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Sozialprojekt "Work-and-Box-Company" Die Jugend wird nicht dümmer

Unmotiviert, leistungsschwach, nicht ausbildungsreif: Der Eindruck, den viele Unternehmer von jugendlichen Bewerbern haben, passt zu Berichten, dass die Zahl der Kinder mit einer Aufmerksamkeits- und Hyperaktivitätsstörung laufend steigt. Rupert Voß will nicht klagen, sondern handelt.

Rupert Voß und Alexander Kottmüller
Rupert Voß (re.) legt großen Wert auf gute Ausbildung. Davon profitiert auch Schreinerlehrling Alexander Kottmüller. -

Der Schreinermeister aus Taufkirchen bei München hat ein Sozialprojekt ins Leben gerufen, die "Work-and-Box-Company", in der auffällige, mitunter straffällig gewordene junge Menschen Richtung Ausbildungsreife gebracht werden. Aber auch in seinen eigenen Betrieben, einer Schreinerei und einem Parkett- und Bodenlegerbetrieb, arbeitet Voß intensiv mit jungen Menschen: "Wir haben 40 Prozent Lehrlinge und da ist alles dabei: schwierige und sehr gute Azubis", berichtet der Chef von 30 Mitarbeitern.

Gute Ausbildung und soziales Engagement sind Voß wichtig. Doch nicht jeder kann das leisten: "Die Ursachen für viele Probleme der Jugendlichen liegen ja in den Familien. Für Unternehmer ist es schwer, da im Nachhinein etwas zu ordnen", bestätigt Voß und beobachtet, wie immer mehr Kollegen resignieren, auf Ausbildung verzichten und sich gegenseitig die Mitarbeiter abwerben.

Die Konkurrenz steigt

Die Konkurrenz um Arbeitskräfte steigt. Das Handwerk leidet doppelt darunter. Aufgrund der Demografie gibt es immer weniger Nachwuchs. Hinzu kommt der Trend, dass immer mehr Schüler höhere Schulen besuchen. Wo im Schuljahr 2000/2001 noch 27 Prozent der Grundschüler aufs Gymnasium wechselten, waren es 2010/2011 schon 39 Prozent. Gleichzeitig ging die Zahl der Hauptschüler zurück, von 19 auf 13 Prozent. Obwohl der Intelligenzquotient der Menschen in den westlichen Industrieländern seit Jahrzehnten messbar steigt, herrscht im Handwerk oft der Eindruck, die Jugend würde dümmer. Das mag daran liegen, dass ein größerer Teil der guten Schüler, die sich früher im dualen System ausbilden ließen, jetzt eine "höhere" Ausbildung anstrebt.

Gleichzeitig fordert das Handwerk immer höhere Qualifikationen: In den Jahren von 2007 bis 2011 ist die Zahl der Ausbildungsverträge im Handwerk mit Schülern ohne Hauptschulabschluss kontinuierlich gesunken, die Zahl der Hauptschüler im Handwerk ist in etwa gleich geblieben, die Zahl der Verträge mit Realschülern und Gymnasiasten ist gestiegen.

Immer mehr ADHS-Kinder

Zwischen 2006 und 2011 ist die Zahl der Kinder und Jugendlichen, bei denen eine Aufmerksamkeits- und Hyperaktivitätsstörung (ADHS) diagnostiziert wurde, um 42 Prozent gestiegen, auf durchschnittlich 4,14 Prozent. Das geht aus dem jetzt veröffentlichten Arztreport 2013 der Barmer GEK hervor. Die Krankheit, bei der Betroffene extrem unaufmerksam und impulsiv sind, trifft am stärksten Jungen im Alter von zehn Jahren mit knapp 12 Prozent, Mädchen im selben Alter nur mit 4,4 Prozent. Entsprechend der häufigeren Diagnose verschrieben Ärzte im Beobachtungszeitraum auch mehr Psychopharmaka gegen die Erkrankung, am häufigsten Ritalin.

Das Auftreten der Krankheit variiert nach Alter der Betroffenen, nach ihrem Wohnort und nach sozialen Aspekten. So sind Kinder jüngerer Eltern und aus sozial schwächeren Familien häufiger betroffen. Fachleute kritisieren, es werde sehr früh diagnostiziert und schnell verschrieben, wenn Eltern oder Lehrer von unkonzentrierten, impulsiven und Grenzen austestenden Kindern überfordert sind.

