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Geschäftsführer Achim Kampker im Interview E-Mobilität: Streetscooter peilt letzte Meile im urbanen Umfeld an

Dass die Deutsche Post an der Wiege des Automobils einmal eine Vorreiterrolle in Sachen Mobilität übernehmen würde, war so nicht zu erwarten. Beim Elektroantrieb für leichte Nutzfahrzeuge gibt das Logistikunternehmen längst den Takt vor.

2014 hat die Post die Streetscooter GmbH übernommen, die von zwei Professoren der RWTH Aachen vier Jahre zuvor gegründet worden war. Inzwischen sind schon 5.500 Street­scooter Work und Work L bei der Paketzustellung im Einsatz. Auch Gewerbetreibende können die batteriebetriebenen Kleinlaster kaufen. Im Gespräch mit der Deutschen Handwerks Zeitung erklärt Geschäftsführer Achim Kampker, was Streetscooter von der klassischen Automobilindustrie abhebt und wo der Elektroantrieb für das Handwerk seine Vorteile ausspielt.

DHZ: Herr Kampker, Sie haben im Jahr 2003 an der RWTH Aachen eine Gruppe Veränderungsmanagement aufgebaut. Hatten Sie damals schon die Autoindustrie im Visier?

Achim Kampker: Damals hat noch niemand an das Thema Elektromobilität gedacht. Aber die Vorläufer für die Methodik des agilen und schnellen Entwickelns sind da gelegt worden. Wir warten nicht auf den perfekten Prototypen, sondern probieren zu einem frühen Zeitpunkt schon einzelne Teilaspekte aus. Wir nennen das Primotypen. Auf dieser Idee baut die Entwicklung des Streetscooter auf.

DHZ: Was macht Streetscooter anders als die klassische Automobil­industrie?

Kampker: Wir machen vieles anders. In der Automobilindustrie ist es üblich, ein sogenanntes Weltauto zu entwickeln, das überall eingesetzt werden kann. Wir haben uns auf die letzte Meile im urbanen Umfeld konzentriert und eine Methodik entwickelt, um in der Hälfte der Zeit und mit deutlich geringeren Investitionen ein Elektroauto auf die Straße zu bringen. Dabei haben wir die Nutzer der Fahrzeuge frühzeitig eingebunden, nicht nur durch Befragungen, sondern auch über ausprobieren. Ein Beispiel dafür ist die Sitzkiste, an der die Probanden das Ein- und Aussteigen testen konnten. Die Anregungen haben wir aufgenommen, um die Ergonomie zu verbessern.

DHZ: Die Post will mittelfristig ihre gesamte Zustellflotte auf Elektroantrieb umstellen. Wäre ein solcher Schritt auch für einen so heterogenen Wirtschaftszweig wie das Handwerk denkbar?

Kampker: Ja, für bestimmte Bereiche aus dem Handwerk wäre das heute schon möglich. Und die Reichweite wird in den nächsten Jahren weiter nach oben gehen. Wir planen zum Beispiel ein Fahrzeug mit Brennstoffzelle, mit dem dann 500 bis 700 Kilometer kein Problem mehr darstellen. Schrittweise werden also immer mehr Anwendungsbereiche hinzukommen.

DHZ: Wenn in diesem Jahr auf Basis des Ford Transit der Streetscooter Work XL auf den Markt kommt deckt Streetscooter die gesamte Palette der klassischen Handwerkerfahrzeuge ab. Reicht die Produktionskapazität aus, um der steigenden Nachfrage gerecht zu werden?

Kampker: Es stimmt, dass wir mehr Bedarf haben, als wir derzeit produzieren können. Wir bemühen uns aber, so schnell wie möglich die Produktionskapazitäten auszubauen. Wir werden im Verlauf dieses Jahres ein neues Werk in Düren einweihen und damit insgesamt Produktionskapazitäten von 20.000 Fahrzeugen pro Jahr haben.

Streetscooter Work L

DHZ: Wie wird der Reparatur- und Wartungsservice für die Fahrzeuge sichergestellt?

Kampker: Es gibt ein deutschlandweit funktionierendes Werkstattnetz über die Firma GAS (Global Automotive Service), das Werkstätten bündelt und die Versorgung mit Ersatzteilen sichert. Mit ihnen haben wir auch ein Schulungskonzept aufgesetzt, so dass der Service für unsere Fahrzeuge flächendeckend sichergestellt ist. Seit diesem Jahr kooperieren wir außerdem mit einer Reihe von Ford-Transit-Centern. Damit ist unser Händlernetz auf 80 Standorte bundesweit gewachsen.

