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TV-Kritik: ZDF-Reportage - Dauerbaustelle Handwerk Die Probleme des Handwerks aus ganz ungewöhnlicher Perspektive

Ästhetische Bilder zu einem ernsten Thema. Das ZDF befasste sich in einer inhaltlich wie optisch gelungenen Reportage mit den Problemen der Handwerksbranche. Der Film "Dauerbaustelle Handwerk" griff dabei auch Gewerke und Sachverhalte auf, die man rund um die eigentlich bekannten Themen Nachwuchssorgen und Fachkräftemangel nicht so häufig im Fernsehen präsentiert bekommt.

Manchmal sind es nicht die vermeintlich gesättigten jungen Leute, die Vorbehalte gegen harte Arbeit haben, oder die schlecht ausgebildeten Schulabgänger. Nein, auch das Schicksal kann seinen Teil dazu beitragen, dass traditionelle Handwerksbetrieben zugrunde gehen.

So geschehen bei Schmiedemeister Raymund Kempf im brandenburgischen Teltow. Eigentlich hatte sein jüngerer Sohn den Betrieb bereits übernommen, in bester Handwerkstradition, es gab einige Mitarbeiter, die Schmiede lief noch besser als unter dem Vater zuvor. Doch ein tödlicher Unfall des Sohns machte alle weiteren Pläne zunichte.

Raymund Kempf stieg nach einer Trauerzeit wieder in den Betrieb ein, doch heute führt niemand die Schmiede, nur gelegentlich noch wird der Ofen angeschürt. "Es war alles ganz, ganz anders gedacht", sagt Kempf in die Kamera, kämpft mit den Tränen und fasst sich sofort wieder: "Wir müssen uns mit der Wirklichkeit abfinden. Das Schicksal lenkt von außen. Nicht wir, sondern wir werden gelenkt."

Das ging durchaus an die Nieren und war ein emotionaler Höhepunkt der ZDF-Reportage "Dauerbaustelle Handwerk - Fachleute dringend gesucht".

Andere Problemlage in der Kfz-Werkstatt

Doch die ZDF-Autoren schafften es gekonnt, nicht nur die Gefühlswelt des Zuschauers zu erreichen, sondern auch mit harten Fakten, Zusammenhängen und den Realitäten in den verschiedenen Gewerken zu punkten.

Der bildliche und musikalische Übergang vom emotionalen Part in der Werkstatt des Schmieds hin zur Kfz-Werkstatt von Sitgi Özdemir im hessischen Oberursel etwa war ein zwar unscheinbares, aber dafür umso gelungeneres Beispiel, wie ästhetische Bilder und stimmungsvolle Musik, wenn sie mit Köpfchen und nicht brachial eingesetzt werden, eine TV-Reportage aufwerten, gliedern und die unterschiedlichen Themenbereiche verbinden können.

Die Probleme in Özdemirs Werkstatt waren denn auch ganz andere als in der Schmiede. Aufträge ohne Ende, aber zu wenige Fachleute und keine Bewerbungen auf offene Stellen – obwohl der Job nach Auskunft eines Gesellen durchaus auch bei den Frauen ankommt, denn "man kommt halt schnell ins Gespräch" und könne dann schon mal einen Kaffee miteinander trinken gehen.

Chef Özdemir sieht die Dinge indes in einem größeren Zusammenhang: "Jetzt geht es noch, aber wenn ich keinen Nachwuchs mehr habe, dann kann ich keine Aufträge mehr annehmen und muss irgendwann zuschließen." Ihm tue es weh zu sehen, dass die jungen Leute keine Lust aufs Handwerk hätten.

Um dem entgegenzuwirken, stellte Özdemir in Zusammenarbeit mit der örtlichen Diakonie einen Flüchtling aus Afghanistan als Azubi ein und einen Gesellen aus Syrien. Er sei gerade am Anfang sehr ängstlich und unsicher gewesen, sagt Özdemir über seinen Lehrling. Aber mit der Zeit sei er aufgeblüht, auch weil Özdemir ihn richtig anpackte: "Streng muss man sein, aber auch menschlich und als Beschützer dastehen", sagt der Meister und resümiert: "Es hat sich gelohnt."

