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Die 68er: Lehrlingsproteste Die vergessene Revolte der Lehrlinge

Im Jahr 1968 gingen nicht nur Studenten auf die Straße, sondern auch Auszubildende. Sie demonstrierten gegen eine Ausnutzung als billige Arbeitskraft. Die "Lehrlingsbewegung" veränderte die Ausbildung in Deutschland.

Die Funktionäre zeigten sich fassungslos, was in die fleißigen deutschen Lehrlinge gefahren sei. Zeitungen schrieben verblüfft von einem "Aufstand der Lehrlinge". Was war geschehen zwischen 1968 und 1969? Die Auszubildenden hatten es satt, ihren Betrieben als billige Arbeitskräfte zu dienen. Sie waren es leid, für die Altgesellen Bier zu holen und vom Meister für lange Haare und Jeans gerüffelt zu werden.

Konkrete Veränderungen standen im Vordergrund

Im Mai 1968 – vor 50 Jahren – gingen überall im Land empörte Studenten auf die Straße. Der Protest sprang von den Universitäten auf die Betriebe über. Zeitverzögert entstand eine Lehrlingsbewegung, die zwar weniger Schlagzeilen schrieb, dafür aber die Ausbildung in Deutschlands Betrieben für immer veränderte.

Als Auftakt der Lehrlingsbewegung gilt der 25. September 1968: Damals störten unzufriedene Auszubildende die Freisprechungsfeier der Handelskammer in Hamburg. Doch in den Fabriken und Werkstätten ging es nicht um den Vietnamkrieg, den Schah von Persien oder den Marxismus. "Kapitalismuskritik spielte eine Rolle, aber im Vordergrund stand das Bemühen um konkrete Veränderungen, um eine bessere Ausbildung", sagt David Templin, der sich als einer von wenigen Historikern mit der Lehrlingsbewegung befasst hat.

Kopfnüsse, Privatarbeiten und veraltete Lehrpläne

In vielen Handwerksbetrieben herrschte Ende der 1960er-Jahre die strenge Hand. Meister verstanden die Lehre als "Erziehungsverhältnis mit arbeitsrechtlichem Einschlag". Auszubildende sollten zu Fleiß, Tüchtigkeit, Ehrlichkeit und bürgerlichen Tugenden erzogen werden. In etlichen Betrieben gab es keine geregelte Ausbildung, Lehrpläne waren veraltet. "Es gab Klagen über Ausbeutung und patriarchalische Strukturen, entwürdigende Behandlung und Gewalt", sagt David Templin. "Das mögen zum Teil Überzeichnungen gewesen sein, aber die Lehrlinge haben sich das sicher nicht ausgedacht."

Fabrikhallen fegen, Kopfnüsse kassieren, Privatarbeiten für den Ausbilder verrichten: Das wollten sich die jungen Leute Ende der 1960er-Jahre nicht mehr bieten lassen. Lehrlinge, die im Alter zwischen 14 und 16 Jahren eine Ausbildung begannen, waren ebenso wie ihre Altersgenossen an den Universitäten beeinflusst von der neu entstandenen Jugendkultur. Viele trugen die Haare länger, hörten Rockmusik, kifften und begehrten gegen Autoritäten auf.

Demokratisierung der Arbeitswelt als Ziel

Vor allem Unternehmer wurden zum Feindbild, wie Lehrlingszeitungen einiger Industriebetriebe dokumentieren. Chefs wurden in Karikaturen oft dick und kahlköpfig dargestellt, die als mangelhaft empfundene Ausbildung wurde dem "Profitstreben" der Unternehmen zugeschrieben. Von den Studenten übernahmen die rebellierenden Azubis das Schlagwort vom Betrieb als "Untertanenfabrik". Es ging den Aufrührern also auch um die Demokratisierung der Arbeitswelt.

Radikalisierung? Nein. Veränderung? Ja, bitte.

Handwerksvertreter beobachteten die Proteste der Lehrlinge mit Sorge. So hieß es zum Jahreswechsel 1968/1969 in der Bayerischen Handwerks Zeitung, der Vorläuferin der Deutschen Handwerks Zeitung: "Wir haben auch erlebt, daß manche erstrebenswerten und berechtigten Erneuerungswünsche in unserer Gesellschaft allzu schnell in gewalttätigen Radikalismus und Anarchismus ohne festes Ziel außer dem der Zerstörung aller Werte umschlagen können." Wenige Monate zuvor hatte der bayerische Handwerkspräsident Hermann Würth die Jugend aufgerufen, "auf dem bisherigen Weg der friedlichen und konstruktiven Leistungsbereitschaft weiterzugehen und sich nicht von staatsgefährdenden Elementen mißbrauchen zu lassen", hieß es in der Handwerks Zeitung.

Doch die Arbeitnehmer beließen es nicht bei Appellen. Lehrpläne wurden modernisiert, gröbste Ungerechtigkeiten in den Betrieben abgestellt. Viele Ausbilder verzichteten fortan auf autoritäre Führung. Die zuvor untätigen Gewerkschaften nahmen sich nun auch der Probleme der Lehrlinge an. Die SPD-geführte Bundesregierung versuchte sich an der Reform der beruflichen Bildung.

Anfang der 1970er-Jahre zerfiel die Studentenbewegung. Splittergruppen drifteten nach links, doch mit Extrempositionen wussten Lehrlinge und junge Gesellen nichts anzufangen, wurden sie doch schon von Zeitgenossen als "brave Aufsässige und unpolitische Kritiker" charakterisiert. Nachdem die schlimmsten Missstände behoben worden waren, ebbte die Lehrlingsbewegung schließlich ab. Das "Hamburger Abendblatt" stellte fest: "Sie wollen gar nicht, daß ‚Lehrjahre‘ zu ‚Herrenjahren‘ werden. Sie wollen lediglich, daß Lehrjahre tatsächlich Lehrjahre sind."

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