Finanzen -

Interview mit IKK-Classic-Chef Frank Hippler "Die Frage ist, wer am Ende die Kosten tragen soll"

IKK-Classic-Chef Frank Hippler zum Corona bedingten Digitalisierungsschub, zu steigenden Kosten bei sinkenden Einnahmen und zu der Frage, wer wofür aufkommen muss.

Die Kosten dieser Pandemie sind immens. Das dürfte jedem klar sein. Dass ein großer Teil davon aber erst im kommenden Jahr so richtig spürbar wird, macht Frank Hippler im Interview mit der DHZ deutlich. Der Vorstandsvorsitzende der gesetzlichen Krankenkasse IKK classic - größte Innungskrankenkasse mit 405.000 Firmenkunden - erläutert im Gespräch die verschiedenen Mechanismen, die zu einer spürbaren Mehrbelastung der Sozialsysteme insgesamt führen werden.

Das Erstaunliche ist, dass die Digitalisierung plötzlich sehr gut funktioniert in allen Bereichen. Was denken Sie, wird davon im Gesundheitswesen hängen bleiben?

Ich glaube, wenn es etwas Positives an der Pandemie geben sollte, dann dass sie es ermöglicht hat, rasch Änderungen umzusetzen, für die man normalerweise zwei, drei Jahre gebraucht hätte. Wir haben beispielsweise rund 50 Prozent der Mitarbeiter innerhalb von zwei Wochen ins Homeoffice gebracht. Auf normalem Wege hätten wir dafür deutlich länger gebraucht, weil man lang und breit über Rahmenbedingungen diskutiert hätte. Auch wenn die Krise vorbei ist, wird Homeoffice eine Option für uns bleiben, weil flexibles, digital gestütztes Arbeiten jetzt starken Rückenwind bekommen hat.

Wie ist das beim Gesundheitssystem insgesamt. Merken Sie, dass es zum Beispiel bei den Arztpraxen einen Schub in Sachen Digitalisierung gibt?

Digitalen Versorgungsalternativen wie den Videosprechstunden wird das mächtig Auftrieb geben. Viele Bedenken bei Behandlern wie bei Patienten werden durch die aktuellen Erfahrungen ein Stück weit aufgehoben. Das gilt auch für die elektronische Patientenakte, die den Versicherten laut Gesetz ab 2021 von den Krankenkassen zur Verfügung gestellt werden soll. Das ist ein wichtiger Digitalisierungsschritt für unser Gesundheitssystem. Auch wenn Corona dieses Thema gegenwärtig überlagert, wächst die Aufgeschlossenheit für digitale Anwendungen momentan spürbar.

"Aus unserer Sicht sind flächendeckende Corona-Tests keine Leistung der gesetzlichen Krankenversicherung."

Gerade wegen der deutlich geringeren Zahl an Arztbesuchen wäre es ja angesagt, andere Möglichkeiten zu bieten, wie etwa Videochats zur Diagnose.

Diese Möglichkeiten finden jetzt mehr Nachfrage. Man darf Arztbesuche aber nicht um jeden Preis vermeiden. Wir erleben in den letzten Wochen zum Beispiel einen bemerkenswerten Rückgang der Herzinfarkt-Diagnosen von bis zu 30 Prozent. Möglicherweise scheuen Patienten aus Angst vor Ansteckung auch bei ernsthaften Beschwerden den Weg in die Praxis. Das wäre höchst fatal, auch weil dies zu schwerwiegenden Folgeerkrankungen führen kann.

Inwieweit entlastet dieser Trend die Krankenkassen finanziell?

In einigen Bereichen ist das Leistungsvolumen tatsächlich deutlich rückläufig. Damit sind wir aber nicht auf Dauer von den Kosten entlastet. Die meisten Behandlungen, die jetzt verschoben werden können, werden später nachgeholt.

Zahlreiche Maßnahmen sind infolge der Pandemie auch im Gesundheitswesen angestoßen worden. Gibt es Dinge, die Sie politisch für überflüssig halten?