Und doch gibt es Probleme, denn weil der Azubi nur geduldet ist, schwebt das Damoklesschwert der Abschiebung über ihm. Die Zeit wird zeigen, was passiert.

Die Dachdeckermeisterin steht ständig unter Druck – und ist unverzichtbar

Zeit ist auch eine Sache, mit der Caroline Pauls umgehen muss. Die Dachdeckermeisterin in Berlin kommt aufgrund der schlechten Lage auf dem Arbeitsmarkt und den zahlreichen Aufträgen oft nicht mit der Arbeit hinterher. Vom ZDF-Team wurde sie auf dem Dach einer Berliner Villa begleitet, auf dem sie maximal mit noch einem Mitarbeiter unterwegs ist – es findet sich einfach niemand.

Seit einem Jahr sind die Arbeiten in Berlin schon im Gange, der Bauherr und der Architekt machen langsam aber sicher Druck, kein Arbeitstag dauert unter zwölf bis 13 Stunden - und dann gebe es oft Beschwerden über Arbeitslärm und -tempo. "Klar nervt das", sagt Pauls. Und dann seien da immer noch die Leute, die sagen, Frauen hätten im Handwerk nichts zu suchen. "Wenn ein Mann frei hat, dann hat er wirklich frei, wenn eine Frau frei hat, macht sie den Haushalt."

Sie selbst geht allerdings dann lieber ihrem Hobby Motocross nach, das sei entspannend nach der Arbeit, doch aufgrund eines Unfalls mit dem Motorrad war sie zuletzt sechs Monate auf dem Dach ausgefallen. Auch das skizzierte einen Aspekt des Handwerker- und Selbstständigenlebens: die Probleme, die gerade in kleinen und kleinsten Betrieben auftauchen, wenn es den Chef oder die Chefin einmal gesundheitlich erwischt. Mit viel Verzögerung habe sie dann einen Mitarbeiter bekommen, "aber der hat mich von den Arbeiten her ja nicht komplett ersetzen können", so Pauls. Aufgeben will sie aber nicht, dafür macht ihr der Job viel zu viel Spaß.

Die Schweiz macht dem Metzger zu schaffen

Von einem kleinen Betrieb kann bei der Metzgerei Hug in der Nähe von Lörrach, im äußersten Sudwesten Deutschlands, indes nicht die Rede sein. Etwa 100 Mitarbeiter hat Christoph Hug, doch die nahe Schweiz macht ihm das Leben schwer, wenn es um Fachkräfte geht. "Das ist Fluch und Segen. Auf der einen Seite die hohe Kaufkraft, aber auf der anderen Seite lockt die Schweiz mit Arbeitsplätzen, die ein anderes Lohnniveau bieten können."

Azubis zu finden, funktioniere noch, hieß es aus dem Off. Sie als Gesellen im Betrieb zu halten, sei fast unmöglich. Doch Hug drehte den Spieß um. Er ging nach Italien, fand dort über ein Partnerschaftsprogramm der örtlichen Handwerkskammer einen neuen Lehrling - und will das schon bald wiederholen. Deshalb reiste er nach Padua im norditalienischen Venetien, um Kontakte zu anderen Metzgern zu knüpfen.

Ob er dort fündig wird, blieb schlussendlich offen. Doch diese Episode zeigte, dass die moderne, europaweite Mobilität ebenso Fluch wie Segen sein kann – und setzte dadurch einen differenzierten Schlusspunkt unter eine Reportage, die die Probleme des Handwerks und mögliche Lösungen aus Blickwinkeln erzählte, die sonst im schnelllebigen Fernsehgeschäft leider zu oft Mangelware bleiben.

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