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TV-Kritik "Könnes kämpft" über Rohrreinigungs- und Schlüsseldienste Dubiose Notdienst-Netzwerke verdrängen seriöse Handwerksbetriebe

Der Abfluss ist verstopft, die Tür ins Schloss gefallen – und jetzt? Auf keinen Fall wild googeln und die Nummer des erstbesten Notdienstes anrufen, denn dabei kann es sich um unseriöse Firmen handeln, die regelrechte betrügerische Netzwerke aufgebaut haben. Die WDR-Sendung "Könnes kämpft" traf Opfer solcher Praktiken, sprach mit Experten, stellte den Betrügern eine Falle – und deckte die Machenschaften einer dubiosen Vermittlungsfirma auf.

Das Vorgehen ist immer dasselbe. Der Abfluss-Notdienst kommt nach dem Anruf innerhalb von etwa eine Stunde und will erst einmal eine Blanko-Unterschrift auf der späteren Rechnung, da er ansonsten nicht loslegen könne. Danach löst er im besten Fall die Verstopfung, manchmal auch nicht – kassiert in jedem Fall aber ordentlich ab, Hunderte bis Tausende Euro. WDR-Reporter Dieter Könnes begann seine Reportage über die betrügerischen Maschen mancher Notdienste mit Geschichten von deren Opfern. Einer Frau, hochschwanger und in Panik, weil das Abwasser schon in der Badewanne stand, wurden rund 1800 Euro für eine einfache Rohrreinigung abgeknöpft, eine andere zahlte sogar knapp 2800 Euro. Grund genug zu fragen, was eigentlich dahinter steckt – es ist ein System, das auf Abzocke spezialisiert ist.

Alle Opfer hatten die Rohrreinigungsfirmen über einen bei Google prominent ganz oben in der Trefferliste platzierten Link gefunden, rohrexperte24.de. Wie sich herausstellt, steckt dahinter jedoch lediglich eine Firma, die Handwerker an Kunden vermittelt, sie nennt sich NVD GmbH. An den Mondpreisen, die für einfache Rohrreinigungstätigkeiten aufgerufen werden, kassiert die Firma natürlich kräftig mit - die Rede ist von Anteilen von rund 50 Prozent. Klar, dass an der Geschäftsadresse niemand für Könnes auffindbar ist.

Abrechnen ohne Arbeitsbericht und Rechnung

Doch auch auf den Rechnungen der vermittelten Firmen, die schließlich bei den geprellten Kunden auftauchten, stehen jeweils auch Kontaktdaten. Könnes macht sich deshalb auf den Weg zu den verschiedenen Firmen, und findet heraus, dass es sich bei den Adressen eher um Mehrfamilienhäuser als um Firmensitze handelt, die noch dazu alle in Mühlheim an der Ruhr in nur geringer Entfernung voneinander stehen, obwohl die Firmen angeblich bundesweit agieren. Und: Die Geschäftsführer der verschiedenen Firmen scheinen sich auch noch zu kennen. Seriös geht anders, und so will der Reporter den Machenschaften auf die Schliche kommen.

Was folgt, ist der übliche Test mit versteckter Kamera. Und tatsächlich, so wird die Masche der vermeintlichen Handwerker deutlich, die vor allem davon lebt, die Notlage der Menschen auszunutzen. Nach der üblichen Blanko-Unterschrift unter die spätere Rechnung verlangt einer für den Einsatz einer handelsüblichen Druckpumpe für die verstopfte Toilette ganze 201 Euro - bar, gerne auch EC. Das Fazit des hinzugezogenen Experten Dennis Meisen, Installateur-Meister und vereidigter Gutachter der Handwerkskammer Aachen: "Das direkte Abrechnen setzt den Kunden unter Druck, normal wäre es, einen Arbeitsbericht zu schreiben und dann eine Rechnung zu schicken." Und ein Anwalt, den Könnes befragt, spricht davon, dass für ein solches Vorgehen neben dem Straftatbestand des Wuchers auch die des Betrugs oder, falls sich etwa kräftige Männer drohend vor einer Frau aufbauen, der Nötigung in Betracht kommen könnten.

Unseriöse Firmen oft ganz vorne im Google-Ranking

So ganz normal ist im Notfall-Geschäft offenbar leider nicht alles, und auch bei den Schlüsseldiensten gibt es schwarze Schafe. Darauf kommt Könnes durch eine Verbraucherschützerin, die ihm empfiehlt, auch da mal genauer hinzusehen. Also wieder versteckte Kamera, das Szenario: Die Tür ist einfach ins Schloss gefallen, nicht abgesperrt - keine große Sache. Besonders aufschlussreich wird es, als der Reporter einen vermeintlichen Handwerker konfrontiert, der ordentlich kassieren wollte und - dabei ertappt – bereitwillig Auskunft gibt. Er stellt sich als Ungelernter heraus, der zuvor als Pizzabote gearbeitet hat. Ihm scheint seine Tätigkeit doch ein schlechtes Gewissen zu machen. Denn nicht nur die Opfer werden um ihr hart verdientes Geld geprellt, sondern, wie Schlüsseldienst-Experte Uwe Sarfeld aus Essen sagt, auch die seriösen Handwerksbetriebe hätten durch die Vermittlungs-Hotlines kaum noch Chancen auf dem Markt.

Weil sich diese Firmen bei Google ein hohes Ranking, also einen Platz weit oben in den Trefferlisten kaufen, stehen sie in der Regel über den regionalen Handwerkern, die Notdienste zu seriösen Konditionen anbieten. Die Redaktion von "Könnes kämpft" erstellt ebenfalls binnen zwei Stunden eine Website für einen fiktiven Rohrreinigungsservice und kauft sich für 50 Euro an die Spitze der Google-Auflistung. Wenig Geld, wenn dann Rechnungen im vierstelligen Bereich rausspringen.

Besser auf gute Handwerker vor Ort setzen

Rein finanziell gehen die zwei "Handwerker" in dem kuriosesten der getesteten Fälle zwar nicht so weit. Doch dafür führen sie eine filmreife Show auf, obwohl sie nicht wissen, dass sie mit der Kamera beobachtet werden. Sie holen die Klopapierrolle, die für die Verstopfung in den Abfluss gesteckt wurde, zügig heraus - und schmeißen dann die Maschine an, die die Spirale in den Abfluss dreht, leider ohne angeschlossene Feder. Das macht ordentlich Lärm, mehr aber nicht. "Ey geil, das ist voll die Verarsche", entfährt es dem verblüfften Experten Dennis Meisen. So etwas habe er noch nicht gesehen. Danach sprechen die beiden dem eingesetzten Lockvogel gegenüber davon, sie hätten "richtig tief spülen" gemusst – der reine Witz. Als Könnes die beiden vermeintlichen Handwerker konfrontieren will, geben diese Fersengeld und fahren mit quietschenden Reifen davon. Schließlich kommt die Polizei und nimmt eine Anzeige auf.

Am Ende der kurzweiligen Sendung sind zwar die Machenschaften der beteiligten Firmen nicht beendet, aber Ermittlungen laufen und ein Warnschuss dürfte das für die vermeintlichen Handwerker auch gewesen sein. Am wichtigsten ist jedoch der Rat, den Könnes den Zuschauern noch mit auf den Weg gibt und der zur Vorsicht vor gekauften Google-Treffern mahnt. "Suchen Sie sich die Nummer eines guten Handwerkers vor Ort, speichern sie sie und teilen sie sie mit ihren Freunden." Klingt sinnvoll, und zwar nicht nur im Notdienst-Bereich.

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