große Mannschaft kommt. Das klappt ganz gut."

Das prägendste Ereignis in all den Jahren bei der Freiwilligen Feuerwehr war für Stefan Geyrhalter die Rettung zweier Kameraden. Diese waren beim Löschen eines Brandes in einer Kirche in Not geraten. Sie hatten ihren Schlauch verloren, das Dach stürzte ein und alles war voller Rauch. "Die beiden waren da drinnen verloren. Wir haben sie gesucht und gefunden und herausbringen können."

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