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Augenoptiker aus Karlstadt Durchblick garantiert – individuell und nachhaltig

Ludwig Rosenberger, Optikermeister und Brillenbauer ist überzeugt von seinem Handwerk und seiner Mission: selbstgebaute Brillen, individuell abgestimmt auf den Kunden. Wie Brillen in Karlstadt nachhaltig und regional gefertigt werden.

Mittwochnachmittag in Karlstadt, Ludwig Rosenberger steht in seiner Werkstatt. Über der CNC-Fräse in der Ecke des Raumes prangt ein Stihl-Kalender, auf dem eine leicht bekleidete Dame zu sehen ist. "Schlechter Witz, aber so einer muss in die Werkstatt", sagt der Optikermeister und lacht. Der Mann im Karo-Hemd zieht Kopfschützer auf, spannt ein Stück Acetat in die CNC-Fräse und dreht die Schrauben fest. Nach einigen Klicks am Laptop startet die Maschine. Das Maschinenrattern füllt den Raum gepaart mit einem leichten Windstoß: das Schneidewerkzeug beginnt die Brillenform auszufräsen, Späne fliegen durch die Luft. Nach wenigen Minuten ist der Vorgang beendet, der Brillenbauer hält die Grundform der nächsten Brille in den Händen.

Der längliche, schmale Raum besteht aus Werkbank und Werkzeugen: die CNC-Fräse, die ein Drittel der linken Seite füllt, eine Dekupiersäge versteckt unter der Werkbank, eine Bandschleifmaschine, die auf der Arbeitsfläche befestigt ist und zahlreiche Zangen, die an einer Stange hängen. Darunter liegen Brillenfassungen in verschiedenen Farben und Größen. Nur wenige Treppenstufen entfernt befindet sich die Optik, die Rosenberger zusammen mit seiner Frau führt.

Vom Optiker zum Brillenbauer

Das Optikerpaar besitzt zwei Geschäfte in Karlstadt und München. Selbständig gemacht haben sie sich 1992 mit einem Brillenladen in Würzburg. Dort verkauften sie konventionelle Brillen bekannter Hersteller. Der Optikermeister erzählt, dass es immer mal Leerlauf gab: "Da habe ich mir Gedanken gemacht: Brillen selber bauen, selber zeichnen, selber entwerfen". So entstand die Idee Brillenbauer zu werden.

Das Karlstadter Geschäft mit hohen Glasfronten ist ausgestattet mit Holzkommoden, die unterschiedliche Brillenmodelle zeigen. Hinter dem Beratungstisch steht eine alte Werkbank aus Holz, darauf ein rechteckiger, weißer 3D-Drucker. Daneben eine rote Ducati mit Saisonkennzeichen.

Rosenberger erzählt, dass das CAD-Programm eines Freundes der Meilenstein zum Brillenbauen war. Er habe sich das Handwerk autodidaktisch angeeignet und Wissen von überall herangezogen. Nach viel Üben, Entdecken und "learning by doing" entstehe "ein Fundus, aus dem man schöpfen kann".

Der Brillenbauer unterscheide sich in zwei Aspekten von seinen Kollegen, die konventionelle Brillen anbieten: er legt die Wertschöpfungskette frei und bietet individuelle Brillen nach Maß an. "Alle Brillenhersteller – vielleicht auch nur 99% – bieten ihre Gestelle nur in einer Größe an. Für mich ist das gut, für die Branche ist das ein Armutszeugnis. Alle Produkte bekommt man in verschiedenen Größen. Aber die Optiker, die zeigen dem Kunden nur eine Größe." Für ihn ist entscheidend, dass die Passform der Brille zur Anatomie passt. Die Brille wird anschließend individuell auf den Kunden abgestimmt und angefertigt. "Meine Brillen sind ja total frisch. Ich bin derjenige, der die Brillen in meiner Werkstatt macht. Da bin dann am Montag Früh und baue die Teile."

Fokus auf Nachhaltigkeit und Regionalität

Außerdem legt er Wert auf Nachhaltigkeit und Regionalität. "Alle drei Jahre kommt einmal der Laster aus Italien und bringt uns neue Platten, das heißt, der braucht ein bisschen Diesel. Aber dann werden die Brillen hier bei uns in der Werkstatt gefertigt und werden sofort an die Kunden abgegeben. Oder ich nehme sie mit der Bahn mit nach München, angeblichen auch mit Ökostrom. Und setze sie da unseren Kunden auf die Nase. Ohne Schachtel, ohne Umverpackung. Und ohne Paketfahrer. Das mache ich selbst." Der Preis seiner Brillen sei vergleichbar mit dem für Brillen guter Markenware.

Bevor das Brillengrundgerüst aus der CNC-Fräse genommen werden kann, sind einige Arbeitsschritte nötig. Rosenberger geht wenige Treppenstufen hinunter in sein Materiallager. Dort stehen verschiedene Platten in einer Vorrichtung, die meisten über einen Meter lang. Eine davon nimmt er mit in die Werkstatt. Nachdem er die entsprechende Größe angezeichnet hat, holt er unter der Werkbank eine elektronische Laubsäge hervor, kniet sich auf den Boden und schneidet das Material zu. Er öffnet das CAD-Programm an seinem Laptop, in dem die Brillenform bereits zu erkennen ist. Mit wenigen Klicks exportiert er den Datensatz der Hornbrille. Dieser wird an die Frässoftware weitergeleitet.

