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Drucker mit Copyt(r)ick

Mit UV-Technik und einem speziellen Sicherheitspapier hat die Druckerei Herrmann ihre Position auf einem schwierigen Markt gefestigt

Sonnenbühl ist oft der kälteste Ort Deutschlands. Zumindest wenn es nach Jörg Kachelmann geht. Der Wettergott der ARD hat hier eine Wetterstation aufgestellt und immer, wenn die Laufschrift am unteren Bildrand die Wettervorhersage des Ersten begleitet, punktet das Dorf auf der Schwäbischen Alb regelmäßig mit Tiefstwerten auf der Skala. „Da isch es halt noch einen Kittel kälter“, sagt Helmut Herrmann auf gut Schwäbisch. Der Schriftsetzermeister, der hier 60 Kilometer südlich von Stuttgart eine Druckerei betreibt, weiß, dass er sich mit seinem Betrieb in der Provinz befindet und das 6.000-Seelen-Dorf höchstens unter Kachelmann-Fans bekannt ist. Doch für ihn als Anbieter von Drucksachen spielt es in einer globalisierten Welt mit EDV-gestützter Datenweitergabe eh keine Rolle mehr, wo sein Betrieb steht.

Ausweg Spezialisierung

Herrmann hat sein Unternehmen auf zwei Standbeine gestellt, die ihm langfristig das Überleben sichern sollen, auf einem Markt, der mehr und mehr von Billiganbietern besetzt wird. So genannte Internetdruckereien bieten ihre Drucksachen in kaum unterscheidbarer Qualität zu absoluten Tiefstpreisen an. Da, wo jeder handelsübliche Laserdrucker kleine Druckmengen für zum Beispiel Briefpapiere genauso brauchbar auswirft, kann er mit einem kleinen Druckereibetrieb bei solchen konventionellen Drucksachen preislich längst nicht mehr mithalten. Ein Ausweg ist die Spezialisierung. „Wir müssen Angebote entwickeln, die unsere Konkurrenz so nicht produzieren kann“, sagt Herrmann. Und so tüftelte der 55-Jährige mit seinen Mitarbeitern vor vier Jahren an einer Erfindung, die ihm im vergangenen Jahr den Innovationspreis des Württembergischen Genossenschaftsverbandes einbrachte: Ein Sicherheitspapier, das die Kopie eines Dokuments automatisch als solche kennzeichnet.

Hintergrund waren Papiere mit individuellen Wasserzeichen, die Herrmann als eine von ganz wenigen Druckereien in Deutschland schon länger herstellt. Auch die Wasserzeichen schützten schon das Original, weil Sie ja nicht nachgemacht werden können. Wenn aber die Empfänger nicht wissen, dass der Aussteller ein Wasserzeichen hinterlegt hat, wird dieses auf der Kopie ja auch nicht vermisst. Immer öfter sei an ihn der Wunsch herangetragen worden, die Kopien irgendwie zu kennzeichnen, ohne dass potenzielle Betrüger den Schutz umgehen können. Anfangs hielt man das für unmöglich. „Wir haben lange mit der Aussage gelebt, dass es das nicht gibt“, sagt Herrmann. Schließlich lässt sich nicht irgendwas auf die Kopie übertragen, was auf dem Original nicht sichbar war. Oder doch? Der Trick war, kopierbare Elemente mit nicht kopierbaren zu kombinieren. Das Wasserzeichen ist nicht kopierbar und macht das Original als solches identifizierbar. Kopierbar dagegen ist ein fast unsichtbarer Schriftzug auf dem Dokument, der auf der Kopie deutlich verstärkt und damit lesbar wird. „Copy“ steht dort geschrieben, auf Wunsch auch „Illegal Copy“. Der an jener Stelle etwas stärker gerasterte Schriftzug wird wegen des Kontrasts vom Kopierer falsch übertragen und als lesbare Schrift wiedergegeben.

