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Kunsthandwerk-Klassiker in Miniaturausgabe Die Geschichte des wohl meistgereisten Nussknackers der Welt

Markus Füchtner ist der Urururenkel von Gotthelf Friedrich Füchtner, dem Mann, der als einer der Väter des Nussknackers gilt. Der Holzspielzeugmacher aus Seiffen hat vor drei Jahren eine Miniaturausgabe dieses Kunsthandwerk-Klassikers gefertigt, nach seinem Ahnen Wilhelm benannt und auf Weltreise geschickt.

DHZ: Wieso reist Wilhelm durch die Welt?

Markus Füchtner: Das war nicht meine Idee. Mein sehr guter Freund Ronny Hoyer hat das ins Leben gerufen. Er hat sich auf eine siebenmonatige Weltreise verabschiedet und sich gewünscht, etwas mitzunehmen, das ihn an die Heimat erinnert. Er hat mich gefragt: Kannst du mir einen kleinen Reisenussknacker bauen? Ich habe nein gesagt. Und seine Begleiterin meinte: Was soll der Quatsch? Am Ende habe ich ihm seinen Wunsch erfüllt und ihm Wilhelm als Überraschung zur Abreise überreicht. Ronny hat dann Reisefotos von Wilhelm gemacht und das auf Facebook gepostet. Wir haben uns gefragt: Wen interessiert das? Doch auf einmal kamen Likes über Likes. So ist das gewachsen.

DHZ: Das Echo war enorm.

Füchtner: Richtig ab ging es, als Ronny in Neuseeland war und den deutschen Botschafter gefragt hat, ob er mit Wilhelm vorbeikommen kann. Der Botschafter sagte: Na klar. Seitdem trägt Wilhelm den Titel "Botschafter des Erzgebirges". Daraufhin kamen Zeitung und Radio auf uns zu. Irre. Wir hatten das nie geplant. Dann haben wir gesagt: Wir ziehen das durch.

DHZ: Was passierte nach der Weltreise?

Füchtner: Mein Freund Ronny und ich haben uns hingesetzt und gefragt: Wie geht es jetzt weiter? Wir hatten bald die Mission: Wilhelm soll jedes Land der Welt bereisen. Wir haben Freunde aufgerufen, Wilhelm auf ihre Reisen mitzunehmen. Irgendwann haben wir die Kontrolle verloren. Das E-Mail-Fach ist geplatzt. Das Fernsehen kam. Leute wollten Wilhelm kaufen und haben nicht verstanden, dass er nicht käuflich ist. Wir wollten ihn auch nicht in Serie produzieren. Es wird immer nur einen Wilhelm geben. Entsprechend mitgenommen sieht er inzwischen aus. Im wahrsten Sinne des Wortes.

DHZ: Wie ist es für Sie, wenn Wilhelm unterwegs ist?

Füchtner: Wir sind unruhig, wenn er mal nicht da ist. Er war mal zwei Wochen verschollen, bis wir die Nachricht bekamen, dass wir ihn beim Zoll abholen können. Das war der Horror für uns. Am Grand Canyon stand Wilhelm an der Klippe. Ein Windstoß und er wäre weg gewesen. Vor kurzem war Wilhelm in einem selbst gebauten U-Boot Auge in Auge mit einem Walhai tauchen. Wir haben uns große Sorgen gemacht.

DHZ: Wie managen Sie Wilhelms Reisen?

Füchtner: In 40 Ländern war er bereits. 196 gibt es. Also ist noch viel zu tun. Wir sitzen ein- bis zweimal pro Woche zusammen und planen, Wilhelm hat einen eigenen Terminkalender. Er könnte inzwischen schon in viel mehr Ländern gewesen sein, aber wir suchen die Reisen nicht nach den Ländern aus, sondern nach den Geschichten, die hinter den geplanten Reisen stehen. In einem Hilfsprojekt in Uganda hat Wilhelm 800 Euro Spenden eingetrieben. Bei den Olympischen Spielen in Südkorea ist Wilhelm beim deutschen Bobteam mitgefahren und hat Gold geholt. Um ein Haar wäre er mit Alexander Gerst ins All geflogen. Leider kamen wir mit unserer Anfrage zu spät. Als Trostpflaster durfte er aber mit nach Baikonur zum Raketenstart. Und in Moskau hat Wilhelm Sigmund Jähn getroffen.

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