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TV-Kritik: "Das Experiment - Staus und schlechte Luft" im WDR E-Autos fallen im Praxistest durch

Was taugen in Zeiten der Dieselaffäre alternative Antriebsformen? Der WDR ließ in der Dokumentation "Das Experiment - Staus und schlechte Luft" einen Schornsteinfeger und einen Familienvater vier Wochen lang mit E-Autos und Fahrrädern fahren. Bei aller augenzwinkernden Aufmachung - am Ende war das Ergebnis ziemlich klar.

Ulrich Grüttner grinst übers ganze Gesicht. Gerade hat der Schornsteinfegermeister aus Düsseldorf einen seiner Kollegen angerufen und ihn gefragt, ob er morgen zur Versammlung der Innung mit Öffentlichen Verkehrsmitteln oder gar dem Fahrrad kommen würde. Die Antwort fiel so aus, das Grüttner nur Gelächter blieb, also vermutlich sehr eindeutig. Am Ende ist keiner seiner Kollegen bereit, umweltfreundlich zur Sitzung zu kommen. Der kleine Spaß mit der Umfrage unter Kollegen war Teil der WDR-Doku "Das Experiment - Staus und schlechte Luft", in der Grüttner vier Wochen lang Alternativen zu seinem Diesel-Transporter, den er für sein Unternehmen nutzt, ausprobieren soll.

Die insgesamt sehr launig aufgemachte und mit vielen kleinen Scherzen garnierte Sendung  kreiste aber um einen ernsten Kern. Die Situation auf den Straßen wird immer angespannter, immer mehr Autos fahren täglich über den Asphalt und stoßen ihre Schadstoffe aus. Da lag es für den WDR auf der Hand zu testen, wie praxistauglich Alternativen sind. Neben dem Schornsteinfeger testete ein Reporter den Einsatz von E-Auto und Co. im Familienalltag.

Los geht es mit dem Elektroauto. "Zuverlässig, günstig, umweltfreundlich" - so hatte Grüttner sein ideales Firmenfahrzeug charakterisiert. Der E-Transporter, der ihm für zwei Wochen gestellt wird, sieht gut aus, ist geräumig, fährt sich flott - aber die Reichweite! Schon am ersten Tag wird es eng mit der Ladeanzeige, und als der Schornsteinfeger den Transporter abends zu Hause an den Strom anschließt, fängt das Auto plötzlich an zu blinken. Die Diagnose - Defekt der Ladebuchse - strapaziert nicht nur Grüttners Nerven, sondern bringt auch unverhofft seinen Diesel wieder ins Spiel. Nur einen Tag später ist ein neuer Stromer da, und weil der Schornsteinfeger an diesem Tag viel im innerstädtischen Verkehr unterwegs ist, spielt das Auto seine Vorteile aus, die vor allem in der ruhigen Fahrweise und der flotten Beschleunigung liegen. Am Ende muss Grüttner aber eingestehen, dass er an rund 30 Prozent der Tage den E-Transporter stehen ließ, weil er nicht praktikabel war.

Vier Testphasen: E-Auto, E-Bike, Wasserstoffauto und öffentliche Verkehrsmittel

Als Familienkutsche taugt ein Elektroauto indes auch nur bedingt, wie sich im Test des Reporters Benjamin Braun herausstellt, der ebenfalls die geringe Reichweite bemängelt - und die fehlende Lade-Infrastruktur, die nächtliche Odysseen zu Ladestationen mit sich bringt oder eine Ladedauer im heimischen Stromnetz von bis zu 24 Stunden. Die Alternative Fahrrad, die noch getestet wird, kostet den Reporter ebenfalls den letzten Nerv, gerade mit Kindern. 40 Kilometer einfach zur Arbeit sind zu viel - er gibt auf.

So weit hat es Ulrich Grüttner am ersten Tag mit seinem neuen E-Lastenrad nicht zum ersten Kunden. Nur sechs Kilometer, für die er aber eine halbe Stunde braucht, ganz davon zu schweigen, dass nicht alle Arbeitsutensilien in das Rad passen und er schon bei der Ankunft außer Puste ist. Die Episode mit dem E-Bike als Alternative ist denn auch etwas albern - Diagnose: untauglich. Geradezu begeistert ist der Schornsteinfeger von Phase drei des Experiments, in der er ein mit Wasserstoff betriebenes Gefährt testen soll. Fazit: Flott, gute Reichweite von 400 Kilometern, einfach zu betanken - aber gerade mal 43 Tankstellen in ganz Deutschland, und ein Anschaffungspreis von 65.000 Euro für ein durchschnittliches Auto. "Wenn Sie mir das ein Jahr zur Verfügung stellen würden, dann würde ich das nehmen", sagt Grüttner denn auch als Resümee spitzbübisch zum Reporter. Der hatte zwischenzeitlich noch die öffentlichen Verkehrsmittel als Alternative getestet, und war an der Deutschen Bahn, ihren hohen Fahrpreisen, ihrer Unpünktlichkeit und den vollen Zügen verzweifelt.

Am Ende war, so lustig und unterhaltsam sie Sendung auch war, und allen Bekundungen der Vorteile alternativer Fortbewegungsmittel im Hinblick auf die Umwelt zum Trotz, eines ziemlich klar: Das Auto mit Verbrennungsmotor bleibt vorerst in punkto Praxistauglichkeit, aber auch preislich nur schwer ersetzbar - für Handwerker ist es praktisch unverzichtbar.

Die Sendung vom 29.08 finden Sie in der WDR-Mediathek.

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