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Damit am Bau alles dicht ist Die Kunst der Fuge

Günter Zitz plädiert für mehr Qualität am Bau. Der Sachverständige für das Fuger-Gewerbe möchte eine Ausbildung zum zertifizierten Fugentechniker etablieren.

Die Zahl klingt unglaublich: Rund 3,4 Milliarden Euro werden pro Jahr in Deutschland mit spritzbaren Dichtstoffen umgesetzt. Knapp ein Viertel davon sind Silikone, die auf Baustellen verbraucht werden. Aber die Handwerker, die das elastische Material verarbeiten, fristen ein Schattendasein. Zwar ziehen auch Fliesenleger, Schreiner, Glaser oder Metallbauer Silikonfugen, aber ihr Hauptgeschäft ist es nicht. Anders beim Fuger.

Obwohl es kein Ausbildungsberuf ist, tragen "Fuger am Bau" große Verantwortung, betont Günter Zitz. Denn nicht fachgerecht ausgeführte Fugen können Schimmel begünstigen, Wasserschäden oder Risse verursachen. Die Bedeutung seines Berufs de­monstriert Zitz gern anhand eines kleinen Experiments. Mit der Kartuschenpresse drückt er eine braune Silikonwurst auf ein weißes Blatt Papier, gleich daneben eine weiße. Sofort beginnt die Masse zu dampfen, begleitet von einem leicht stechenden Geruch. "Das braune Silikon ist alkalisch, das weiße sauer vernetzend. Hier treffen also Lauge und Säure aufeinander, was eine chemische Reaktion auslöst", erklärt Zitz.

Grundkenntnisse in Chemie erwünscht

Silikone (Polysiloxane) sind einkomponentige Dichtstoffe, die bei Luftfeuchtigkeit zu kautschukartigen Massen aushärten. Dafür sorgen beigemischte Vernetzer, die sauer (Acetat), neutral (alkoxy oder oxim) oder alkalisch (amin) sein können, je nach Anwendung. So kommen in Bädern mit Fliesen acetatvernetzende Produkte zum Einsatz, bei Untergründen aus Zement oder Ton dagegen amin-oximhaltige.

Mit seiner kurzen Vorführung will Zitz zeigen, dass Silikon nicht gleich Silikon ist. Bei seinem Experiment neutralisieren sich Lauge und Säure. Nachdem der Rauch verzogen ist, bleiben kleine Salzkristalle zurück. Grundkenntnisse in Chemie gehören beim Fugenfachmann daher genauso zum Rüstzeug wie Mathe und Physik beim SHK-Techniker.

Günter Zitz, dessen Verfugungsteam in München und Mannheim aktiv ist, kennt viele Schäden durch unsachgemäße Fugen. Als einer von bundesweit zwei öffentlich bestellten und vereidigten Sachverständigen für das Fuger-Gewerbe wird er seit 2012 bei Bauschäden durch fehlerhafte Fugen zu Rate gezogen. Und die können drastisch sein, wenn etwa bei Tankstellen oder Kompostieranlagen das Grundwasser verunreinigt wird. Deshalb dürfen solche Fugenarbeiten nur von Fachkräften ausgeführt werden, die nach dem Wasserhaushaltsgesetz zertifiziert sind.

Aber auch in Bädern, dem wohl bekanntesten Anwendungsgebiet für Silikonfugen, bleiben Schäden nicht aus. So klagte eine Kundin, dass sich die weißen Fugen in ihrer Dusche schon nach wenigen Tagen in eine grünlich-gelbe Masse verwandelt hätten. "Bis sich herausstellte, dass die Dame ihre Dusche mit einem citrushaltigen Putzmittel gewienert hatte, unmittelbar nachdem der Handwerker gegangen war. Dabei muss das Silikon zwei Tage aushärten", berichtet Zitz. In einem anderen Fall hatten sich die Fugen in einem fensterlosen Bad verfärbt, weil der im Silikon enthaltende UV-Stabilisator nicht durch UV-Licht aktiviert worden war.

Fehlerhafte Fugen

In seinem Lager verwahrt Zitz eine kleine Sammlung schadhafter Fugenmassen, die er als abschreckende Beispiele bei Seminaren verwendet, die er bundesweit hält. Dort erfahren die Teilnehmer unter anderem, dass es neben Silikon noch weitere Dichtstoffe wie Polyurethan, MS-Polymere oder Acrylate gibt oder was beim Fugenaufbau zu beachten ist.

Ärger über EU-Bauprodukteverordnung

Sein Wissen hat sich Günter Zitz durch jahrelange praktische Erfahrung und stetige Weiterbildung angeeignet. Seit 1994 selbstständig, verfolgt er seither, wie durch den enormen Preisdruck die Qualität am Bau nachlässt. Für einen Meter Fuge bei Fliesen würden auf Großbaustellen heute noch 1,5 bis 2,5 Euro pro Meter, im privaten Bereich maximal 5 Euro gezahlt. Dafür muss der Fuger in der Regel bis zu sechs Arbeitsschritte ausführen, bei Hochbaufugen sogar bis zu acht. "Wer da mithalten will, muss entweder am Fugenaufbau oder am Produkt sparen", klagt Zitz und ärgert sich über die EU-Bauprodukteverordnung, die deutsche Qualitätsstandards untergrabe. Denn durch europäisch harmonisierte Normen würden nun Dichtstoffe zugelassen, die bis zu 40 Prozent schrumpfen. "Qualitätsprodukte schrumpfen dagegen nur um zwei bis vier Prozent, sind aber entsprechend teurer", sagt Zitz.

Um der nachlassenden Qualität entgegenzuwirken, plädiert Zitz für eine bessere Ausbildung. Gemeinsam mit seinem Kollegen Timo Krafft aus Hamburg möchte er einen Ausbildungsweg zum zertifizierten Fugentechniker erarbeiten. Ob die Initiative Gehör findet, ist aber noch unklar.

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