Viele Schutzmaßnahmen der Politik sind sinnvoll, denn wir müssen darauf achten, dass unsere bewährten Versorgungsstrukturen erhalten bleiben. Noch erkennen wir in den Vorstellungen zur Finanzierung all dieser Maßnahmen aber kein klares ordnungspolitisches Muster. Manches soll aus Steuermitteln, manches von den Krankenkassen bezahlt werden. Anderes soll wiederum der Gesundheitsfonds finanzieren, was mittelbar auch die Kassen betrifft. Ein Beispiel: Falls der Plan umfassender, flächendeckender Corona-Tests kommt – man spricht von vier bis viereinhalb Millionen Tests pro Woche – kostet das monatlich 1 bis 1,5 Milliarden Euro. Das müsste man ungefähr ein Jahr lang durchhalten, was hochgerechnet also 12 bis 15 Milliarden Euro ergibt. Zahlen sollen das die Krankenkassen. Umgerechnet macht das einen Prozentpunkt vom Beitragssatz der GKV aus. Aus unserer Sicht ist das aber keine Leistung der gesetzlichen Krankenversicherung. Der Staat kommt hier seiner Daseinsvorsorge nach, und das wäre aus Bundesmitteln zu finanzieren.

"Ich meine, es braucht auch einen Schutzschirm für die GKV."

Stichwort Gesundheitsfonds: Dort gibt es anscheinend Liquiditätsprobleme. Wie stark wirkt sich das in der GKV aus? Kommt bei Ihnen weniger an?

Die Zuwendungen, die die Krankenkassen aus dem Gesundheitsfonds erhalten, sind sicher und werden an diese monatlich ausgezahlt. Konjunkturelle Schwankungen sind deshalb für uns erst einmal irrelevant. Durch die diversen Rettungsschirme nimmt derzeit aber die Liquidität des Fonds stark ab. Der Fonds reicht seinen Liquiditätsengpass an die Kassen weiter. Die Kassen erhalten gegenwärtig ihre Zuweisungen nicht mehr im bislang üblichen Zeittakt und Umfang. Diese treffen bei ihnen nun verzögert ein. Gleichzeitig wurden die Zahlungsfristen der Kassen an die Krankenhäuser verkürzt, um diese in der Krise zu stützen. Um die dadurch fehlende Liquidität auszugleichen, müssen Kassen ihrerseits Reserven angreifen und zum Beispiel kurzfristig Anlagen auflösen; nicht selten mit Verlust. Das Finanzthema wird sich noch nicht im laufenden, sondern im kommenden Jahr auswirken. Dann treffen Mindereinnahmen wegen Kurzarbeit, Stundungen und Insolvenzen auf Mehrausgaben durch Nachholeffekte und die Zusatzkosten der diversen Reformgesetze. Die spannende Frage ist, wie dieser Finanzbedarf gedeckt wird: über Steuermittel oder auf Kosten der Beitragszahler in den Sozialkassen. Geschieht das über Beitragsmittel, wird bei den Kassen der Zusatzbeitrag oder der allgemeine Beitragssatz steigen. Für eine gerade wieder anlaufende Wirtschaft wäre das natürlich Gift.

Wo fließen im Moment die meisten Mittel hin?

Nach wie vor in den Krankenhaussektor. Das ist immer der größte Kostenfaktor mit einem Drittel der Gesamtausgaben der GKV. Zwar wurden planbare Eingriffe verschoben, um Kapazitäten für Intensivmedizin freizuhalten, aber der stationäre Sektor hat auch einen großen Schutzschirm, bekommt also aktuell Milliarden Euro aus dem Gesundheitsfonds. Für jedes neu geschaffene Intensivbett stellen die Kassen den Krankenhäusern zum Beispiel 50.000 Euro zur Verfügung.

Die Politik hat inzwischen auch einen Schutzschirm für die GKV gefordert. Halten Sie den für nötig?

Die Frage ist, wie die Politik die Kosten der Corona-Schutzschirme am Ende verteilt. Sollen die Beitragszahler dafür aufkommen, wird es zu steigenden Beiträgen führen. Würden die Defizite über Steuermittel ausgeglichen, könnte man von einem Schutzschirm für die GKV sprechen. Andernfalls wäre die 40-Prozent-Grenze bei den Sozialversicherungsbeiträgen in akuter Gefahr. Zumal auch bei der Pflege höhere Ausgaben vorgesehen sind. Beitragssteigerungen wären nach einer Rezession Gift für die Wiederbelebung der Wirtschaft. Ich meine, es braucht also einen Schutzschirm für die GKV.