Der Optiker streicht über die Kanten der Brillengrundform. Er spannt sie in ein Gestell, das an die Vermessungsbrille beim Optiker erinnert. An dem Regal über dem Gestell hängt ein vergilbtes Polaroid, auf dem eine Fußballmannschaft zu sehen ist. Jetzt beginnt er mit einer kleinen Handfräse das Nasenbett zu bearbeiten, um die Kanten zu glätten. In den folgenden Arbeitsschritten wird die Glasnut hergestellt, dort werden später die Brillengläser eingesetzt. "Hier wird richtig gekröpft", sagt Rosenberger und holt ein gelbe Heißluftpistole, mit der er 240 Grad heiße Luft auf die Stelle zwischen den beiden Gläsern bläst. Er spannt die Brille in eine Prägevorrichtung, die an einen vertikalen Schraubstock erinnert. Der Hebel wird heruntergedrückt und die Kröpfung ist zu sehen.

Neben der Werkstatttür ist eine Bandschleifmaschine auf der Werkbank befestigt. Rosenberger sitzt auf einem Drehstuhl vor der Schleifmaschine. Er schaltet die Maschine an. Es wird laut, als er das Brillengestell über die rotierenden Bandschleifbänder zieht. "Die Brille gewinnt immer mehr an Gestaltung", so der Optiker, dessen Hände mit Spänen besprenkelt sind.

Rosenberger und seine Frau hatten bis vor etwa vier Jahren noch konventionelle Brillen. Nachdem diese verkauft waren, gab es nur noch die Eigenmarke "rosenberger". "Wir wollten einen Laden haben nur mit meinen Brillen. Die Brillen sind gut, die sind tragbar. Die Story ist gut." Das Paar eröffnete ihre Brillenmanufaktur in München, die von Donnerstag bis Samstag geöffnet ist. Die Optiker sind nie zeitgleich da, sie wechseln sich von Woche zu Woche ab. "Jeder ist zehn Tage auf dem Land und dann wieder drei Tage in der Stadt. Das ist total spannend und bereichernd."

Der Optiker erklärt, dass weitere Schritte notwendig sind, bis die Brille fertig ist. Die Brillenbauteile wandern einige Stunden in eine Trommel mit Korundsteinen, wodurch ein gleichmäßiges Finish entsteht. Dann wird per Hand mit Schmirgelpapier geschliffen. Nachdem er den Bügel angebracht hat wird "beigeschliffen", um saubere Übergänge zu erhalten. Es folgt die Feuertaufe: Der Kunde kommt, um sich die Brille anzusehen. Ein gewisser Unsicherheitsfaktor sei vorhanden, da die Brille individuell auf den Kunden abgestimmt ist und es sie in dieser Form noch nicht gab. "Damit will ich dem Kunden die Angst nehmen", so Rosenberger. Danach kann er, wenn nötig Anpassungen vornehmen. Erst nach dem Besuch werden die Augen vermessen, die Gläser bestellt und letztendlich eingesetzt. Jetzt kann der Kunde seine für ihn entworfene Brille erhalten.

Eröffnung Brillenbauschule

2012 eröffnete Rosenberger eine Brillenbauschule, um sich ein weiteres Standbein aufzubauen und sein erlangtes Fachwissen an Kollegen weiterzugeben. Mehrmals im Jahr kommt ein Schüler zu ihm und erlernt in einer Woche das Handwerk. "Das sind meistens gestandene Optikermeister, die nochmal was schaffen wollen". Der Brillenbauer wünscht sich junge Leute, die direkt nach der Meisterschule kommen und sich selbständig machen wollen. Durch die Fähigkeit des Brillenbauens bekommen sie eine Möglichkeit sich zu profilieren, so Rosenberger.

Der Optiker geht in den Verkaufsraum. Hinter der alten Werkbank steht eine Graviermaschine, wie man sie beim Juwelier findet. Die matt lackierte Maschine mit Retroflair erinnert an vergangene Zeiten. Rosenberger spannt einen Brillenbügel ein und führt die Nadel über den Bügel. Als er die Maschine einschaltet, beginnt die Nadel mit hoher Geschwindigkeit und regelmäßigem Klacken feine Ziffern in den Bügel zu gravieren. Nach wenigen Augenblicken ist das selbstgestaltete Logo "rosenberger" zu erkennen. Der Brillenbauer ist zufrieden mit seiner Arbeit: "Es ist ein schönes Handwerk, ein stimmiges Produkt, ein überschaubarer Aufwand und man kommt voran."

Dieser Beitrag ist im Rahmen eines Reportage-Projekts des Master-Studiengangs Fachjournalismus und Unternehmenskommunikation an der Fachhochschule Würzburg-Schweinfurt entstanden. Kooperationspartner waren die Handwerkskammer für Unterfranken und die Deutsche Handwerks Zeitung.

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