Ein Dreivierteljahr hat der Chef mit seinen Mitarbeitern getüftelt, bis er zufrieden war. „Am Ende war ich sogar positiv überrascht von dem Ergebnis“, gibt Herrmann zu. Die Juroren vom VR-Innovationspreis offensichtlich auch. Eine Chance auf den Innovationspreis hatte er sich gar nicht ausgerechnet. Eigentlich war nicht mal eine Beteiligung geplant. Doch der Vorstand seiner Volksbank hatte ihn aufgefordert, teilzunehmen. Es könne schließlich nicht sein, dass er fortlaufend Innovationspreise bei der Konkurrenz gewinne zwei erste Preise beim Kreiswettbewerb der Sparkasse standen bereits in der Vitrine und sich beim eigenen Wettbewerb vornehm zurückhalte. Prompt setzte er sich als bester Handwerker durch. Die 15.000 Euro Preisgeld hat der Schriftsetzermeister in Schutzrechte und die europäische Patentanmeldung investiert.

Als Vater Karl Herrmann den Betrieb 1956 als Buchdruckerei gründete, hat er an Auszeichnungen noch nicht gedacht. Damals war noch Platz für den Ein-Mann-Betrieb im eigenen Wohnhaus. Nach der Lehre als Schriftsetzer trat Helmut Herrmann 1974 in den elterlichen Betrieb mit ein. Im Angebot waren hauptsächlich Formulardruck, Rechnungsblocks und Ähnliches. Das Geschäft florierte, neue Technik wie Fotosatz, Offset, direkte Plattenbelichtung wurde angeschafft und eines Tages war so viel Arbeit da, dass ein Drucker und ein Auszubildender eingestellt werden konnten. Die Druckerei verkaufte viele Werbedrucksachen, Bedienungsanleitungen und auch immer mehr Bilder. Anfang der 90er Jahre platzte der Betrieb im elterlichen Haus aus allen Nähten und die Firma zog auf die grüne Wiese. Gleichzeitig mit der Expansion wurde der Markt für Druckerzeugnisse stetig enger, so dass Herrmann zu Beginn des neuen Jahrtausends auf eine deutlichere Spezialisierung setzte.

Der Bundesverband Druck und Medien (BVDM) bestätigt, dass mit dem „Druck von der Stange“ nur schwer Geld zu verdienen ist. „Es zählt die enge Beziehung zu den Kunden“, sagt Gaby Schermuly-Wunderlich vom BVDM. Druckereien sollten ein spezialisiertes, eng auf den Kunden ausgerichtetes Angebot entwickeln. Im harten Preiskampf könnten die Betriebe nur schwer mithalten. Diese Erkenntnis habe sich in der Wirtschaftskrise bestätigt. Hochtechnisierte und innovative Betriebe hätten sich am erfolgreichsten behauptet.

Tüftelei statt Preiskampf

Herrmann stellte das Unternehmen deswegen auf ein zweites Standbein: den UV-Druck. Anlass war auch hier ein Kundenwunsch. Ein Kunde brauchte Marken für Mülltonnen. Für diese Art von Druckmedien ist das spezielle Verfahren des UV-Drucks nötig, bei dem die Farben mit Hilfe von UV-Licht gehärtet werden. Grund für das außergewöhnliche Trocknungsverfahren ist das Druckmedium. Auf Papier zieht die Farbe quasi ins Medium ein. Auf Folien oder anderen Kunststoffen funktioniert diese Art der Trocknung nicht. Es würde Tage dauern, bis die Farbe getrocknet ist. In enger Zusammenarbeit mit der Firma Heidelberger Druckmaschinen war Herrmann Vorreiter in der Entwicklung dieser Art von Maschinen. In Deutschland sei er fast der Einzige, der dieses Verfahren im 52er-Druckformat anwende, wobei sich die Anzahl der UV-Druckereien eh im einstelligen Prozentbereich bewege. Im Sommer 2006 wurde eine Neuentwicklung einer nochmals verbesserten UV-Maschine der Firma Heidelberger in Sonnenbühl installiert - als Erste dieser Art in Deutschland. Inzwischen verdient Herrmann mehr als 50 Prozent der Umsätze mit diesem Geschäftszweig.

Der Austauschbarkeit von Druckangeboten und dem Preiskampf unter Druckereien setzt Herrmann seine Tüfteleien entgegen. Doch die Sicherung des Betriebs fordert den ganzen Mann. Zwölf-Stunden-Tage an sechs Tagen in der Woche ist Helmut Herrmann für sein Unternehmen da. Nur sonntags gönnt sich der fleißige Schwabe einen Ruhetag, dafür einen absoluten. Dann lässt er die Seele baumeln oder bringt mit dem Posaunenchor älteren Leuten ein Ständchen. Auch wenn er dafür manchmal einen Kittel mehr anziehen muss.

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