Elektromobilität -

Bäckermeister mobilisiert Kollegen für den Elektroantrieb E-Transporter: Das Handwerk hilft sich selbst

Auf Initiative von Bäckermeister Roland Schüren aus Hilden haben Handwerker ihre Anforderungen einen praxistauglichen Elektro-Transporter formuliert. Zwei Hersteller zeigen Interesse.

Dieser Artikel ist Bestandteil des Themenpakets Elektromobilität

Fritz Schlund will vorbereitet sein. Bevor es in München zu Fahrverboten für Transporter mit Diesel­motor kommt, leitet der Bäckermeister für seine Fritz Mühlenbäckerei den Umstieg auf Elektromobilität ein. Geholfen hat ihm dabei nicht die Auto­industrie, sondern die Eigeninitiative von Berufskollegen.

Seit in Großstädten wie Stuttgart oder München wegen der hohen Konzentration von Stickoxiden (NOx) in der Luft die Rufe nach Fahrver­boten immer lauter werden, sorgen sich viele Handwerker um ihren Fuhrpark. Über Jahre hinweg haben die Hersteller ihre Transporter fast ausschließlich mit Dieselantrieb ausgerüstet. Keine andere Branche würden Fahrverbote so hart treffen wie das Handwerk. Bäckereien, die täglich ihre Filialen mit frischer Ware beliefern müssen, sind auf Mobilität genauso stark angewiesen wie auf Strom oder Mehl.

Mitstreiter über Facebook gesucht

Bäckermeister Roland Schüren aus Hilden bei Düsseldorf fährt bei der Elektromobilität seinen Kollegen voraus. Zum Fuhrpark gehören neben vier Nissan e-NV 200 und einem Mercedes-Benz Vito E-Cell auch zwei Plantos, Sprinter-Umbauten der inzwischen insolventen Firma German E-Cars. "Aber die waren viermal so teuer wie ein Sprinter mit Verbrennungsmotor, also reine Liebhaberei", sagt Schüren.

Bäckermeister Fritz Schlund

Im Januar schaltete der Öko-Pionier in seinen Bemühungen für eine saubere Mobilität noch einen Gang höher und gründete die E-Transporter Selbsthilfegruppe. Via Facebook fanden sich innerhalb kurzer Zeit knapp 100 Mitstreiter. Rund die Hälfte sind Bäcker, unter ihnen Fritz Schlund aus Aying bei München.

Wie sein Kollege aus Nordrhein-West­falen pflegt er eine auf Nachhaltigkeit und Ökologie bauende Unternehmensphilosophie. Ein Fuhrpark ohne Schadstoffausstoß würde da hervorragend ins Leitbild passen, zumal die E-Transporter mit sauberem Sonnenstrom aus der eigenen Photovoltaikanlage betankt werden könnten.

Lastenheft für Elektro-Transporter

Beim ersten Treffen der Selbsthilfegruppe, zu der auch SHK-Betriebe, Gebäudereiniger, Schreinereien oder Elektrobetriebe gehören, haben im Februar 34 Mitglieder aus 29 Unternehmen ihren elektrisch angetriebenen Wunschtransporter konfiguriert – das Bakery Vehicle One (BV1).

Die vier zentralen Punkte:

  • mindestens 850 kg Nutzlast
  • 100 bis 150 Kilometer Reichweite
  • Preis je nach Ausstattung zwischen 40.000 und 80.000 Euro
  • Auslieferung der ersten Fahrzeuge im ersten Quartal 2018

Das Lastenheft wurde an 51 Hersteller und Umrüster verschickt. Der Rücklauf war spärlich, aber der Einsatz hat sich trotzdem gelohnt. Denn inzwischen haben sich zwei Hersteller gefunden, die das BV1 fristgerecht bauen wollen.

Streetscooter und Voltia wollen liefern

Dass bei der Elektromobilität für leichte Nutzfahrzeuge die Post abgeht, dafür hat vor allem die Firma Streetscooter gesorgt. Vom Streetscooter Work mit einer Nutzlast von 710 kg sind bereits 2.500 Exemplare bei der Brief- und Paketzustellung im Einsatz. Inzwischen gehört das aus der RWTH Aachen heraus gegründete Unternehmen zur Post DHL Gruppe und verkauft seine Fahrzeuge auch an Dritte.

Das Fahrgestell des Streetscooter-Modells Work L soll die Basis für das BV1 mit Koffer bilden. Für den Ausbau konnte mit der Firma TBZ aus Bretten bei Karlsruhe ein Handwerksbetrieb gewonnen werden, der sich auf die Umrüstung von Berge- und Abschleppfahrzeugen sowie auf Transportaufbauten spezialisiert hat. Wer seinen Elektro-Transporter lieber als klassischen Kastenwagen bestellen möchte, für den hat die Firma Voltia das passende Angebot. Der slowakische Umrüster will das BV1 auf Basis des Citroën Jumper bauen.

Zusammen bieten Streetscooter und Voltia das elektrisch angetriebene Bäckermobil in elf verschiedenen Grundversionen mit Preisen zwischen 38.950 und 74.500 Euro an (abzüglich 4.000 Euro Umweltprämie). Die Bandbreite reicht vom L1H1 mit 8 m3 Ladevolumen bis hin zum L4H3 mit 17 m3 Ladevolumen. Die Nutzlast variiert zwischen 845 und 1.215 kg. Als Energiequelle stehen Batterien mit einer Leistung zwischen 33 und 60 kWh zur Verfügung.

Testfahrten auf Liefertour

Bäckermeister Roland Schüren ist zuversichtlich, dass mit dem BV1 viele Transportaufgaben im Handwerk zu lösen sind. Er hat bereits die verschiedensten Elektrofahrzeuge ausprobiert. Als Teststrecke diente ihm eine seiner Liefertouren über 127 Kilometer, je zur Hälfte Autobahn und Stadtverkehr. "Der Streetscooter überzeugte dabei mit den absolut besten Verbrauchswerten. Da merkt man, dass das Fahrzeug speziell für den Elektroantrieb entwickelt wurde", sagt Schüren.

Sein Kollege Fritz Schlund in Bayern möchte zunächst zwei E-Transporter bestellen, um mit ihnen Erfahrungen zu sammeln. Wichtig ist ihm, dass die Fahrzeuge nicht unterwegs aufgeladen werden müssen. Bei den vierstündigen Ausliefertouren zwischen 70 und 150 Kilometern sollten die E-Transporter das zu jeder Jahreszeit schaffen. Dann könnten bei der Fritz Mühlenbäckerei die derzeit sechs Lieferwagen mit Dieselantrieb komplett vom BV1 abgelöst werden.

Dass das Bakery Vehicle One mit seinem Elektroantrieb derart zündet, hätte Bäckermeister Roland Schüren wohl selbst nicht für möglich gehalten. "Sogar drei Autohäuser haben schon Interesse bekundet. Wer hätte gedacht, dass ich als Bäckermeister einmal Fahrzeuge an die Kfz-Kollegen verkaufe", schmunzelt Schüren.

Ein Erklärvideo zum BV1 finden Sie hier.

Mehr Informationen anfordern per E-Mail unter info@ihr-baecker-schueren.de

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