Welchen Bedarf haben die Handwerksbetriebe. Was kommt bei der IKK classic an?

Mittlerweile haben bei uns 35.000 Betriebe einen Stundungsantrag gestellt. Das sind rund 10 Prozent der von der IKK classic betreuten Arbeitgeber. Im Vorjahr waren es nur 1.000 Unternehmen. Weil das nicht nur kleine Betriebe sind, betrifft dies schon etwa 15 Prozent des gesamten Beitragsvolumens. Den Firmen hilft die Stundung. Irgendwann müssen die gestundeten Beiträge allerdings trotzdem bezahlt werden – zusätzlich zu den laufenden Beiträgen. Wir agieren flexibel, aber weil es auch um die Beiträge der Renten- und Arbeitslosenversicherung geht, muss das mit den anderen Sozialkassen abgestimmt sein.

"Wir könnten uns vorstellen, den Kassenwettbewerb eine Zeit lang auszusetzen."

Die Krankenkassen sind vor allem regional unterschiedlich belastet. Fallzahlen unterscheiden sich von Bundesland zu Bundesland. Wie stehen Sie zu einem Risikostrukturausgleich?

Grundsätzlich gehen diese Fälle natürlich auch in den Risikostrukturausgleich (RSA) ein. Der künftige RSA – wir befinden uns ja in einer Reformphase – beinhaltet eine Regionalisierung. Das ist allerdings noch Zukunft. Im Moment ist ein gerechter Ausgleich schwieriger. Möglich ist, dass am Ende einzelne Kassen oder Kassensysteme Gewinner oder Verlierer der Pandemie-Situation sind. Wir könnten uns deshalb vorstellen, dass wir den Kassenwettbewerb, den wir ansonsten ausdrücklich begrüßen, für eine Zeit lang aussetzen. Wenn die Politik einen Schutzschirm einrichtet, soll er so aufgespannt sein, dass stärker belastete Kassen einen Ausgleich bekommen. Die GKV kann die derzeitigen Lasten nur gemeinsam schultern. Das wäre unsere klare Forderung an die Politik.

Seit Beginn der Pandemie sind erleichterte Krankschreibungen möglich. Inwiefern werden diese für die Lohnausgleichskassen zum Problem?

Kurz nach dem Lockdown in der 12. und 13. Kalenderwoche stiegen die Arbeitsunfähigkeitsmeldungen bei den Versicherten sprunghaft an. Bei Atemwegserkrankungen war eine telefonische Krankschreibung möglich. Wir erlebten in einer Woche eine Verdreifachung der Krankschreibungen. Das ist inzwischen aber auf ein Normalmaß zurückgegangen. Das werden wir kurzzeitig bei den Lohnerstattungen merken. Das größere Problem liegt bedingt durch Arbeitslosigkeit und Kurzarbeit auf der Einnahmenseite der Umlagekassen. Dort gibt es keinen Finanzausgleich. Wenn die Konjunktur rückläufig ist, merkt man das sofort. Die anderen Krankenkassen bestätigen das. Das gilt für die U1 bei Krankheit und die U2 bei Mutterschaft, die darüber ausgeglichen werden. Die Ärzte sind aktuell schneller dabei, Beschäftigungsverbote für Schwangere schon früher zu verhängen. Die ohnehin hohe Zahl der Fälle ist gestiegen. Auch im Umlagesystem ist Druck drin und da werden die Kassen möglicherweise reagieren müssen. Das hängt davon ab, wie sich die Pandemie weiterentwickelt.

Beim Service Value Krankenkassen landet die IKK classic wieder auf einem vorderen Platz mit der Bewertung sehr gut. Wie erklären Sie sich das Ergebnis und was macht einen guten Kundenservice aus?

Die Kombination aus verbesserter persönlicher Beratung vor Ort, telefonischer Erreichbarkeit und einer attraktiven Online-Präsenz hat dieses Ergebnis ermöglicht. Das wird durch viele andere Befragungen bestätigt. In den letzten Jahren haben wir uns im den Service-Rankings unter den Top 10 der gesetzlichen Kassen fest etabliert.

© deutsche-handwerks-zeitung.de 2020 - Alle Rechte vorbehalten