Meisterstücke -

Niederbayerische Hammerschmiede in Paris Die Klöppel von Notre Dame

Ganze 28,5 Tonnen Stahl hat der Schmied Martin Wensauer im vergangenen Jahr zu rund 1.300 Glockenklöppeln verarbeitet. In diesem Winter waren ganz besondere darunter.

Martin Wensauer
Die Hammerschmiede der Wensauers liefert weltweit. -

Notre Dame war ein Highlight“, schwärmt Martin Wensauer. Der 36-Jährige ist gelernter Schmied und führt zusammen mit seinem Bruder Stefan Wensauer seit zehn Jahren die Rottaler Hammerwerke im niederbayerischen Anzenkirchen. Der Betrieb ist einer von vier in ganz Deutschland, der noch Glockenklöppel herstellt. Nun hat Wensauer die neuen Klöppel für die Pariser Kathedrale Notre Dame geschmiedet, die zu ihrem 850. Geburtstag Ende März neun neue Glocken bekommen hat.

Normalerweise reist der Schmied seinen Klöppeln nicht hinterher. In diesem Fall aber war das anders. Gemeinsam mit dem Bruder, dessen Frau und tausenden Franzosen bestaunte er den ers­ten offiziellen Schlag seiner Klöppel auf dem Vorplatz der Kathedrale. „Klöppel küsst Glocke“, nennen Fachleute diesen Moment. „Ich war natürlich ein bisschen stolz, dass unser Betrieb einen Teil zu diesem Event beigesteuert hat“, erzählt Wensauer.

Neun Klöppel in Elf Tagen

Spätnachmittags am 9. Januar hat er den Auftrag von einem Schweizer Glockengießer bekommen: neun Klöppel für die Glocken der weltberühmten Kirche Notre Dame in Paris. Montag in der Früh machte sich Wensauer ans Werk. Elf Arbeitstage hatten er und sein Team dafür Zeit. Das waren stressige zwei Wochen, erinnert er sich.

Insgesamt hatten die fertigen neun Klöppel schließlich ein Gewicht von 827 Kilogramm. Der größte Klöppel wog 220 Kilogramm, war fast zwei Meter lang und wie üblich aus einem Stück Stahl geschmiedet. Sonst sind Glockenklöppel in so einer Größenordnung rund fünf Wochen im Hammerwerk, bevor sie an den Auftraggeber gehen. Doch schon am 23. Januar holte ein französischer Kurier die gewichtige Fracht in Anzenkirchen ab und fuhr damit in die französische Hauptstadt.

„Wir hatten Glück, dass wir zu dem Zeitpunkt keinen anderen größeren Auftrag hatten. Abgelehnt hätte ich ihn aber trotzdem nicht“, sagt Wensauer.

Betrieb in fünfter Generation

Der Auftrag kam wie ein Geburtstagsgeschenk. Nicht nur für Notre Dame, auch für den Betrieb der Wensauers, der 2013 150 Jahre alt wird. Die Rottaler Hammerwerke sind ein Familienunternehmen, wie es im Buche steht. 1863 vom Ururgroßvater gegründet, arbeiten Vater, Schwester und die zwei Brüder im Betrieb mit. Die Mutter sorgt für das leibliche Wohl.

Neben Metallverarbeitung und Schrotthandel ist das Hammerwerk zwar nur ein Teil des Unternehmens, aber dafür der älteste. Martin Wensauer ist für ihn verantwortlich. Während sein Vater, Eduard Wensauer, noch Hammerschmied lernte, gab es diese Option bei Martin Wensauer nicht mehr. Daher machte er eine Ausbildung zum Metallverarbeiter und spezialisierte sich auf den Bereich „Gestaltung“, um die Hammerschmiede weiterführen zu können.

Schmiede liefert weltweit

Glockenklöppel stellt der Betrieb seit den 1950er Jahren her. Seitdem fertigte zuerst Wensauer senior und nun der Junior mit vier Mitarbeitern, schwerem Gerät und vier Schmiedefeuern Glockenklöppel, die rund um die Welt gehen. Man findet Klöppel aus Niederbayern unter anderem in einem Turm im 12.500 Kilometer entfernten Chile, in einem Kriegerdenkmal in Washington und in Hongkong. Auch in der Münchner Frauenkirche und im Ulmer Müns­ter bringen die Wensauer-Klöppel die Glocken seit einigen Jahren zum Klingen.

Der mit 514 Kilo schwerste Klöppel aus Anzenkirchner Fertigung schwingt derzeit in einem Skigebiet auf dem 2.275 Meter hohen Kronplatz im Pustertal in Südtirol. Die Handwerkskunst der Familie Wensauer ist im Ausland also schon lange gefragt. Glockengießer aus aller Welt beauftragen den Betrieb immer wieder, passende Klöppel für ihre Glocken zu schmieden. Der Auftrag für Notre Dame war für die Familie dennoch etwas ganz Besonderes. Und das nicht nur, weil Schmiede-Chef Martin Wensauer inzwischen in Anzenkirchen fast schon ein regionaler Star ist.

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