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6 Expertentipps gegen Langfinger Diebstahl im Betrieb: Wenn der Mitarbeiter zum Dieb wird

Nichts ist enttäuschender für einen Arbeitgeber, als wenn seine Mitarbeiter ihn bestehlen. Doch selbst das Risiko einer fristlosen Kündigung wirkt auf Diebe nicht immer abschreckend. Was kann man tun, um sich vor Mitarbeitern mit langen Fingern zu schützen.

1. Tipp: Mehr Menschlichkeit

" Mehr Menschlichkeit würde die Kriminalitätsrate deutlich senken", sagt Raoul Oliver Classen. Seit mehr als 20 Jahren ist der 51-Jährige mit eigener Detektei als Privatermittler weltweit im Einsatz. "Wo schon Personalakten nicht sauber geführt werden, fehlt es auch an der Wertschätzung für den einzelnen Mitarbeiter", sagt der Profi. Genau in solchen Unternehmen stellt er eine größere Tendenz zu Diebstahldelikten fest. Der ehemalige Nato-Mitarbeiter im Bereich der Spionageabwehr kann aus Erfahrung sagen, dass wenn Mitarbeiter Wertschätzung und eine angemessene Bezahlung bekommen, die Hemmschwelle zum Stehlen am eigenen Arbeitsplatz deutlich höher ist.

2. Tipp: Videokameras wirken

Vor allem in Lagern könne schnell viel Ware abgegriffen werden, wenn die Täter geplant und mit Kalkül vorgehen. Eine Videokamera, egal ob an oder aus, habe oftmals bereits eine abschreckende Wirkung, denn Gelegenheit schafft Diebe. Neben technischen Maßnahmen wie Kameras oder Zugangskontrollsystemen empfiehlt Classen schon bei der Personalauswahl achtsam zu sein: "Nehmen Sie sich Zeit, Lebensläufe auf deren Richtigkeit hin zu überprüfen."

3. Tipp: Bewerbung genau lesen

Eine Analyse der Detektei Kocks, die auf den Check von Stellenbewerbern bei Führungskräften spezialisiert ist, ergab, dass rund 70 Prozent derjenigen, die später Straftaten im Betrieb begingen, bereits bei der Bewerbung falsche Angaben gemacht hatten. Andere Untersuchungen ergaben, dass die unauffälligsten Mitarbeiter, die bereits morgens früh da sind und abends oft die Letzten sind, besonders häufig Besitz des Arbeitgebers entwenden.

Sicherheitsstandards sind laut dem Privatermittler, im EU-Ausland deutlich höher als in Deutschland. Hierzulande beziehen sich diese nur auf die PC-Sicherheit, Stichwort Passwort oder Firewall. In allen anderen Bereichen hinke die Republik hinterher und mache es damit potentiellen Tätern leicht. Andererseits sei ein Klima des Vertrauens wichtig für das Betriebsklima. Dazu gehört aber auch Offenheit.

4. Tipp: Klare Regeln definieren

Der Schorndorfer Teamentwickler und Gestalttherapeut Leonhard Fromm kennt Fälle, in denen selbst wertvolle Schlagbohrmaschinen aus einem Betrieb verschwanden, nachdem der Chef gestorben war und die Mitarbeiter meinten, die Chefin sei nicht stark genug. In ihrer Hilflosigkeit wandte sie sich an Fromm. Der 55-Jährige ermutigte sie, sehr zeitnah eine Betriebsversammlung in der Werkstatt abzuhalten, bei der das Team vollzählig im Kreis stand. Die Stimmung war angespannt als die Chefin den Diebstahl ansprach und den Täter aufforderte, bis zum nächsten Tag das Gerät zurückzugeben oder sich gleich vor Ort zu bekennen.

"Ich habe die Unternehmerin eingeladen, in die Offensive zu gehen, um klar zu machen, wer Chef ist im Ring und das Team einzuschwören auf Loyalität", begründet der Teamentwickler den Schritt. Tags darauf war das Gerät tatsächlich wieder da. In anderen Fällen äußerten Mitarbeiter Vermutungen, nachdem sie aktiv aufgefordert waren, zur Aufklärung etwas beizutragen. Fromm: "Wertschätzung und Vertrauen sind das eine. Der Chef muss aber auch Handlungsstärke demonstrieren." Das sei oft mühsam, wirke aber dauerhaft in das Team hinein, um eine loyalere Haltung zu erzeugen, die es auch im Umgang mit Fehlern oder Reklamationen brauche. "Gleichgültigkeit ist da tödlich", sagt Fromm.

5. Tipp: Schließfächer schützen

Ex-Staatsanwalt Patrick Klinkhammer rät Unternehmern zu Schließfächern für die Mitarbeiter, um die Besitzverhältnisse klarer zu definieren. Der 35-jährige Arbeitsrechtler, der zur Kanzlei RPO in Köln gewechselt hat, empfiehlt: Alle Maßnahmen auf ihre Verhältnismäßigkeit hin prüfen und Regeln im Team vereinbaren, wie, wann, wo und von wem kontrolliert werden darf. In größeren Betrieben sei der Betriebsrat dieser Abstimmungspartner. Denn allein schon das Gespräch darüber sensibilisiere alle Beteiligten.

Dass jeder noch so kleine Diebstahl zur fristlosen Kündigung führen kann, wenn der Arbeitgeber keine Formfehler begeht, darauf weist Klinkhammer auch hin. Deshalb sein Rat an Arbeitgeber: "Schalten Sie so früh wie möglich einen Anwalt ein, um Fehler zu vermeiden." Sonst treffe man sich rasch mit dem Mitarbeiter vor dem Arbeitsgericht wegen eines Kündigungsschutzverfahrens, das teuer werden könne, weil dann der Arbeitgeber die Beweislast trägt.

6. Tipp: Alle Fälle aufklären

Ob man auf den Mitarbeiter-Diebstahl mit fristloser Kündigung, Anzeige oder Abmahnung reagiert, muss im Einzelfall entschieden werden. Jedoch raten die Experten, alle Fälle aufzuklären, um das Betriebsklima und die ehrlichen Mitarbeiter zu schützen.

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