Die immer höheren Ansprüche betrachtet Dietmar Frommberger kritisch. Der Professor für Berufs- und Betriebs­pädagogik an der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg stellt fest: "Zwischen Schulcurricula, Ausbildungsordnungen und Studienordnungen von damals und heute gibt es enorme qualitative Unterschiede." Er frage sich, ob die Anforderungen überhaupt noch realistisch seien.

Tatsächlich gibt es Schüler, die weder Grundrechenarten noch Rechtschreibung beherrschen. Hier steht das deutsche Bildungssystem in der Kritik, das "schwierige" Schüler schnell aussortiert. Dadurch gehen die Bildungschancen von 15 bis 20 Prozent eines Altersjahrgangs gegen null. Wer in Deutschland aus sozial benachteiligten oder aus Migrantenfamilien kommt, hat wesentlich schlechtere Chancen, gefördert zu werden. Das zeigen der Bildungsbericht 2012 und die "IGLU"-Studie, in der international die Leistungen der Viertklässler verglichen werden.

Jugendliche ohne Lernkultur

In vielen Fällen ist allein die Eigenschaft "Migrant" ein Grund, aus dem Regelschulsystem aussortiert zu werden. Seit 2000 hat sich der Anteil der Schüler mit sonderpädagogischem Förderbedarf in Deutschland um 20 Prozent erhöht.

Dass viele von ihnen noch nicht einmal einen Hauptschulabschluss erreichen, wundert Horst Weishaupt nicht. Der Leiter der Abteilung "Steuerung und Finanzierung des Bildungswesens" des Deutschen Instituts für Internationale Pädagogische Forschung in Frankfurt am Main beklagt: "Die Jugendlichen erleben dort keine Lernkultur, es wird gar keine Leistung von ihnen gefordert." Dies sei teils sogar auf Hauptschulen zu beobachten, die in manchen Regionen eine "Restschule" für Schüler sei, die den Sprung zu höheren Schulen nicht geschafft haben oder von dort herabgestuft wurden. "Wir haben dort eine negative Auslese und eine Anhäufung von Problemlagen, die denkbar schlechte Lernvoraussetzungen bilden", urteilt der Professor.

Probleme wie zerrüttete Familien, fehlender sozialer Zusammenhalt oder auch ein verändertes Freizeit- und Kommunikationsverhalten erschweren das Lernen für Jugendliche zusätzlich. Rupert Voß beobachtet die Entwicklungen kritisch: "Es ist nicht einfacher geworden, gute Azubis und Mitarbeiter zu bekommen. Für uns heißt das, wir müssen die Menschen von unserem Unternehmen begeistern. Nur so bekommen wir noch gute Bewerber."

Vorzeitig gelöste Ausbildungsverträge 2011 im Handwerk nach schulischer Vorbildung

Insg. ohne Hauptschule Hauptschule Realschule oder Vergleichbares Hochschul-/ FH-Reife ausländ. Abschluss
2008 48393 3837 (7,93%) 29343 (60,63%) 13035 (26,94%) 2106 (4,35%) 69 (0,14%)
2011 52980 3216 (6,07%) 32376 (61,11%) 14787 (27,91%) 2511 (4,74%) 87 (0,16%)

Neu abgeschlossene Ausbildungsverträge im Handwerk nach schulischer Vorbildung

Insg. ohne Hauptschule Hauptschule Realschul- oder Vergleichbares Hochschul-/ FH-Reife ausländ. Abschluss
2007 176253 9171 (5,2 %) 93498 (53,04%) 61542 (34,91%) 9855 (5,59%) 2190 (1,24%)
2008 166941 9243 (5,54%) 89106 (53,38%) 58140 (34,83%) 10230 (6,13%) 219 (0,01%)
2009 155589 8070 (5,19%) 83448 (53,63%) 54135 (34,79%) 9729 (6,25%) 207 (0,13%)
2010 154839 6474 (4,18%) 82710 (53,42%) 54681 (35,31%) 10743 (6,94%) 231 (0,15%)
2011 152838 5877 (3,85 %) 79278 (51,87%) 55050 (36,01%) 12279 (8,03%) 354 (0,23%)

Quelle Tabellen: Statistisches Bundesamt

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