DHZ: Zwischen der Autoindustrie und dem Kfz-Gewerbe gibt es enge Verbindungen. Viele Autohäuser sind markengebunden. Können Sie sich solche Verträge auch zwischen der Streetscooter GmbH und einzelnen Kfz-Betrieben vorstellen?

Kampker: Wir arbeiten mit verschiedenen Händlern, die das dürfen und dazu bereit sind, jetzt schon zusammen. Wobei wir nicht darauf bestehen, dass unsere Händler exklusiv für uns arbeiten. Wichtig ist uns, dass es Überzeugungstäter sind. Sie sollten Begeisterung für unser Produkt und die nötigen Kompetenzen für die Elektromobilität mitbringen. Da geht Qualität vor Quantität.

DHZ: Streetscooter kooperiert bereits mit einer Gruppe von Bäckern, die einen Lieferwagen für ihre Bedürfnisse konzipiert haben. Können Sie sich vorstellen, mit anderen Handwerksbranchen ähnliche Kooperationen einzugehen?

Kampker: Definitiv! Wir suchen aktiv danach, gehen auch auf entsprechende Messen. Gerade realisieren wir ein Projekt mit Gärtnern und es gibt Kontakte zu Schornsteinfegern. Grundsätzlich läuft das so: Wenn ­eine entsprechende Nachfrage am Markt besteht, möchten wir diese bedienen. Dabei gibt es keine Regeln, wie eine Gruppe strukturiert sein muss.

DHZ: In der Tageszeitung „Die Welt“ war Ende vergangenen Jahres von enttäuschten Postzustellern zu lesen, die von Problemen mit dem Streetscooter berichteten. Unter anderem wurde behauptet, das Fahrzeug sei technisch nicht ausgereift. Was entgegnen Sie diesem Vorwurf?

Kampker: Wir sind sehr intensiv mit den Zustellern im Austausch. Wir führen auch in der Breite regelmäßig anonyme Befragungen durch. Da schneiden wir sehr gut ab. Wir nehmen aber alle Einzelmeinungen ernst und gehen dem nach. Systemische Probleme, wie sie da geschildert wurden, können wir jedoch nicht nachvollziehen. Wichtig ist eine ausführliche Schulung auf unserem Produkt. Zum Beispiel gibt es Ängste, dass im Winter die Sitzheizung zu viel Strom zieht. Tatsächlich ist es deutlich effizienter, über die Sitzheizung für Behaglichkeit zu sorgen als über die Luftzufuhr. Grundsätzlich: Das Fahrzeug ist sicher, wir haben Crashtests oder Brandtests mit der Batterie gemacht und dabei alle bestanden.

DHZ: Rechnen Sie nach dem Urteil des Bundesverwaltungsgerichts in Leipzig mit Fahrverboten für Dieselfahrzeuge?

Kampker: Wir haben die Entscheidung, in den Bereich der E-Fahrzeuge zu gehen, ja deutlich vor der Dieseldebatte getroffen – weil wir davon überzeugt waren, dass der Elektromotor im urbanen Umfeld der überlegene Antrieb ist. Vielleicht können wir ja dazu beitragen, dass Fahrverbote verhindert werden. Denn je mehr von unseren Autos fahren, desto eher wird der ein oder andere Grenzwert wieder unterschritten werden. Wir freuen uns natürlich, dass wir diesen Beitrag leisten können.

DHZ: Kann der Elektroantrieb die Verbrennungsmotoren langfristig ablösen?

Kampker: Langfristig ja. Wenn wir mit dem Lkw von München nach Berlin fahren wollen, wird das sicher noch ein gutes Jahrzehnt dauern. Aber wenn wir das urbane Umfeld anschauen, dann wird das schon in den nächsten Jahren passieren.

DHZ: Mit welchen Innovationen will Streetscooter an der Mobilität der Zukunft mitwirken?

Kampker: Wir arbeiten intensiv am Connected Car, bei dem es darum geht, im Auto verschiedene Informationen für den Fahrer bereitzustellen. Bei der Follow-me-Funktion kann das Auto selbsttätig dem Fahrer folgen und ihn bei seiner Arbeit unterstützen. Dann darf ich darauf hinweisen, dass wir auch am Drei- und Zweirad forschen. Wir suchen Möglichkeiten, wie wir den Verkehr besser verteilen können. Dabei darf man nicht nur auf das vierrädrige Nutzfahrzeug schauen. Außerdem arbeiten wir an Projekten mit Drohnen. Also das Feld ist weit. Ich glaube, keiner weiß, wo die Reise hingeht. Aber die Mobilität wird sich verändern. Deshalb sollten wir vorbereitet und experimentierfreudig sein. Wir dürfen uns nicht vom Status Quo ablenken lassen.

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