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Erasmus für Lehrlinge Die Grenze überschreiten – warum nicht?

Deutsch-Französischer Tag der Mobilität von Auszubildenden in Europa: Es könnten noch mehr werden.

Einen Auslandsaufenthalt während der Lehre kann die angehende Konditorin Ronja Schwarze nur jedem empfehlen "Es ist eine Superchance und hat mir viel gebracht", erzählt die junge Frau von ihren Erfahrungen während eines Austausches in einer kleinen Konditorei in Frankreich. Anders als in Deutschland hat sie dort keine Torten, sondern Macarons gebacken, sie hat "supernette Leute" kennengelernt und auch sonst ihren Horizont erweitert.

Genau darum geht es. Zu einer guten Ausbildung gehöre es, auch mal "über den Tellerrand hinauszuschauen", sagt Bundesarbeitsministerin Katarina Barley (SPD). Doch der Auslandsaufenthalt ist für Auszubildende heute immer noch deutlich seltener als für Studenten, obwohl auch sie seit 2015 über das Programm Erasmus Plus der Europäischen Union gefördert werden können. "Da ist noch deutlich Luft nach oben", sagte Barley auf dem deutsch-französischen Tag der Mobilität von Auszubildenden in Europa. Derzeit seien nur rund 4,5 Prozent der rund 500.000 Auszubildenden in Deutschland international unterwegs. Dabei wollte Deutschland bis 2020 zehn Prozent schaffen.

Langjährige deutsch-französische Kooperation im Handwerk

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und der französische Staatspräsident Emmanuel Macron hatten sich schon im Sommer 2017 dafür ausgesprochen, Erasmus Plus auszubauen und den 55. Jahrestag der Unterzeichnung des deutsch-französischen Freundschaftsvertrages der Mobilität von Auszubildenden zu widmen. Viele Vertreter aus Politik, Arbeitsverwaltung, Wirtschaft und Gewerkschaften beider Länder bekräftigen den Wunsch, den Austausch zwischen Frankreich und Deutschland weiter zu intensiveren. Sie wollen Betriebe, Bildungszentren und Kammern beider Länder noch stärker zueinander zu bringen.

Das Handwerk blickt dabei auf eine langjährige deutsch-französische Kooperation zurück. "Es gibt kaum ein Land in Europa, mit dem das Handwerk in Deutschland so intensiv zusammenarbeitet", sagte ZDH-Generalsekretär Holger Schwannecke mit Blick auf 28 Partnerschaften zwischen Kammern beider Länder, die regelmäßig den Austausch von Auszubildenden und betrieblicher Ausbilder organisieren.

Was die berufliche Bildung angeht, sieht Schwannecke "in beiden Ländern Handlungsbedarf." Hier wie dort gehe es darum, Karrieren in Ausbildungsberufen wieder attraktiver zu machen und wirtschaftliche und kulturelle Bindungen zu stärken. Dazu könne auch ein Auslandsaufenthalt dienen. Allerdings bräuchten gerade kleine und mittlere Unternehmen hier die nötige Unterstützung durch Mobilitätsberater, wirbt er für weitere staatliche Hilfe.

Frankreich und Großbritannien besonders beliebt

Derzeit arbeiten im Handwerk rund 30 solcher Mobilitätsberater, die von den Kammern und dem Bund finanziert werden. Andreas Jörk von der Handwerkskammer für Ostthüringen in Gera ist einer davon. Regelmäßig geht er in Berufsschulen und wirbt für Austauschprogramme. Er hilft jungen Leuten, den passenden Betrieb im Ausland zu finden, und betreut ausländische Praktikanten. "Die meisten meiner Azubis fahren nach Frankreich, aber auch England und Schweden stehen hoch auf der Liste", sagt er am Rande der Veranstaltung.

Allein 2016 haben die Kammern rund 7800 Beratungen durchgeführt und rund 2400 Auslandspraktika organisiert, heißt es beim ZDH. Dabei sei Frankreich neben Großbritannien das beliebteste Zielland. Gleichzeitig kämen aus keinem europäischen Land so viele Auszubildende nach Deutschland.

Bisher sind die jungen Auszubildenden meist "nur einige Wochen" im Ausland. Nach Auffassung von Marianne Thyssen, EU-Kommissarin für Beschäftigung, reicht das aber nicht aus. Ziel der EU müsse sein, dass innerhalb von drei Jahren rund 50.000 Auszubildende ein mindestens drei Monate langes Praktikum im Ausland machten. Auch der Erasmus-Plus-Sonderbeauftragte, Jean Arthuis, befürwortet mehr und längere Auslandspraktika, sieht aber noch allerhand Hindernisse wie die mangelnde Anerkennung der Leistungen. Und natürlich müssten die jungen Leute auch den Wunsch hegen, ins Ausland zu gehen.

Dieses Interesse hat Ronja Schwarze ziemlich schnell bei ihren Mitschülern gespürt, als sie über ihren Auslandsaufenthalt erzählt. Ob Berufschullehrer oder Chef, alle sollten den Auszubildenden Lust darauf machen, die Grenzen zu überschreiten und anderswo neue Erfahrungen zu machen. Einfach "viel mehr Werbung machen", so ihr ganz konkreter Verbesserungsvorschlag.

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